Taktik, Shakes und Stützstrümpfe

ZSC-Captain Mathias Seger über das Lebensgefühl im Playoff und Erfolgsrezepte für die wichtigsten Wochen der Saison.

Sonst die Ruhe in Person: Claudio Micheli beim Meistertitel 2000. Foto: Reuters

Sonst die Ruhe in Person: Claudio Micheli beim Meistertitel 2000. Foto: Reuters

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Ab morgen entscheidet sich, wie für uns Spieler der Sommer wird. Ich durfte das schon ein paar Mal erleben: Als Meister ist während Monaten alles schöner. Du gehst lieber trainieren, die Farben leuchten mehr, die Gerüche sind intensiver, die Vögel applaudieren, wenn du morgens aufstehst. Alle Spieler wissen das – und doch darf man im Playoff nicht so weit denken. Denn jetzt wird der Blick auf die Welt extrem eng: Man versucht, weder vorwärts- noch rückwärtszuschauen. Man lebt viel mehr im Augenblick. Man verlangt Rücksicht von Familie und Freunden. Es zählt immer nur der nächste ­Einsatz.

Die Leistungen der Schiedsrichter nehme ich im Playoff viel 
weniger wahr. 

Das ist wenigstens die Theorie. Denn natürlich kann man nicht jeden Fehler einfach so schnell abhaken. Man ärgert sich auch. Aber im Playoff muss man sich auf das konzentrieren, was man kontrollieren kann: die eigene Leistung. Man versucht nur, den ­nächsten Pass gut zu spielen, seine Position zu halten, im System zu ­bleiben. Weil man weiss: Wenn nur einer das nicht tut, kann das Kollektiv auseinanderfallen.

Jeder sitzt in einem Nebel

Kann man lernen, was es im Playoff braucht? Ich glaube schon. In meiner zweiten Saison mit Rapperswil-Jona spielten wir im Viertelfinal gegen Qualifikationssieger Zug. Wir schafften es ins siebte Spiel, kamen in die ­Verlängerung. Dann gab es ein Bully vor unserem Goalie, wir verloren es – und Misko Antisin schoss das Siegtor. Ein paar Wochen später wurde Zug Meister. Nicht, dass wir stattdessen den Titel geholt hätten. Aber der Fall zeigt, wie wenig es braucht, damit ein Spiel kippt. Dass wirklich jeder Einsatz entscheiden kann.

Genauso einprägsam waren die Szenen danach. Wie EVZ-­Stürmer Colin Muller uns zur Serie gratulierte – dabei hatten sich unsere Mannschaften ein paar Minuten zuvor noch gegenseitig die Stöcke über die Köpfe gezogen. Und dann unsere Kabine: Es war still, jeder sass wie in einem Nebel. Irgendwann stand einer auf, wahrscheinlich Harry Rogenmoser, machte die Runde und klopfte allen auf die Schultern.

Im Moment nützt das wenig. Doch die Erinnerungen können später helfen, weil man weiss: So fühlt es sich an, das will ich nicht wieder erleben.

Auch beim ZSC hatten sie gerade eine Enttäuschung hinter sich, als ich im Sommer 1999 zum Team stiess. Gerade hatten sie als Qualifikations­zweiter den Viertelfinal gegen Kloten verloren, und dieses Erlebnis war Motivation, es besser zu machen. Zudem wussten wir: 1999 war Torhüter Ari Sulander krank ins Playoff gegangen, hatten wir viele Verletzte gehabt. Es sprach im Playoff 2000 also auch sonst mehr für uns. Und dann half es ebenfalls, dass wir Typen wie Edgar Salis oder Claudio Micheli in der Garderobe hatten, die durch nichts aus der Ruhe zu bringen waren. Bündner halt, die nach einer Niederlage kurz mit der Schulter zucken und wieder vorwärtsschauen konnten.

Trotz schlechten Voraussetzungen: ZSC holte 2000 den Meistertitel. Foto: Keystone

Abschalten von und mit Familie

Diese Ruhe ist im Playoff enorm wichtig. Der ZSC hatte damals ja seit 40 Jahren keinen Titel ­gewonnen, die Emotionen bei Fans, Publikum und Medien gingen hoch. Doch wir Spieler müssen uns davon möglichst freimachen. Auch wenn alles intensiver ist: Wir sprechen im Playoff viel ­weniger über einzelne Szenen oder Gegenspieler, dafür viel mehr über taktische Fragen. Und so komisch das klingt: Die Leistungen der Schiedsrichter nehme ich im Playoff viel weniger wahr. Denn auch die Schiedsrichter gehören zu jenen ­Dingen, die ich nicht kontrollieren kann. Auch sie lenken den Fokus vom Wesentlichen ab: vom Spiel, von der eigenen Leistung.

Das Gleiche gilt für die Familie. Ich gehe jetzt in mein 20. Playoff, meine Frau weiss also, was sie erwartet. Dass ich mich mehr zurückziehe. Dass am Morgen nach einem Auswärtsspiel eher nicht ich es bin, der die Kinder für die Schule bereitmacht. Dass ich mich am Nachmittag auch mal hinlege.

Andererseits ist eine Familie manchmal gar nicht so schlecht zum Abschalten: Wenn die Kinder spielen wollen, wollen sie spielen – dann interessiert sie nicht, ob gerade Playoff ist. Dann kommt man für kurze Zeit raus aus dem ständigen Nachdenken übers Playoff. Auch das kann eine Form von Erholung sein.

Gerade im Bereich Regeneration hat sich unheimlich viel getan in den letzten Jahren. Früher ass man in der Garderobe vor der Heimfahrt Spaghetti – das wars. Heute haben wir beim ZSC einen fest angestellten Off-Ice-Coach, der im Playoff immer dabei ist und sich um Erholung und Ernährung kümmert. Es gibt einen Materialbus, der zu jedem Auswärtsspiel Hometrainer, Gymnastikmatten, Massagetische und kistenweise Powerfood mitbringt. Überall werden zur Erholung Shakes mit Eiweiss und Kohlehydraten getrunken. Und im Bus trägt so mancher Stützstrümpfe zur Förderung der Durchblutung. Solche Dinge sind individuell: Jeder tut das, was für seine eigene Regeneration das Beste ist.

Wie ein Orchester

Der Fokus auf die Erholung ist ein grosser Unterschied zur Qualifikation, ein anderer ist das Teamwork. Das ist natürlich auch sonst wichtig, aber im Playoff entscheidet es über Sieg oder ­Niederlage: Jeder Einzelne ist noch wichtiger, auch ein reiner Defensivspieler kann eine Partie entscheiden. Wenn der ohne Gegentreffer bleibt, ist das so wichtig wie ein Tor des ersten Sturms.

Es ist wie bei einem Orchester, das nur funktionieren kann, wenn jeder sein Instrument perfekt spielt. Nur dann entsteht etwas Grossartiges.

* ZSC-Captain Mathias Seger schreibt diese Saison Kolumnen im «Tages-Anzeiger».

Spieldaten Morgen – Dienstag – Donnerstag – Sa, 11. März evtl. Di, 14. – Do, 16. – Sa, 18. März

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.03.2017, 13:02 Uhr

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