Vorgetäuschte Orgasmen, lange Unterhosen

Die ZSC-Meisterfiguren Kent Ruhnke und Morgan Samuelsson führen auf Teleclub durchs Playoff. Er wird eifrig gewitzelt und debattiert.

Pingpong der Ansichten und Argumente: Moderator Reto Müller mit Meistertrainer Kent Ruhnke (Mitte) und Meisterschütze Morgan Samuelsson.

Pingpong der Ansichten und Argumente: Moderator Reto Müller mit Meistertrainer Kent Ruhnke (Mitte) und Meisterschütze Morgan Samuelsson. Bild: Reto Oeschger

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Über das Industriequartier Volketswils legt sich die Dunkelheit, als die Hektik im Teleclub-Studio an der Müllerenstrasse erst einsetzt. Kent Ruhnke und Morgan Samuelsson stärken sich noch mit einem Caesar-Salat und einer Pizza, dazu gibts Cola Zero. Ein Bier zu trinken vor diesem turbulenten Eishockey-Abend, empfiehlt sich nicht. Denn, das sei vorweggenommen, es ist nicht einfach, bei vier parallel laufenden Spielen die Übersicht zu behalten. Die Anspannung ist den Studiogästen anzumerken. Moderator Reto Müller schaut sich nochmals seine Notizen an, Programmleiter Torben Schmidt tigert herum.

Es ist Playoff-Start, und bei Teleclub geht es noch hektischer zu als in den Stadien. «Das ist ja noch schwieriger, als zu coachen», scherzt Ruhnke einmal. «Man braucht Augen überall.» Der Kanadier ist fürs Playoff als Experte verpflichtet worden und bildet mit Samuelsson ein prominentes Duo. «Wie wird man Meister?», fragt Moderator Müller. «Man kann nicht erst im Playoff zu einem guten Team wachsen», sagt Ruhnke. «Das muss vorher geschehen.» Samuelsson, der ZSC-Meisterschütze 2001, verhehlt nicht, dass er wenig hält von seinem damaligen Chef Larry Huras: «Irgendwann übernahm das Team die Kontrolle, wählte seine eigene Taktik.»

«Die Reibung macht es aus»

Als Ruhnke im Verlauf des Abends Luganos Patrick Fischer mit Huras vergleicht, dessen Vorgänger, widerspricht Samuelsson vehement: «Der Spielstil mag ähnlich sein, aber es sind zwei ganz unterschiedliche Menschen!» Widerspruch ist bei Teleclub explizit erwünscht. So wurde auch die Rubrik «Morgan vs. Kent» eingeführt, bei der jeder zu einer Frage Stellung bezieht – idealerweise nicht die gleiche. «Wenn sich Samuelsson und Ruhnke stets zustimmten, wäre das nicht so spannend», sagt Müller. «Die Reibung macht es aus. Wenn ich spüre, wo sie sich nicht einig sind, hake ich da nach.»

Wilde Wortgefechte bleiben bei der Playoff-Premiere aber noch aus. Für Ruhnke geht es zuerst auch darum, sich im Dschungel der Torszenen und Schaltungen zurechtzufinden. Samuelsson ist da schon erfahrener, ist seit Januar 2012 dabei. Die Tücke liegt darin, dass im Viertelfinal die TV-Zuschauer aller vier Spiele vorher, nachher und in den Pausen ins Studio zugeschaltet werden. Müller begrüsst die Zuschauer des Genf-Spiels, gibt weiter an die Partie nach Zürich, holt jene aus Freiburg dazu, und immer wieder werden Tore eingespielt.

Die Übersicht hat nur Programmleiter Schmidt, der mit dem Moderator per Knopf im Ohr verbunden ist. Die Kunst ist, den Zuschauern der jeweiligen Kanäle einen umfassenden Service zu bieten, aber keine Wiederholungen. Weil in Zürich und Genf schon ab 19.45 Uhr gespielt wird, in Kloten und Freiburg erst ab 20.15 Uhr, kommentiert das Trio ab 19.25 Uhr praktisch durch. Eine kurze Pause wird zum WC-Besuch genutzt, zum Nachschminken oder zur Manöverkritik. Dass sich Ruhnke und Samuelsson in Ruhe ein Spiel anschauen und dann ihre Einschätzungen abgeben, ist eine idyllische Vorstellung. Je weniger Teams noch dabei sind, desto vertiefter werden sie sich den Partien widmen können.

Rund 30 Leute sind für Teleclub an diesem Abend im Einsatz, im Studio, in den Regieräumen und Stadien. Die Spielbilder werden von der SRG-Tochtergesellschaft TPC geliefert, Teleclub produziert zahlreiche Zusatzelemente. Die Zusammenarbeit mit der SRG, Partner und Konkurrent zugleich, sei sehr professionell, sagt Sport-Chefredaktor Michael Fritschi. Seit der TV-Vertrag auf die Saison 2012/13 neu ausgehandelt wurde, ist auch die SRG im Playoff in jeder Runde von Beginn weg live dabei – im Viertelfinal kann sie zwei Spiele (für SRF 2, RTS, RSI) wählen, im Halbfinal eines. Zuvor hatte Teleclub die Spiele 1 und 2 aller Serien exklusiv zeigen können.

Die ersten Partien würden insbesondere wegen der gleichzeitigen Liveübertragungen der Champions und Europa League zwar keine besonders guten Quoten generieren, sagt Martin Zinser, Leiter Livesport bei SRF. «Aber uns ist wichtig, im Playoff durchgehend dabei zu sein.» Dass man zuvor nach Viertel- oder Halbfinal jeweils wieder für zwei Spiele mit Liveübertragungen habe aussetzen müssen, sei aus programmlicher Sicht unbefriedigend gewesen. Welche Auswirkungen die neue Konstellation auf die Zuschauerzahlen bei Teleclub hat, ist nicht zu erfahren. Fürs Schweizer Eishockey ist es jedenfalls eine Win-Win-Situation, dass zwei Sender übertragen. Der neue TV-Vertrag ist pro Jahr einen tiefen zweistelligen Millionenbetrag wert. «Wir hoffen, dass die Leute, die bei uns die ganze Saison über schauen, auch im Playoff bei uns bleiben», sagt Teleclub-Moderator Müller.

Kritik an Fischer, Hollenstein

Das Duo Samuelsson/Ruhnke ist sicher auch ein Argument. Bei SRF analysieren Mario Rottaris oder Lars Weibel als Experten sachlich, aber nicht so scharfzüngig. Ruhnke greift in der Analyse der Leistung Luganos beim 0:2 in Genf einen altbewährten Spruch auf, spricht von einem «vorgetäuschten Orgasmus». Samuelsson sagt, Fischer habe zwei Paar lange Unterhosen angezogen – und meint, er sei viel zu vorsichtig gewesen. Die beiden lehnen sich mehr aus dem Fenster, je länger der Abend dauert. Wenn man zwei Linien forciere wie Felix Hollenstein, könne das nicht gutgehen, moniert der Schwede.

Er ist im TV-Studio im Element, sagt später: «Ich habe das Gefühl, ich bin so richtig gelandet im Leben. So glücklich war ich noch nie.» Ein Team coachen will der 45-Jährige vorderhand nicht mehr, er ist aber als Schusstrainer bei Davos (erste Mannschaft) und Zug (Elitejunioren) tätig. Auch Ruhnke, 61 und stolzer Grossvater, hat keine Ambitionen mehr im Trainerbusiness und muss nicht aufpassen, wem er verbal auf die Füsse tritt.

Die Experten haben an diesem ersten Playoff-Abend keine ruhige Minute. Es ist 23.14 Uhr, als Müller abgibt. Die Protagonisten klatschen ab, die Premiere ist ohne grössere Schnitzer über die Bühne. Bald machen sie sich davon, abgekämpft wie nach einem Match. Gefühlte 30-mal haben sie ein Tor Benjamin Antoniettis analysiert, dem ersten Helden dieses Playoffs. Der Lausanner dürfte nicht nur die ZSC-Cracks, sondern auch sie in Gedanken in die Nacht begleitet haben.

Erstellt: 13.03.2014, 09:13 Uhr

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