«Ja, die ZSC Lions würden mich reizen»

Der letztjährige ZSC-Meistercoach Hans Kossmann (56) verpasste als Nothelfer Wolfsburgs das Playoff. Nun sei er wieder offen für neue Herausforderungen, sagt er.

«So etwas vergisst man nicht so schnell»: Hans Kossmann blickt gerne zurück auf seine Zeit als ZSC-Trainer. Foto: Melanie Duchene (Keystone)

«So etwas vergisst man nicht so schnell»: Hans Kossmann blickt gerne zurück auf seine Zeit als ZSC-Trainer. Foto: Melanie Duchene (Keystone)

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Wo erreiche ich Sie gerade?
Die Sonne strahlt über dem Genfersee. Ich habe hier Freunde besucht, auch Chris McSorley. Nun reisen meine Frau und ich zurück nach Deutschland. Auf dem Weg halten wir noch für Kaffee und Kuchen in Schaffhausen bei meinen Verwandten.

Und dann geht es weiter in die Ferien nach Sizilien wie 2018 nach dem Titel mit dem ZSC?
Nein, für Sizilien ist es noch zu früh, zu kalt. Dafür hätte ich das Playoff erreichen und da etwas länger spielen müssen. Das ist meine Strafe für das Verpassen des Playoff. (lacht) Am Montag fliegen wir zurück nach Kanada. Ich muss dort sein für die Beerdigung meines Onkels. Anfang ­Januar ist schon meine Mutter ­gestorben, mit 91. Das war gar kein guter Start ins Jahr.

Ihre Saison mit Wolfsburg ging letzte Woche auf Rang 12 zu Ende. Sie gewannen fünf der letzten sechs Spiele, aber es fehlten sechs Punkte. Kam der Kossmann-Effekt zu spät?
Das kann man so sagen. Wir waren in den letzten 15 Spielen die Nummer 4 der Liga. Mit diesem Schnitt hätte es locker gereicht. Aber das Team hatte einen ganz schweren Start und viele Verletzungen. Goalie Brückmann verpasste wegen einer Hüftoperation die ganze Saison, zwei Topausländer ebenfalls. Es fehlte uns an Substanz. Wir hatten lange grosse Mühe, Tore zu schiessen. Aber es war trotzdem eine gute Erfahrung. Es war spannend, in einer anderen Liga zu coachen.

Als Arno Del Curto beim ZSCim Januar Serge Aubin ablöste, dachten Sie nicht: Schade, bin ich in Wolfsburg?
(lacht) Ganz ehrlich: Ich hätte nicht gedacht, dass es schon wieder einen Trainerwechsel geben würde in Zürich. Deshalb ging ich auch nach Wolfsburg. Ich dachte, dass die Lions vielleicht anfangs Mühe haben, unter dem Meisterblues leiden. Aber ich war überzeugt, dass sie ihren Weg dann schon finden würden.

Haben Sie einmal mit Sportchef Sven Leuenberger telefoniert, als es nicht lief in Zürich?
Um Weihnachten haben wir uns einmal unterhalten. Ich sagte, ich könne in Wolfsburg nicht weg, sei vertraglich gebunden.

Haben Sie die letzten Wochen der ZSC Lions verfolgt?
Ja. Ihren letzten Match in Genf habe ich sogar im Fernsehen geschaut, zu Hause bei meinem Assistenten Niklas Gällstedt. Er hat eine TV-Box aus Schweden und konnte auch Schweizer Kanäle empfangen. Das Spiel war für die ZSC Lions wohl so wie die ganze Saison: Sie haben nicht schlecht gespielt, aber sie haben einen Weg gefunden, um zu verlieren.

Haben Sie mitgelitten?
Ich war schon ein bisschen traurig, dass es so schlecht lief. Ich dachte, der Titel gibt der Mannschaft Selbstvertrauen, damit sie den nächsten Schritt machen kann. Aber es ist schwer zu beurteilen von aussen, was da alles hineingespielt hat. Die Verletzungen halfen sicher nicht. Wick und Cervenka waren lange out. Suter war in Übersee und hatte danach Mühe. Pettersson war zuerst gesperrt, dann krank, dann überzählig. Ein schlechter Start kann für einen Goalgetter Gift sein. Das weiss ich aus eigener Erfahrung. Und wenn von den Ausländern nicht viel kommt, setzt das jedes Team unter Druck. Wir hatten letzte Saison ja auch lange Mühe, Tore zu schiessen. Aber irgendwann merkten wir, wie hart wir arbeiten müssen, damit die Tore kommen.

Wie erklären Sie sich, dass ein nominell so gutes Team wie der ZSC zwei Winter nacheinander so grosse Mühe hat in der Qualifikation?
Egal, wie gut eine Mannschaft besetzt ist: Deine Topspieler müssen deine Topspieler sein. Das war dieses Jahr nicht der Fall beim ZSC, vor allem nicht im Sturm. Vielleicht haben die ­Leute auch zu viel erwartet. Das Team ist offensiv nicht so gut, wie ­jeder denkt. Vor allem nicht, wenn es schöne Tore schiessen will. Es gibt inzwischen keine Liga mehr, in der einem das Toreschiessen leicht gemacht wird.

Haben Sie sich auch schon überlegt, was passiert wäre, wenn Sie nach dem Titel beim ZSC hätten bleiben dürfen?
(lacht) Solche Gedanken führen zu nichts. Es ist, wie es ist. Ich ­geniesse die guten Erinnerungen an den Meistertitel. Ich weiss, wir haben sehr gute Arbeit gemacht, als ich dort war. Ich weiss als Coach, was funktioniert. Und auch meine Erfahrungen in Deutschland zeigen mir, dass meine Ideen die richtigen sind. Leider brauchten wir etwas zu lange, bis sie richtig griffen.

Wie unterscheidet sich die DEL von der National League?
Es ist auch eine gute Liga. Die Teams sind sehr robust, mit grossen, kräftigen Verteidigern. Es ist schwierig, vors Tor zu kommen. Natürlich hat es einen grossen Einfluss, dass neun Ausländer zugelassen sind und nicht nur vier wie in der Schweiz. Die meisten kommen aus Übersee. Aber das Gefälle ist gross. Das Fitnesslevel vieler Ausländer ist nicht gleich gut wie das von Topausländern in der Schweiz. Schade ist, dass wegen der vielen Ausländer kaum Junge spielen in der DEL. Da ist die Schweizer Regelung schon gut. Was mir gefiel in Deutschland: Oft spielst du Freitag/Sonntag und nicht an zwei Tagen nacheinander. Das ermöglicht dir, auch das zweite Spiel seriös vorzubereiten.

War es für Sie kein Thema, in Wolfsburg zu bleiben?
Nicht wirklich. Es war kein ­einfaches Jahr, auch nicht für meine Frau, die dort niemanden kannte. Ich bin sicher, dass in Wolfsburg etwas Gutes entstehen kann. Wenn du neun Ausländerpositionen neu besetzen kannst, kannst du einiges verändern. Wenn ich jünger wäre, hätte es mich gereizt, dort in zwei, drei Jahren etwas aufzubauen. Aber ich könnte mir eher vor­stellen, wieder in der Schweiz zu arbeiten.

Wieder als Nothelfer?
Na ja, ich möchte jetzt nicht als Feuerwehrmann definiert werden. Ob du für vier Monate kommst oder für acht, es braucht sowieso viel Energie. Im Winter lebst du als Coach sieben Tage pro Woche fürs Eishockey. Nur so kannst du erfolgreich sein.

Könnten Sie sich vorstellen, nochmals zum ZSC zurück­zukehren?
Ja, die ZSC Lions würden mich reizen. Schauen wir, was noch auf mich zukommt. Der Job fasziniert mich immer noch.

Denken Sie manchmal noch zurück an die Playoff-Reise mit dem ZSC?
O ja! Manchmal sehe ich mir auch Videos davon an. Und ich werde immer wieder darauf angesprochen. So etwas vergisst man nicht so schnell. Ich hatte auch mit Fribourg viel Erfolg, ­gewann in meinen drei Jahren am meisten Spiele aller Coaches der Liga. Doch den Titel zu ­gewinnen, ist äusserst schwierig. Und deshalb so speziell.

Nun geht es für Sie zurück nach Vancouver Island, wo Sie Ihr Haus umbauen. Wie weit sind Sie schon?
In den letzten Monaten bin ich nicht wirklich weitergekommen. (lacht) Aber es steht immer noch.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.03.2019, 13:19 Uhr

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