Nachhilfe auf Chinesisch – in Magglingen

Zwei Teams bereiten sich unter Schweizer Leitung auf Olympia in der Heimat vor. Sechs Monate zwischen Übersetzen und Geschäftsanbahnung.

Bereitmachen für das Eistraining: Die 46 Spieler pendeln jeden Tag aus Zuchwil nach Magglingen. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Bereitmachen für das Eistraining: Die 46 Spieler pendeln jeden Tag aus Zuchwil nach Magglingen. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

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Die Fotografen gehen ganz nah ran mit ihren Linsen. «Damit man die Namen richtig lesen kann», sagt einer. Die drei jungen Männer, die im Trainingsanzug des Nationalteams posieren, hören es wohl. Doch ob sie verstehen? «Ji Teng», «Guo Lugang», «Liu Zhiwei» steht auf ihren Namensschildern. Es sind 3von 46 chinesischen Eishockeyspielern, die sich in der Sporthochschule Magglingen ein halbes Jahr lang auf Olympia 2022 in Peking vorbereiten. Hoch über dem Bielersee prallen Welten aufeinander.

Da ist einerseits das Herbstidyll am Jurasüdfuss, wo junge Schweizer Sportler im familiären Rahmen ihre Karriere vorantreiben. Und da ist andererseits das grösste Land der Welt, das sich in vier Jahren von seiner besten Seite zeigen will. Sprich: seiner erfolgreichsten. Die vom Staat spendierte Bildungsreise soll da helfen.

Worauf sie sich eingelassen haben, wissen nicht einmal die Beteiligten. Das macht auch den Reiz eines Experiments aus, das, so betont Walter Mengisen, «den Schweizer Steuerzahler keinen Rappen kostet».

1:11 gegen den Zweitligisten

Mengisen ist Vizedirektor des Bundesamtes für Sport (Baspo), hat selbst ein halbes Jahr in China gelebt. Dennoch war er überrascht vom medialen Interesse, das der fernöstliche Besuch weckte. Und das an diesem Donnerstagmorgen zu einer Veranstaltung führte, die den Einheimischen die Gäste etwas näherbringen soll. Für Erfahrungsberichte aus dem Training ist Köbi Kölliker zuständig, der extra angeheuerte Coach.

Rückblende. Vor zwei Wochen kommen die Chinesen an, pendeln seither täglich mit dem Car zwischen Magglingen und dem solothurnischen Zuchwil. Am einen Ort wohnen sie und machen Trockentraining, am andern gehen sie aufs Eis. Auch zwei Testspiele bestritt das Nationalteam. Jenes gegen Viertligist Zuchwil ging 1:6 verloren, jenes gegen Zweitligist Meinisberg 1:11. Kein Wunder, betont Kölliker, es gehe derzeit nicht um Resultate. Sondern um die Entwicklung von Spielverständnis.

Schon das ist eine Mammutaufgabe. Und gründet in einer Sportkultur, die so völlig anders ist als die schweizerische.

Training im Shoppingcenter

Die Reporter, die nach Magglingen gekommen sind, kennen die Zahlen. China belegt Rang 33 der Weltrangliste, verfügt nur über 548 männliche Lizenzierte, zwanzigmal weniger als die Schweiz, dafür über 426 Eisfelder. Was hingegen kaum einer weiss: dass Eishockey in China weniger als strukturierte Meisterschaft mit Juniorenstufen stattfindet, sondern oft unter dem Dach von Shoppingcentern, die das Eis an Privattrainer vermieten. Und ja: Was sind das überhaupt für 46 Spieler, die nun hier leben?

«Es sind eigentlich zwei Mannschaften», erklärt Kölliker, «ein A-Team und ein B-Team, alle zwischen 18 und 23 Jahre alt.» Das A-Team sind Eishockeytalente, die im Hinblick auf 2022 ausgebildet werden sollen - jenes Team, das gegen Zuchwil und Meinisberg verlor. Die Mitglieder des B-Teams kommen aus dem Rollhockey und anderen Disziplinen. Sie sollen sich zuerst an die glatte Unterlage gewöhnen und später in der Heimat Botschafter der neuen Sportart werden. «Ihnen muss man vom Übersetzen bis zum In-die-Knie-Gehen alles beibringen», so Kölliker.

Bei jenen aus dem Eishockey hat er hingegen ein paar erkannt, die «individuell durchaus bei den Elite-Junioren spielen könnten». Das Problem besteht eher darin, dass sie aufgrund ihres Backgrounds nicht gewohnt sind, im Mannschaftsverbund zu agieren. Das reicht von der taktischen Aufstellung beim Bully über Taktik und Zweikampfverhalten bis zu launischem Engagement.

So bietet das Training ganz neue Herausforderungen. Wegen der Sprachbarriere ist immer eine Übersetzerin mit auf dem Eis, und weil das B-Team mit sich selber zu kämpfen hat, herrscht bei Übungen oft Personalnot. Der Mann, der Eishockey-Know-how vermitteln soll, fasst das in den keineswegs ironischen Satz: «Die Koordination der Kommunikation ist oft eine Challenge.»

Liga im chinesischen TV?

Damit sind drei Leitmotive eines Projekts genannt, das weltweit einmalig ist. Ob es für Chinas Olympiateam 2022 Früchte trägt, darf zwar bezweifelt werden - zur Sicherheit sucht der Verband in Übersee Spieler mit Wurzeln im Reich der Mitte. Doch dass Partnerschaften mit chinesischen Institutionen meist erst langfristig Ertrag bringen, zeigt gerade der Fall Magglingen. 2007 ging die Hochschule mit der Sportuniversität Peking eine Kooperation ein. Elf Jahre später kommen nun die Gäste. Weil Chinas Olympiastützpunkt im Hinblick auf 2022 vom Norden des Landes in die Hauptstadt verlegt wurde - zum Magglinger Partner, der nun viel mehr Mittel hat.

Über Erfolg und Misserfolg dieses sechsmonatigen Experiments sollte darum nicht zu früh geurteilt werden. Baspo-Vize Mengisen und zwei Verbandsvertreter reisen nächste Woche nach China. Sie wollen sich ein Bild machen vom nächsten Olympiaziel, denken an weiteren Know-how-Transfer. Und sie träumen davon, künftig Spiele der Schweizer Liga im staatlichen TV zu zeigen - mit dem damit verbundenen wirtschaftlichen Nutzen.

Bevor solche Träume wahr werden können, muss man sich aber erst einmal besser kennen lernen. So erscheint gar ein 1:11 gegen Meinisberg plötzlich als Freundschaftsdienst. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2018, 08:29 Uhr

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