«In der NHL ist 33 kein Alter»

Mark Streit hat nach einer verpassten Saison in der National Hockey League viel vor. Der 33-jährige Berner Profi hofft, der neue Captain der New York Islanders zu werden.

Eistraining im Sommer: Mark Streit geniesst Gastrecht in Bern und Zürich und bereitet sich auf sein Comeback in der NHL vor.

Eistraining im Sommer: Mark Streit geniesst Gastrecht in Bern und Zürich und bereitet sich auf sein Comeback in der NHL vor. Bild: Keystone

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Was für ein Gefühl ist es für einen Eishockeyprofi, 16 Monate lang kein Spiel bestritten zu haben?
Im Moment kommt es mir nicht vor, als hätte ich so lange nicht mehr gespielt. Ich fühle mich auf dem Eis wie jeden August, sehr gut. Der Sommer war wie jeder andere auch. Aber die Zeit davor war schon hart. Ich hatte Entzugserscheinungen. Ich hatte es zuvor für unmöglich gehalten, dass ich ein ganzes Jahr verpassen könnte. Ich war nie ernsthaft verletzt gewesen. Und dann bin ich dumm in die Bande gestürzt, und schon war es passiert. Man verletzt sich, ist schockiert, aber irgendwann muss man das akzeptieren und vorwärts schauen.

Mussten Sie Geduld lernen in dieser Zeit?
Ich bin ein ungeduldiger Mensch. Aber wenn man verletzt ist, bleibt einem gar nichts anderes übrig. Der Arzt sagte mir gleich, wie es steht, dass ich wohl die ganze Saison verpassen würde. Ich durfte das einfach gegenüber den Medien nicht sagen.

Wieso nicht?
Das wurde vom Klub so entschieden. Am Schluss, als wir noch in Playoff-Nähe kamen, hätte ich beinahe noch eingegriffen. Wenn wir bis auf drei, vier Punkte an einen Playoff-Platz herangekommen wären, hätte ich noch gespielt. Aber dann kamen zum falschen Moment zwei, drei Niederlagen, und es war nicht mehr realistisch. Die Verletzung war eine grosse Herausforderung für mich, körperlich und mental. Dafür habe ich andere Dinge genossen. Ich war dankbar, dass sie mich den Dezember in der Schweiz verbringen liessen. Ich konnte erstmals seit langem wieder Weihnachten mit meinen Eltern und meiner Schwester feiern.

Haben Sie während Ihrer Verletzungspause ein neues Hobby entdeckt?
Dazu blieb keine Zeit. Während der Rehabilitationszeit verbringst du sogar noch mehr Zeit im Stadion als sonst. Es waren lange Tage. Ich hatte Physiotherapie, Eistraining, Aufbautraining. Im Februar und März trainierte ich extrem hart. Im Sommer spielte ich wie immer oft Tennis und Golf und ging ab und zu fischen. Das sind die drei Hobbys, mit denen ich ganze Tage verbringen kann.

Gesundheitlich wäre ein Einsatz an der WM möglich gewesen. Doch General Manager Garth Snow verbot Ihnen die Teilnahme. Haben Sie ihm das übel genommen?
Als dieser Entscheid fiel, nervte ich mich schon. Ich hatte ja auf dieses Ziel hingearbeitet, gehofft, die letzten zehn Spiele für die Islanders zu spielen und dann die WM. Ende März sagte mir Snow, dass er das nicht zulassen könne. Er ist der Chef und hat die Verantwortung. Mit etwas Distanz muss ich sagen: In seinen Schuhen hätte ich das Gleiche gemacht. Wenn mir an der WM etwas passiert wäre, wäre er dumm dagestanden.

Der Verschleiss ist in der NHL enorm. Konnten Sie sich durch die Pause erholen?
Absolut. Nicht nur meine Schulter konnte sich erholen, der ganze Körper und auch der Geist. In den letzten sechs Jahre hatte ich eine grosse Belastung, auch mental. Diese Auszeit hat mir gut getan. Ich bin überzeugt, dass ich noch sehr viel Eishockey in mir habe. Und zwar auf hohem Niveau. Ich bin topfit und habe immer gut trainiert und gewissenhaft gelebt. In der NHL ist 33 kein Alter. Mark Recchi hat mit 42 den Stanley-Cup gewonnen. Nicklas Lidström ist 41 und hat nochmals die Norris Trophy für den besten Verteidiger erhalten. Das sind Vorbilder für mich. Daran orientiere ich mich. Zumal ich realisiert habe, wie sehr ich den Sport vermisse.

Was haben Sie am meisten vermisst?
Alles. Das Spiel selber, den Nervenkitzel, die Anspannung vor dem Match. Die Herausforderung, sich gegen die Besten zu behaupten. Die engen Spiele, wenn man nicht weiss, auf welche Seite es kippt. Den Druck. Das Teamleben, mit den Jungs auf einen Auswärtstrip zu gehen. Am Abend vorher miteinander zu essen. Viele denken mit 33, 34, sie hätten es langsam gesehen. Ich fühle mich, als stände ich erst am Anfang.

Sie trainieren auf dem Eis beim SCB und bei den ZSC Lions. Bemerkten Sie da einen grossen Unterschied?
Man spürt schon, dass Larry Huras schon länger beim SCB ist. Es hat sich einiges eingespielt, die Automatismen sind da. In Zürich merkt man, dass ein neuer Wind weht. Es ist wie Tag und Nacht, wenn man die Trainings vergleicht mit denen von letztem Jahr.

Wie meinen Sie das?
Die Qualität war beim ZSC einfach nicht gut. Die Passqualität etwa war miserabel. Und daran sieht man, ob die Jungs konzentriert sind oder nicht. Man liess zu viel durchgehen. Jetzt ist mit Bob Hartley einer da, der den Spielern auf die Finger schaut. Wenn einer nicht das macht, was der Trainer sagt, pfeift er ab. Und dann wird es so lange gemacht, bis es richtig ist. Die Mannschaft brauchte das.

Könnte Hartley nicht zu hart sein für die Schweiz?
Ich finde ihn sehr sympathisch. Er sagt einfach genau, was er denkt. Und er verlangt viel von seinen Spielern. Wenn du bei ihm immer hart arbeitest, alles gibst, wirst du nie ein Problem haben mit ihm. Aber die, die das Gefühl haben, sie könnten eine Abkürzung nehmen, werden es bei ihm schwer haben. Aber ich finde, der ZSC hatte eine Veränderung dringend nötig.

Sie empfahlen Jeff Tambellini dem Zürcher Sportchef Edgar Salis. Wieso?
Ich habe einen guten Kontakt zu Edgar, wir telefonieren oft miteinander. Ich sagte ihm: Tambellini ist einer, den du holen musst. Der kann Tore schiessen am Laufmeter. Als ich bei den Islanders mit ihm spielte, merkte ich schnell, dass er ideal wäre fürs Schweizer Eishockey. Und er ist auch charakterlich gut.

Sie sind Berner, spielten danach in Freiburg, Davos und Zürich. Wo ist Ihre Heimat in der Schweiz, was das Eishockey betrifft?
Meine Familie und Freunde sind hier in Bern. Aber ich erlebte fünf wunderschöne Jahre beim ZSC. Es war eine unvergessliche Zeit, an die ich noch oft denke. Von der Kameradschaft her war das für mich das Schönste, was ich bisher erlebt habe. Deshalb habe ich einen starken Bezug zu Zürich. Die Zürcher sagen, ich solle nach der NHL zurück zum ZSC kommen. Die Berner sähen mich lieber beim SCB. Sagen wir es so: Ich bin ein Berner, der gerne in Zürich ist. Ich denke auch gerne an die Davoser Zeit zurück. Wir hatten viele Junge, und Arno Del Curto forcierte mich bis ans Limit. Aber ich habe auch nicht vergessen, dass mir Gottéron als Junior eine Chance gab.

Vom 17-Jährigen, der beim SCB nicht ins Elite-A-Team aufgenommen wurde und zu Fribourg ausweichen musste, wurden Sie zum NHL-Pionier und Vorbild. Denken Sie manchmal: «Verrückt, der Weg, den ich gegangen bin»?
Zwischendurch ist es schon gut zurückzuschauen. Wenn ich in der NHL mal einen schlechten Match habe, denke ich: Ich war mit 16 nirgendwo. Von den Juniorentrainern beim SCB hätte keiner damit gerechnet, dass ich es in die Nationalliga A schaffe. Und jetzt bin ich in der NHL, in der besten Liga, und gehöre da zu den besten Verteidigern. Darauf bin ich schon stolz. Es ist wie ein Traum, eine Tellerwäscher-Karriere. Natürlich träumte ich mit 16 von der NHL. Aber abends, wenn ich im Bett lag und mir ausmalte, wie es wäre, dort vor 20 000 Zuschauern zu spielen. Jetzt bin ich dort, wo ich hinwollte. Aber den Weg, die vielen Erfahrungen, die Hochs und Tiefs, auch das erste Amerika-Abenteuer, die Jahre in Zürich, all die Leute, die ich kennen lernte, das möchte ich nicht missen. All diese Geschichten sind das Schöne am Sport.

Was ist Ihre grösste Stärke?
Beharrlichkeit. Ich war nie einer, der gleich brillierte. Ich brauchte immer Zeit, um mich an die Leute zu gewöhnen, an Niveau, Trainer, Mitspieler. Ich bin der Specht, der unablässig auf den Baum einhackt und beharrlich an sein Ziel kommt. Angetrieben hat mich immer die Freude am Sport. Und meine Eltern haben einen grossen Anteil. Wenn ich am Boden zerstört war, haben sie mich aufgebaut. Sie waren immer für mich da, wenn es schlecht ging. Und wenn es gut lief, sorgten sie dafür, dass ich nicht abhob. Mein Vater sagte immer: Hochmut kommt vor dem Fall. Ich habe eine sehr starke Bindung zur Familie. Deshalb ist der August stets ein schwieriger Monat für mich.

Wie meinen Sie das?
In den letzten Wochen, bevor ich nach Nordamerika fliege, ist bei mir stets eine gewisse Unruhe, Nervosität da. Ich bin noch hier, aber schon nicht mehr richtig. Ich freue mich aufs Eishockey, aber privat ist es hart. Es tut weh, sich für acht, neun Monate von Familie und Freunden zu verabschieden, sein Umfeld hinter sich zu lassen. Viele liebäugeln mit dem Ausland. Aber davon zu reden und es zu tun, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe.

Was erwarten Sie in Ihrer dritten Islanders-Saison? Das Team blühte in der zweiten Hälfte der letzten Spielzeit auf – ein gutes Zeichen?
Die Voraussetzungen sind eigentlich gut. Aber wichtig ist, dass die Jungs weiter Fortschritte machen. Grabner, Tavares, Nielsen, Moulson, Comeau, MacDonald, Hamonic: Das sind gute, talentierte Spieler. Wir haben Talent und viel Biss. Aber die Konstanz wird entscheidend sein.

Die Islanders verhielten sich im Sommer auf dem Transfermarkt passiv. Hat Sie das enttäuscht?
Das Ziel war, uns punktuell zu verstärken. Spieler wie Christian Ehrhoff oder James Wisniewski haben anderswo solch hoch dotierte Verträge bekommen, die ich ihnen als GM auch nicht gegeben hätte. Wir haben einen Kern an Spielern, der in den letzten zwei, drei Jahren aufgebaut wurde. Die Chemie in der Mannschaft stimmt. Die Strategie, die Jungs jetzt mal machen zu lassen, ist gut.

Was trauen Sie Ihrem Schweizer Teamkollegen Nino Niederreiter zu?
Sein Ziel ist ein Stammplatz. Er wird im Sommer sicher körperlich zugelegt haben. Er wird am Anfang dabei sein, und dann ist es an ihm, sich einen Platz zu erkämpfen. Wir haben einen guten Draht zueinander, ich werde ihn sicher unterstützen. Er sollte sich nicht zu stark unter Druck setzen. Er wird erst 19. Aber bei ihm habe ich ein gutes Gefühl. Er ist ein bodenständiger und ehrgeiziger Junge.

Sie sind das Gesicht der Werbekampagne der Islanders für Saisontickets. Ist das ein Indikator, dass Sie Captain werden?
Ich weiss es nicht. Es hat mir natürlich geschmeichelt. Ich würde gerne Captain sein, es wäre eine schöne Herausforderung. Aber ob ich es werde, sehe ich in einem Monat. Klar ist: Es wird einen neuen Captain geben, weil Doug Weight zurückgetreten ist.

Wer bestimmt ihn?
Trainerstab und General Manager.

Dürfen Sie vom Stanley-Cup träumen. Oder ist der zu weit weg? Jeder träumt vom Stanley-Cup. Man muss einfach ins Playoff kommen. Dann ist alles möglich. In Montreal spielte ich zweimal Playoff. In der ersten Saison nur zwei Spiele, im letzten Jahr kamen wir in die zweite Runde. Was man im Playoff erlebt, ist einmalig. Ich verfolgte die erste Runde sehr intensiv. Ich war in den Ferien in Florida und habe täglich zwei, drei Matches geschaut. Es gibt nichts Besseres. Ich musste zuletzt dreimal im April am Fernseher zuschauen. Nun will ich endlich wieder selber dabei sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2011, 17:42 Uhr

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Die Szene sah recht harmlos aus, doch die Konsequenzen waren gravierend: Mark Streit wurde Ende September 2010 in einem internen Trainingsspielchen der Islanders von Matt Moulson in die Bande geschubst. Dabei erlitt er einen Bänderriss im linken Schultergelenk sowie eine lädierte Rotatorenmanschette. Seine dritte New Yorker Saison war vorbei, ehe sie begonnen hatte. Der 33-Jährige, der 2008 einen Fünfjahresvertrag bis 2013 unterschrieb, für 20,5 Millionen Dollar, reist nun Anfang September zurück, um Versäumtes nachzuholen. Zuerst muss er sich eine neue Mietwohnung suchen, weil seine bisherige Bleibe in Garden City verkauft wurde. Die Islanders hofft er erstmals seit 2007 ins Playoff zu führen. Anfang November bekommt er bei dieser Mission spezielle Unterstützung: Seine 96-jährige Grossmutter, die noch nie weiter als im benachbarten Ausland war und ein begeisterter Sportfan ist, reist für zwei Heimspiele an. (sg)


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