Mehr als eine Nasenlänge voraus

Ruppig, schnell, respektlos: Meister Davos zwang dem ZSC sein Spiel auf – und ist mit seinem Erfolgsrezept ein Abbild der Gesellschaft.

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Ich habe schon Pferde um eine Nasenlänge verlieren sehen. Aber noch nie ein Hockeyteam wegen einer Nase. Als am Samstagabend die 100 Kilo Beat Forsters auf Chris Baltisberger einkrachten, kam der ZSC-Stürmer ausgerechnet so zu Fall, dass er den Puck mit seiner Nase vor der Linie stoppte. Und statt 1:0 für Zürich hiess es bald 0:1. Wir alle ­spürten, dass dieses Spiel mit dem ersten Tor entschieden würde. So kam es dann auch.

Der frühere Football-Coach Bum Phillips sagte einmal: «Gewinnen ist nur die Hälfte. Die andere ist es, Spass zu haben.» Die Davoser schafften beides. Sie spielten mit einer Freude und einer Leidenschaft, die ich noch selten gesehen habe. Wenn man nach dem letzten Spiel in die leeren Augen der ZSC-Cracks blickte, fragte man sich, ob sie diesen Final überhaupt ein bisschen hatten geniessen können. Sie wurden durch die überfallartigen Angriffe und Einschüchterungsmethoden der Davoser so durchgeschüttelt, dass sie keine Antwort fanden. Selbst Aggressivleader Baltisberger schaute zuletzt drein, als hätte er genug. Die Zürcher waren erledigt.

Del Curto, der Topmanager

Ich fühle mich bei der ZSC-Analyse ein bisschen unwohl, wie ein Pathologe, der eine Autopsie vornimmt. Zuerst möchte ich daher dem HCD gratulieren, der etwas vom Besten gezeigt hat, das ich im Schweizer Eishockey gesehen habe. Es war Arno Del Curtos Sternstunde. Er managte sein Team so, dass es zum richtigen Zeitpunkt seine körperliche und mentale Bestform erreichte. Die Davoser umschwärmten den Puck, checkten alles, was sich bewegte, und attackierten das Tor mit einer solch rücksichtslosen Unbekümmertheit, dass jeder Puck im Zürcher Netz zu landen drohte. Es war eine Freude, da zuzuschauen.

Eine Szene stand für mich sinnbildlich: Im Schlussabschnitt des letzten Spiels gerieten Dino Wieser und Andri Stoffel vor dem ZSC-Tor in eine Rangelei. Mit den schwarzen Haarsträhnen, die unter seinem Helm beidseits herunterfielen, seinem zahnlosen Grinsen und seinen glänzenden Augen sah Wieser aus wie ein Wilder. Stoffel machte seinen Job, aber es war offensichtlich, dass er wenig begeistert war. Es war, wie wenn ein Bergler gegen einen Städter kämpfte. Wieser liebte es, Stoffel nicht. Genau so hatten die Zürcher nicht spielen wollen.

Je länger die Serie dauerte, desto besser wurden die Davoser. Nicht aber die Zürcher. Ein Trick in einer Best- of-7-Serie ist es, den Gegner aus dem Konzept zu bringen, ihn dazu zu zwingen, etwas zu tun, das ihm nicht behagt. Ab dem zweiten Spiel begannen die Bündner, die Kontrolle zu übernehmen. Ab dem vierten diktierten sie die Regeln. Und Marc Crawford fiel nichts ein, um das Momentum zu verändern. Er wechselte die Linienkombinationen und ersetzte Smith durch Bergeron, doch das waren alles nur Basteleien am Rande. Das Spielsystem blieb dasselbe. Und das war das Problem.

Das hätte Crawford tun müssen

Die Davoser überforderten die Zürcher mit ihren langen Pässen und ihrem Tempo, die Angriffsauslösungen der Lions hingegen waren viel zu langsam und vorhersehbar. Und sie verloren fast alle Kämpfe in der Davoser Zone. Irgendwie hätten sie das Spiel verlangsamen müssen, um ihre spielerischen Vorteile auszuspielen. Ich wäre es so angegangen: Del Curto will nicht, dass seine Verteidiger den Puck lange am Stock führen. Er will, dass sie ihn so schnell wie möglich nach vorne zu den Stürmern befördern, damit diese angreifen oder wieder forechecken können. Was kann man da tun? Ganz einfach, die HCD-Verteidiger dazu zwingen, den Puck zu führen, indem man in der neutralen Zone wartet und so den Davoser Rhythmus bricht.

Man kann sich fragen, ob der Titelverteidiger und Qualifikationssieger sein Spiel so drastisch umstellen soll. Aber aussichtslose Situationen verlangen aussergewöhnliche Lösungen. Und was war die Alternative? So zu verlieren, wie es der ZSC nun tat.

Der ZSC muss härter werden

Was lernen wir aus diesem Final? Dass das Eishockey inzwischen mit solchem Tempo und einer solcher Wildheit gespielt wird, dass Talent allein nicht mehr reicht zum Erfolg. Die ZSC Lions müssen kräftiger und härter werden. Die Baltisbergers, Wiesers oder Forsters sind der Prototyp des Spielers der Zukunft. Grosse, starke Spieler, die sich vor den beiden Toren durchsetzen. Techniker wie Luca Cunti und Robert Nilsson, die rundherumtänzeln, wird es immer noch geben. Aber ihre Bedeutung wird abnehmen. Das Spiel ist ruppiger, schneller, respektloser geworden – wie das Leben in der ­modernen Gesellschaft generell.

Davos ist nun also wieder das Team, das es zu erwischen gilt. Für mich war Arno Del Curto der Unterschied. Mit seiner Botschaft, jeden Spielzug konsequent zu Ende zu führen, drang er in die tiefsten Bereiche der Seelen seiner Spieler vor. Dieser Mann ist nach all den Jahren so verrückt wie eh und je, und er bringt seine Spieler dazu, ihm überallhin zu folgen.

Oder zumindest in die Berge, wo in den nächsten Jahren bestimmt noch weitere Titel gefeiert werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2015, 22:59 Uhr

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