Lehrjahre eines Captains

Denis Hollenstein ist die Schlüsselfigur des EHC Kloten. Obwohl sein Vater die grosse Clublegende ist, durchsetzen musste er sich selbst.

Kein seltenes Bild im Herbst 2016: Denis Hollenstein feiert mit seinen Teamkollegen ein Tor. Foto: Steffen Schmidt (Freshfocus)

Kein seltenes Bild im Herbst 2016: Denis Hollenstein feiert mit seinen Teamkollegen ein Tor. Foto: Steffen Schmidt (Freshfocus)

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Einst war bei Hollensteins eine Stabübergabe tatsächlich nur eine Stabübergabe. Lange bevor der Sohn gefragt wurde, was es ihm bedeute, nun ebenfalls Kloten-Captain zu sein, wechselten Hockeystöcke im Dutzend die Hand von Felix zu Denis. Der ­ältere Sohn der Hollensteins sammelte sie und nutzte seinen Vater als ergiebige Quelle.

Jahrelang ging das so, auf 250 Stöcke schätzt Denis seine Kollektion inzwischen. Doch das sammelnde Kind gibt es längst nicht mehr, und wenn heute in Kloten ein Hollenstein Schlagzeilen macht, dann er. Denis ist der beste Torschütze der NLA, der beste Skorer, hat die beste Plus/Minus-Bilanz. Er prägt mit seiner unermüdlichen Art das Klotener Spiel wie schon lange keiner mehr.

Frühe Leidenschaft: Auch Motocross begeisterte Denis. Foto: Privatarchiv Hollenstein

Der Gedanke liegt nahe: wie keiner seit Felix, den alle nur Fige rufen. Doch die Zahlen sagen etwas anderes: In den letzten 34 Jahren gab es in der NLA bloss einmal einen einheimischen Topskorer – und der hiess Damien Brunner. Denis Hollenstein ist im Begriff, ein Kapitel zu schreiben, das über die Familien- und Clubgeschichte hinausgeht.

Gegen die Eltern durchgesetzt

Er selbst sieht das nicht so. «Ich ver­suche, der Mannschaft zu helfen, wo ich kann», sagt der 27-Jährige, «im Moment gehen die Pucks einfach rein, und wir nehmen die Tore – egal, von wem.»

Das klingt nicht originell und trifft doch den Kern. Im Vergleich zum Vater, der früher die feindselige Atmosphäre im Hallenstadion nicht bloss genoss, sondern gar noch aufheizte, erscheint der heutige Captain fast introvertiert. «Es ist nicht so, dass ich aufstehe und sage: Jungs, so geht es nicht», beschreibt er die Reaktion nach dem 0:7 gegen Zug am letzten Freitag, «wir wussten ja alle, dass wir es in Bern anders machen mussten.»

Sich unter widrigen Umständen auf den Job konzentrieren: Das ist ein Leitmotiv für Hollensteins Werdegang. ­Unfreiwillig wie 2012 und 2016, als der Klotener zweimal erlebte, wie sein Club am Rand des Ruins stand. Als niemand wusste, wie es weitergeht, und die Konkurrenz mehr oder weniger deutlich ­Interesse an Spielern bekundete. Und doch keiner absprang, der Trainings­betrieb weiterging, als sei alles normal.

Herz für Tiere: Hunde waren bei Hollensteins stets wichtig. Foto: Privatarchiv Hollenstein

Von anderer Art war der Widerstand, den Hollenstein bei der Karriereplanung selbst wählte. Mit 17 zog er nach Guelph in die kanadische OHL – nicht nur zum Wohlgefallen der Eltern, die ihn lieber etwas mehr in der Nähe gehabt hätten. Doch Denis setzte sich durch. Er wollte ins Schaufenster der NHL kommen. Und er wollte mehr Eiszeit: «Für mich war es wichtig, dass ich viel spielen und mich weiterentwickeln konnte.»

Die harten Hunde in Kanada

Darum war der Sprung nach Kanada, wo die Saison 68 Spiele lang ist, logisch. Und da war noch etwas: Hier interessierte sich kein Mensch dafür, wie er hiess und wie er gerne spielen würde. Das System war einfach und defensiv, die Rolle klar, der Coach der Boss. Dave Barr hiess der 2007/08, Hollensteins ­erster Saison. Er forderte von seinen Spielern vor allem die bedingungslose Umsetzung der taktischen Vorgaben. Für den Zürcher wurde es eine ­Lebensschule. «Die Trainer in Kanada haben mich geprägt, das waren harte Hunde», erinnert er sich. «Wenn du als Europäer dorthin kommst, ist es nicht so einfach: Du musst dich ständig be­währen und lernst jeden Tag. Dort habe ich das Spiel angenommen, das ich jetzt habe: dass jeder Einsatz zählt, es immer hundertprozentigen Einsatz braucht.»

Gesundheitlich war es ein schwieriges Premierenjahr. Die Mehrbelastung forderte hohen Tribut: Hollenstein hatte eine kaputte Schulter, die er nach der Saison operieren lassen musste, auch das Knie und der Rücken machten Probleme. Er verpasste fast die halbe Saison.

Verlorene Zeit war es dennoch nicht. Er lernte, sich in der fremden Um­gebung zurechtzufinden, bekämpfte das Heimweh via Skype. Und er knüpfte Freundschaften, die bis heute halten.

Eine davon ist die mit Brandon Buck. Der inzwischen 28-jährige DEL-Stürmer von Ingolstadt erinnert sich gut daran, wie Teenager Hollenstein nach Ontario kam: «Am Anfang war er etwas schüchtern. Aber er kam bald aus sich heraus und war der extrem offene Typ, der er bis heute geblieben ist.»

Familienidyll vor grosser Kulisse: Marc, Barbara, Felix und Denis Hollenstein (v. l.) beim väterlichen Abschiedsspiel 2002. Foto: René Meier (Keystone)

Zwei Dinge sind dem Kanadier vom jungen Schweizer besonders in Erinnerung: der Handgelenkschuss und die Sprachkenntnisse. Schon damals sei klar gewesen, dass Hollenstein das Talent für eine Karriere hatte – dass er «the real deal» sei, so Buck. Und auch das Englisch des Stürmers sei schon sehr gut gewesen. Mit der bemerkenswerten Ausnahme, dass Hollenstein beim Versuch eines Autokaufs statt den Werkstattchef einmal den Koch zu sprechen wünschte. Die ­Bedeutung des englischen Worts «Chef» wird er dank der Lachanfälle seiner ­Begleiter kaum mehr vergessen. Mit dem angestrebten NHL-Draft klappte es nicht – auch wegen der Verletzungen. «Denis’ Körper war noch nicht reif für die hohe Belastung», sagt Roly Thomp­son, mit der Familie Hollenstein seit Jahren verbundener Spieleragent, «jeder wird im eigenen Tempo erwachsen. Und bei ihm dauerte es etwas länger.» Inzwischen betrachtet Thompson den Prozess als abgeschlossen. Vor ein paar Wochen war er in der Schweiz und stellte fest: «Denis ist ein Mann geworden. Wenn es in der NLA einen besseren Spieler gibt, habe ich ihn nicht gesehen.»

Abschied mit Vater und Bruder

Auch wenn es im Rückblick so wirken mag: Der Weg vom krabbelnden Kleinkind in der Klotener Garderobe über die ersten Schlittschuhschritte am Schluefweg und die Junioren zum dominanten NLA-Spieler war keineswegs logisch. Klar gab es Privilegien: die viele Zeit als Trainingsgast; den Stocklieferanten in der eigenen Familie; die Prominenz, die daheim ein und aus ging. Nicht jeder 12-Jährige steht beim Abschiedsspiel des Vaters vor 7000 Zuschauern im Rink mit Gegnern wie Jaschin, Bykow, Afinogenow. Und schiesst ein Tor. «Zweimal Hollenstein auf Pass von Hollenstein und Hollenstein», erinnert sich Denis an den August 2002, «so, wie es sein muss.»

Bruder Marc war der Dritte im Bunde – er teilte mit Denis die Leidenschaft für Eishockey und Motocross, doch bei ihm verschoben sich die Gewichte mit den Jahren Richtung Motorsport.

Eishockey­verrückt

Nicht so bei Denis. Immer mehr drehte sich ums Hockey: Er verbrachte Zeit auf dem Eis, sammelte Souvenirs, verfolgte alle möglichen Ligen und ­Spieler. Sein Vater nennt ihn «einen Eishockey­verrückten – im positiven Sinn». Und ­Denis wurde besser, erhielt Aufgebote für Junioren-Nationalteams. Eine Karriere im Eishockey war nicht mehr bloss ein Traum, sondern ein Ziel.

Und doch gab es Zweifel. Zusammen mit seinem heutigen Teamkollegen ­Roman Schlagenhauf galt Hollenstein zwar als bester Kloten-Stürmer seines Jahrgangs. Doch die Unterländer Junioren waren längst dabei, ihre nationale Vormachtstellung einzubüssen. Und einen Überflieger vom Format seines ­Vaters erkannten nicht viele in ihm. Froidevaux, Berger, Sciaroni, Simon Moser: Die Stars der ­Generation 1989 hatten andere Namen. Und als die U-20 im Januar 2009 abstieg, fand sich Hollenstein mit null Punkten und kaum Einsätzen gar am Ende der internen Skorerliste wieder.

Jeden Tag eine Pille

Doch da steckte er schon mitten in der ­kanadischen Lebensschule: immer vollen Einsatz geben, sich nicht entmutigen lassen. Die längere Anlaufzeit gehörte beim verletzungsanfälligen Jungstürmer gewissermassen zum Programm.

Nach seiner Rückkehr in die Schweiz 2009 dauerte es 44 Saisonspiele, ehe der TA vermelden konnte: «Für den Filius der Klotener Legende war es der erste Treffer in der obersten Liga.» Die Hälfte der Partien hatte Hollenstein verletzt verpasst, doch nun nahm er Schwung auf. In fünf der verbleibenden sechs Qualifikationsspiele traf er erneut. Vom Sohn einer Legende schrieb jetzt keiner mehr. Dafür von einem der hoffnungsvollsten jungen Schweizer Stürmer.

Der anschliessende Aufstieg ist gut ­dokumentiert: Im Jahr darauf Debüt in der Nationalmannschaft, seit 2012 keine WM verpasst, vor drei Jahren zweitbester Schweizer Skorer beim WM-Silber von Stockholm. Gesundheitliche Rückschläge blieben nicht aus – bis heute muss er täglich Pillen nehmen zur Behandlung einer chronischen Entzündung der Speiseröhre –, aber sie wurden weniger. Womöglich auch, weil er bei der körperlichen Vor­bereitung gern neue Wege ging. Zuletzt schwitzte er zusätzlich zum normalen Klotener Sommertraining in einer Gruppe mit Nordamerika-Söldnern in Oerlikon.

Logische Wahl

Dass Hollenstein einer ist, der sich in jedem Bereich verbessern will, prädestiniert ihn zum Captain. Und doch übernahm er dieses Amt auf fast surreale Weise. «Es war kurios, es war ein Schock», sagt Hollenstein zu jenem Tag im September 2015, als Victor Stancescu seinen Teamkollegen nach einem Training überraschend seinen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen mitteilte. Hollenstein wurde gar nicht erst gefragt, ob er Nachfolger werden wolle. «Denis, du machst das jetzt», sagte Trainer Sean Simpson einfach. Das wars.

Es war eine ungewöhnliche Captainwahl, aber eine logische. «Ich bin hier aufgewachsen, habe hier den grössten Teil meiner Karriere verbracht, bin hier zu Hause», sagt Hollenstein. Gerade hat er ein neues Haus bezogen. Bis auf einen Eishockeystock von Mats Sundin und einen von Sergej Fjodorow ohne seine alte Sammlung. Die ist sicher aufbewahrt – im Dachstock der Eltern, bewacht von der hauseigenen Schäferhundzucht. Die Zeiten haben sich ge­ändert. «Wir sind schon stolz auf ihn», geben Barbara und Felix Hollenstein zu. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.11.2016, 00:10 Uhr

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