«Sonst wäre ich jetzt tot»

Einst imponierte Gaetano Orlando den Schweizer Hockey-Fans, später musste ihm ein Kunstherz das Leben retten. Das hat Spuren hinterlassen.

«Ich bin einfach fett»: Das Leben als Scout hat bei Gaetano Orlando angesetzt.

«Ich bin einfach fett»: Das Leben als Scout hat bei Gaetano Orlando angesetzt. Bild: Jakob Schenkel

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Sieben Minuten sind eine lange Zeit, wenn einem das Herz aus der Brust gehoben und von Hand massiert wird, damit es wieder schlägt. Und eigentlich stand im April 2012 ja bloss ein Routine-Eingriff im Spital von Rochester, New York, auf dem Programm. Doch dann stoppte das Herz des Patienten und stand plötzlich alles auf dem Spiel. Brauchte er zusätzlich das Glück, dass die Operation untypischerweise in einem voll ausgerüsteten OP-Saal stattfand. «Sonst wäre ich jetzt tot», sagt Gaetano Orlando.

Es ist die Extremerfahrung eines Mannes, der einst die Schweizer Liga prägte. Der 1994 im fortgeschrittenen Spieleralter von 32 nach Bern kam, Meister wurde. Der 1999 nach Lugano zog - und mit drei Game-Winnern in den letzten drei Spielen erneut Meister wurde. Obwohl er wegen Knie- und Hüftproblemen nach jedem Spiel Eisbeutel auflegen musste.

Fast Food spät am Abend

Es ist die Erfahrung eines Mannes, der die Presse zu Liebeserklärungen verführte. «Niemand kann ihn stoppen», schwärmte der «Blick». Der «Tages-Anzeiger» dichtete: «Das Energiebündel, das Konditionswunder mit dem Herzen eines Bergwerks, das Muskelpaket. Orlando, die Kampfmaschine, das auf dem Eis vor Leidenschaft bebende Stück Mann, der 175 Zentimeter hohe und 85 Kilo schwere Kraftklotz. Orlando - eckig, kantig, gut. Orlando, das Tier.»

Wie ein Urschrei – Orlando wurde mit Bern und Lugano Meister. Bild: Keystone

21 Jahre später sitzt das Tier von einst am Steuer eines Mietwagens im Nordosten der USA und fährt von Erie, Pennsylvania, nach Niagara Falls hinter der kanadischen Grenze. Orlando hat gerade das Spiel zwischen Erie und Sarnia gesehen, tags darauf steht ein Match in London, Ontario, auf dem Programm. Als Scout von New Jersey nimmt er die Hälfte der 240 Meilen schon am Vorabend unter die Räder.

In Niagara Falls wird der Mann, der seit vier Jahren mit einem Spenderherz lebt, ein Hotelzimmer beziehen, sich mit weiteren Scouts treffen und Fast Food essen. «Gesundheitlich ist alles bestens, ich hatte gerade meinen Jahrescheck», so der 54-Jährige, «ich bin einfach fett.» Er esse zu viel, zu schlecht, zu spät am Abend. Und doch findet er: «Ich habe ein tolles Leben.»

Die Chancen dafür standen lange schlecht. Zehn Monate schlug in Orlandos Brust ein sogenanntes totales Kunstherz (TAH).

Begonnen hatte alles mit einem Virus. Wenigstens ist das die Annahme, denn Herzsarkoidose kann auch durch Bakterien oder Staub ausgelöst werden. Herzrhythmusstörungen und Herzmuskelschwäche sind typische Symptome, und anfangs versuchte Orlando, die Krankheit medikamentös zu behandeln. Es half wenig: Nachdem er mit 303 Herzschlägen pro Minute in den Notfall musste, wurde ihm ein Defibrillator implantiert. Doch weil das Herzgewebe zusehends vernarbte, musste das Gerät bald umplatziert werden. Es wurde jener Eingriff, der mit der manuellen Herzmassage endete.

«Dieser Typ musste weg»

Für den Spieler Orlando war Ohnmacht unerträglich. Als der frühere SCB-Publikumsliebling 1999 erstmals im Lugano-Dress nach Bern kam, war er nervös. Und die Berner hatten mit Marc Weber einen Sonderbewacher abgestellt, der dem Italokanadier wie ein Schatten folgte. «Er machte das grossartig und liess sich nicht einschüchtern», erkannte Orlando. Also wartete er in der offensiven Zone, bis sich das Geschehen vors eigene Tor verlagerte. Und versetzte Weber hinter dem Rücken des Schiedsrichters mit voller Wucht einen Stockschlag. Weber fiel um.

«Ich dachte, das Bein sei gebrochen, das ganze Stadion pfiff wie wild», erinnert sich Orlando. «Ich fühlte mich schlecht. Aber wer mir folgte, musste wissen: Er bezahlt den Preis. Damit ich Erfolg haben konnte, musste dieser Typ weg. Und ich tat, was dafür nötig war.»

Wuchtig gegen Chaux-de-Fonds-Verteidiger Bourquin. Bild: Keystone

Orlando ist überzeugt, dass seine Vergangenheit im Sport ihm auch bei seiner Krankheit half: «Weil ich fokussiert blieb. Weil ich ein Ziel hatte und alles zu tun bereit war, um es zu erreichen.»

Die wichtigste Entscheidung aber fällte seine Schwester. Nach dem siebenminütigen Herzstillstand sagten die Ärzte: «Ihr Bruder wird das Wochenende nicht überleben. Aber wir haben etwas, das TAH heisst. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Es ist in einer Schachtel im Schrank und wir haben diese Operation noch nie gemacht.» Sie fragte, was für Optionen sie habe. Die Ärzte sagten: keine. Dabei war die OP, bei der beide Herzkammern entfernt werden, in den USA erst im Teststadium. Die Erfolgsquote betrug 20 Prozent.

Wenn Pferde auf der Brust trampeln

Drei Wochen verbrachte Orlando nach dem Einsetzen des TAH im Koma, zehn Monate im Spital. «Ein Kunstherz kann man sich vorstellen wie zwei Tennisbälle, die im Körper befestigt werden und mit zwei Schläuchen versehen sind, die aus dem Bauch kommen. Durch sie pumpte eine Maschine Luft ins Blut», erklärt Orlando. Damit das nicht klumpt, wird es verdünnt, wird die Herzfrequenz dauerhaft auf 140 Schläge pro Minute erhöht. «Fast ein Jahr lang fühlte ich mich, als würden Pferde auf meiner Brust herumtrampeln.»

Solche Herausforderungen waren anderer Art als die von heute. Dass er wieder für die Devils um die Welt reist, dass er in die Schweiz zurückkehrt wie im Februar beim U-19-Turnier in Zuchwil, dass er alte Berner Weggefährten wie Sven Leuenberger oder Gaëtan Voisard wiedersieht: Das war utopisch.

In der Zang von den ZSC-Spielern Patrizio Morger (rechts) und Patrick Lebeau. Bild: Keystone

Im Spital kannte das einstige Konditionswunder nur drei Regeln: «Am Morgen aufstehen. Positiv bleiben. Einige Schritte gehen.» Leichter gesagt als getan. Drei Monate verbrachte Orlando auf der Intensivstation; zum Sprechen war er lange zu schwach, verständigte sich nur mit Blinzeln. Und die Maschine, die im ersten halben Jahr Luft in sein TAH blies, wog 230 Kilo. Er brauchte eine Pflegerin, die sie bei den kurzen Spaziergängen zog. Die Schläuche, seine Lebenslinien, waren nur zwei Meter lang. «Wenn die reissen, bin ich tot», wusste er.

Er hält sich ungern zurück

Am 4. Februar 2013, zehn Monate nachdem die Ärzte sein Herz durch eine Maschine ersetzt hatten, erhielt er dann den ersehnten Anruf: Ein Spenderherz war da. Und damit der Anfang einer neuen Normalität. Dass es auch anders hätte kommen können: Darüber habe er nicht viel nachgedacht. «Vielleicht hatte ich zu viel Angst, um ans Sterben zu denken», spekuliert Orlando, «ich dachte ans Leben.»

Und so konnte er dorthin zurückkehren, wo es ihm schon immer am besten gefiel – ins Eishockey. Die NLA verfolgt er auch aus Nordamerika. Leidet mit seinem früheren Mitspieler Ivano Zanatta mit, der als Sportchef Ambri zu retten versucht. Verfolgt das Halbfinal-Duell seiner ehemaligen Arbeitgeber. Es sei ihm egal, ob Bern oder Lugano gewinne, er habe an beide Städte sehr schöne Erinnerungen. Er will gerne diplomatisch bleiben. Und verrät dann doch: «Weil Bern letztes Jahr gewonnen hat, wäre es auch in Ordnung, wenn es diesmal Lugano macht.»

Orlando ist eben einer geblieben, der sich ungern zurückhält. «Wegen der sieben Minuten ohne Sauerstoff fürchteten die Ärzte, ich könnte Hirnschäden haben», blickt er zurück, «und bis heute versuche ich, meiner Familie zu beweisen, dass dem nicht so ist.» Der Vorkämpfer mit dem Spenderherz lacht laut: «Ich war immer schon verrückt und bin es heute noch.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.03.2017, 11:49 Uhr

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