«Viele kamen nur wegen des Geldes»

Roland Habisreutinger kehrt heute als Sportchef von Lugano für einen Abend nach Kloten zurück. Er hat im Südtessin eine neue Schweizer Hockeywelt entdeckt.

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Roland Habisreutinger, haben Sie sich in Lugano schon eingelebt?
Zum Einleben hatte ich keine Zeit, ich war sofort mittendrin im neuen Job. Denn momentan werden die Weichen für die nächste Saison gestellt. Wir leben derzeit noch im Hotel, mit Sicht auf den Center Court des Tenniscenters Cadro.

Waren Sie überrascht, als Lugano Sie kontaktierte?
Ja, die Anfrage kam überraschend. Ich hatte noch nicht vor, bereits jetzt nach Europa zurückzukehren. Aber als sich Lugano meldete, musste ich nicht lange überlegen. Dieser Klub hat ein sehr grosses Potenzial.

Sie waren mit Ihrer Familie in Nordamerika. Was haben Sie da gemacht?
Wir reisten in Ontario herum auf der Suche nach einem Business, das wir übernehmen könnten. Dafür gaben wir uns Zeit bis Weihnachten.

Was für ein Business?
Im Adventure-Bereich, Unterkünfte für Touristen abseits des Mainstreams. Dieser Traum ist noch nicht ausgeträumt.

Sind Sie froh, nun wieder im Eishockey-Business zu sein?
Auf eine gewisse Weise schon. Im Hockey zu arbeiten, ist wie eine Droge. Ob es als Spieler, Trainer oder Funktionär ist. Man muss täglich neue Herausforderungen meistern und weiterkommen.

Welche Vorgabe haben Sie vom Klub erhalten? So schnell wie möglich den Titel einfahren?
Nein. Man erwartet von mir, dass ich dafür sorge, dass sich die Mannschaft besser in die Region integriert. Bis jetzt war es oft so, dass sich ein Spieler wegen des finanziellen Angebots für oder gegen Lugano entschied. Die meisten kamen und gingen wieder, ohne sich richtig mit dem Klub zu identifizieren. Spieler wie Vauclair oder Hirschi, die schon lange da sind, nehme ich da aus. Viele kamen wegen des Portemonnaies nach Lugano, nicht aus Überzeugung. Das muss sich ändern.

Ist Romano Lemm ein Beispiel dafür?
Ich weiss nicht konkret, was ihn dazu bewogen hat, nach Lugano zu kommen. Und wahrscheinlich hat er die Rolle, die er sich erträumt hatte, hier nie wahrnehmen können.

Sie weichen aus. Anders gefragt: Haben Sie sich darum bemüht, Lemm zu halten?
Sein Agent fragte mich, und ich antwortete: Es ist zu früh, ich habe erst zwei Spiele von ihm gesehen. Und da hat er mir nicht derart überragende Leistungen gezeigt, als dass ich mit dem Angebot Klotens hätte mithalten wollen. Aber ich denke, Romano hatte sich ohnehin bereits entschieden.

Lugano gilt als Starensemble. Wie sehr wollen Sie das Team umbauen?
Die Häuptlinge haben wir, jetzt suchen wir noch die Indianer, um die Mannschaft zu ergänzen. Es ist der Job der Trainer und von mir, ein Team zusammenzubringen, das grossen Erfolgshunger hat und als Kollektiv auftritt.

Kann Lugano schon diese Saison um den Titel spielen?
Wir haben alles, um mit den Besten mitzuhalten. Aber es entscheiden viele Details. Die Leistungskultur innerhalb der Mannschaft ist ein wichtiges Detail. Daran können wir noch arbeiten.

Sie haben für Ihre Arbeit in Kloten viel Lob erhalten. Ihr Spätwerk mit Verpflichtungen wie die von Stevenson, Sigrist, Walser oder Fadri Lemm wird aber kritisch beurteilt. Zu Recht?
Bei Stevenson habe ich Fehler gemacht. Dazu stehe ich. Ich sah in der Vorbereitung auch, dass er nicht reicht. Ich habe ihn vorletzte Saison dreimal beobachtet, und da war er wirklich stark. Wieso er nicht eingeschlagen hat, kann ich mir nicht erklären. Alle weiteren Personalentscheide wurden von anderen mitgetragen. Aber so ist das: Was du gut machst, wird schnell vergessen. Von Fehlern wird lange geredet, auch wenn man selber nicht immer dafür verantwortlich war.

Sie tönen verärgert.
Nein, überhaupt nicht. Das gehört zum Job eines Sportchefs. Ich hatte drei meiner schönsten Jahre in Kloten. Dafür bin ich dankbar.

Wie ist Ihr Eindruck von Coach Kent Johansson?
Er ist kein Mann der lauten Töne. Aber er sagt, was er sagen muss. Ich brauche keinen Trompeter, der grosse Reden schwingt und sich dann als Erstes selber schützt, wenn es heikel wird. Johansson ist ein guter Analytiker. Dass er etwas Zeit brauchte, sich im Schweizer Eishockey zurechtzufinden, ist normal.

Haben Sie in Lugano das südländische Temperament schon kennen gelernt?
(lacht) Mein Vorteil ist, dass ich noch nicht alles verstehe. So erfreut, wie die Leute sind, wenn sie dich kennen lernen, so verärgert sind sie, wenn man am Sonntag 4:7 verloren hat. Die Gemütsschwankungen sind extrem. Aber das ist ja auch das Schöne. Wir verkaufen im Eishockey Emotionen. Und die werden in Lugano und wohl auch Ambri noch etwas intensiver gelebt als im Rest der Schweiz.

Erstellt: 28.11.2009, 11:19 Uhr

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