Institution vor dem zweiten Grounding

Die finanziell gebeutelten Kloten Flyers brauchen in diesem Sommer einen Neuanfang.

Ernüchterung bei den Flyers: Nicht nur die Spieler stehen in Kloten vor einer ungewissen Zukunft.

Ernüchterung bei den Flyers: Nicht nur die Spieler stehen in Kloten vor einer ungewissen Zukunft. Bild: Keystone

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Während die ZSC Lions am Mittwoch ihre Titelfreude zelebrierten, boten Exponenten der Kloten Flyers in Zürich ein eher erbärmliches Schauspiel. Sie jonglierten mit Zahlen, bemühten Durchhalteparolen vor dem Jahresabschluss. Bei der Präsentation seines designierten und schon wieder ausgeschiedenen Nachfolgers Adrian Fetscherin hatte Präsident Jürg Bircher von einer wahrscheinlich erfolgreichen Kapitalerhöhung mit gegen zwei Millionen Franken gesprochen. Neun Wochen später waren laut Bircher nur noch knapp über 800'000 Franken gezeichnet. Der Liquiditätsengpass ist dramatisch.

Klar erschien nach diesen Chaostagen, dass die Flyers bei ihrer Schuldenlage wenn überhaupt nur eine Zukunft mit neuen Leuten und ohne die aktuelle Führung haben. Gespenstisch mutet an, wie sich der Club von Bircher abgewendet hat, der selber in kurzer Zeit einige Millionen verlor. Die Zuschauer boykottieren den Saisonkartenverkauf, die Gönner halten ihre Beiträge zurück, die Sponsoren steigen aus. Die Mannschaft und die sportliche Leitung üben sich in grollendem Schweigen, die Stadt sistierte die Verhandlungen zur Übergabe der Cateringrechte. Eine Mauer der Ablehnung umgibt so den noch nicht zurückgetretenen Verwaltungsrat.

Die Geschichte droht sich zu wiederholen. Vor 13 Jahren hielt der schwer verschuldete EHC Kloten die Stadt und die Liga mit einer ganzen Reihe von spektakulären Notübungen in Atem. Am 3. September, dem Morgen nach dem Absturz einer Swissair-Maschine vor der kanadischen Küste, präsentierte Präsident Jürg Ochsner mit dem lokalen Fensterbauer Felix Burgener einen Nachfolger. Burgener versprach, eine Million einzuschiessen. In seiner ersten und fast einzigen Amtshandlung entliess er Sportchef Roland von Mentlen. Wenig später bezeichnete er die finanzielle Lage als katastrophal und verabschiedete sich zum HC Thurgau.

Der nächste Kandidat, Bruno Rigoni, zog sich angesichts der alarmierenden Zahlen schon nach wenigen Tagen zurück. An der Generalversammlung summierte sich das Minus auf neun Millionen Franken, inklusive der vier Millionen, die Kloten für den Stadionumbau zu begleichen hatte. Ochsner wurde ausgepfiffen, während der neue Trainer Wladimir Jursinow bei seinem Auftritt Ovationen aus dem Saal erntete. Eine der skurrilsten Nächte endete dann trotzdem in Minne, weil ein Revisor den Einstieg eines Grossinvestors ausrief.

Charakter als Dorfklub müsse bewahrt werden, so Bossert

Am 27. Juni 1999 präsentierte der Club den Swissair-Chef Philippe Bruggisser als Retter in höchster Not. Er erschien in einem Kloten-Trikot. Er schoss zwei Millionen Franken ein und installierte später mit Armin Daume einen Präsidenten aus dem eigenen Stall.

Im Prinzip war der sportliche Erfolg mit der Titelserie zwischen 1993 bis 1996 verantwortlich für das finanzielle Debakel gewesen. Die Meistermannschaft wurde immer teurer, die Ausgaben stiegen auf über acht Millionen Franken pro Saison. Ochsner sagte danach, einen fünften Titel, der im Prinzip in Reichweite war, hätte man sich nicht leisten können und wollen.

Die Freude über die neue wirtschaftliche Sicherheit dank der Swissair währte nicht lange. Im Oktober 2001 folgte das Grounding der Swissair. An Weihnachten schenkte sich der ehemalige Arosa-Präsident und Verbandsdirektor Peter Bossert das Aktienpaket aus der Konkursmasse der nationalen Airline. Der pensionierte Unternehmer versuchte, die Rechnung im Lot zu halten, verordnete unter anderem eine Lohnkürzung und musste trotzdem pro Jahr geschätzt eine Million Franken aus dem eigenen Sack beisteuern. Nach sechs Jahren wurde ihm das Hobby zu teuer. Bossert hat sich immer als Treuhänder einer Institution verstanden. Kloten müsse seinen Charakter als Dorfklub bewahren, sagte er.

Jürg Bircher, der die Flyers im Dezember 2008 von Bossert übernahm, setzte zur Titeljagd an und hatte für die mittelfristige Zukunft weitere hochfliegende Pläne. Er blendete aber die Realitäten Klotens weitgehend aus. Im Gegensatz zu andern Klubs fehlt ein Mäzen, wie ihn Lugano (Mantegazza), die ZSC Lions (Frey) oder der HC Davos (Spengler-Cup) haben, der die jährlichen Rückschläge ausgleicht.

Die teure Vorwärtsstrategie überdeckte, dass die Flyers in den Jahren unter Birchers Führung die Einnahmen von 10 auf 12,5 Millionen Franken pro Saison verbesserten. Die Zahl der Saisonkarten wurde im Vergleich zu zehn Jahren zuvor fast verdoppelt. Die Marketingabteilung steigerte den Ertrag ebenfalls markant. Zurzeit liegt dieser Sektor brach, nachdem Rolf Mosimann im letzten Februar wegen der Fetscherin-Aktion Birchers aus dem Verwaltungsrat zurücktrat. Der frühere Juvena-Manager akquirierte nicht nur die Sponsoren, sondern war die Integrationsfigur, ja die Seele des Klubs. In jedem Heimspiel machte er die Runde bei Gönnern und Medien und hatte immer einen Merksatz bereit. Sein letztes, sarkastisches Wort zum Abend, passend angesichts der Probleme der Flyers: Wie macht man als Präsident eines Sportklubs ein kleines Vermögen? Antwort: Man beginnt mit einem grossen.

Mosimann ist in den Gönnerorganisationen weiter aktiv. Auch ihm ist klar, dass es einen Neuanfang bei den Flyers braucht. Und die Besinnung auf die Werte, die diesen Club einmalig machten.

Kloten ist seit über einem halben Jahrhundert in dieser Liga und damit dienstältester A-Klub. Er stieg noch nie ab, war noch nie wirklich in Abstiegsgefahr. Bis zur Fusion von ZSC und GC 1997 war er im Raum Zürich die klare Nummer 1. Er setzte immer auf Spieler, die im eigenen Nachwuchs ausgebildet wurden. Er vertraut bis heute Trainern aus Europa und nicht Kanadiern. Das Eishockey beruht immer auf den läuferischen und technischen Kapazitäten der Spieler und macht im besten Fall dem Namen Flyers alle Ehre.

Traditionelle Geschäftsmodelle von Kloten nicht mehr möglich

Die Spieler sind bis heute auch bei der Konkurrenz gefragt. Vergangene Saison spielten 20 frühere Kloten-Junioren bei den elf andern A-Klubs. Die meisten sind dort zentrale Kräfte, die meisten schafften es auch ins Nationalteam. Das Geschäftsmodell trug Kloten zu Ochsners Zeiten stattliche Leihsummen ein, in der Ära Bossert wurde ein Transferertrag von einer Million Franken pro Saison angestrebt. Ein solcher ist nach dem Systemwechsel zu Ausbildungsbeiträgen nicht mehr möglich. Zudem erhalten Schweizer Klubs im Gegensatz zu Deutschland und Schweden keine Entschädigung, wenn ihre Spieler in eine NHL-Organisation wechseln.

Kloten bewegt sich heute auf einem schmalen Grat. Der Nachbar ZSC wirft lange Schatten. Auf der andern Seite brauchen die Flyers einen gewissen sportlichen Erfolg, um das verwöhnte Publikum zu halten. Die Flyers waren in den vergangenen Jahren trotz zwei Finalniederlagen nicht nur das Aushängeschild, sondern auch der Stolz der Flughafenstadt. Was ist davon geblieben?

Erstellt: 22.04.2012, 12:30 Uhr

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