Warum sind die Berner keine Gewinner?

Dem SC Bern und den Young Boys drohen im kapitalen Meisterschaftsfinish die Felle davonzuschwimmen. Ist das nur Zufall? Oder wissen die Berner nicht, wie man Titel in bedeutenden Team-Sportarten holt?

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Observierungsobjekt Nummer 1, der SCBern: Der populärste Eishockey-Verein Europas gewinnt einmal mehr die Qualifikationsphase der höchsten nationalen Liga, die man heuer nicht mehr wie in den 70er- und 80er-Jahren als Berner Kantonalmeisterschaft oder Gurkenliga bezeichnen kann. Und endlich setzten sich die Eis-Mutzen wieder auch in den Playoff-Runden 1 und 2 durch, sie erreichen gar erstmals seit 2007 wieder einmal die Finalserie. In dieser führen sie nach dem Break am vergangenen Samstag mit 3:1 Siegen, haben – wie man im Jargon zu sagen pflegt – drei Matchpucks für den Triumph.

Das müsste eigentlich die notwendige Sicherheit und das Selbstvertrauen geben, um den ersten Meistertitel einzufahren. Aber sowohl am Dienstag bei der 2:3-Niederlage vor dem erwartungsfrohen Berner Publikum als auch am Donnerstagabend beim 1:2 im explosiven Genfer Adlerhorst Les Vernets versagen die Nerven, bei wichtigen Spielphasen verliert das Team von Larry Huras seine taktische Souverinät. Die Folge: Die personell geschwächten, aber umso kämpferischen Servettiens unter Regent Chris McSorley gleichen die Serie zum 3:3 aus. Es kommt morgen zur Finalissima im grossen Berner Hockey-Tempel; an einem Ort, wo die Spieler des SCB in der Playoff-Ära noch nie die (hässlichen) Meisterpokale unmittelbar nach dem Match in die Höhe stemmen konnten. Das ist statistisches Gift für den Favoriten, zumal das vielzitierte Momentum auf Seiten der stolzen Vertreter aus der Genfer Republik liegt.

Die plötzliche Verkrampfung bei YB

Observierungsobjekt Nummer 2, die Young Boys: Satte 13 Punkte betrug einst der Abstand auf den Tabellenzweiten FC Basel. Fünf Runden vor Schluss des Marathons hat sich das Blatt gewendet, die Kicker aus der Chemie-Hauptstadt Europas, geführt vom energischen und ehrgeizigen Vorzeige-Deutschen Thorsten Fink, haben die Berner Fussballer auf Platz 2 verdrängt. YB, das wochen- und monatelang den Anhang mit offensivem Fussball verzückte, spielt plötzlich verkrampft und emotionslos, zieht gegen die jungen Hoppers vom schlitzohrigen Aargauer Ciri Sforza und gegen die gegeisselten Untertanen vom Walliser Fussball-Napoleon Christian Constantin deutlich den Kürzeren. Trainer Vladimir Petkovic, ein Mann mit Kenntnissen in der Psychologie, wirkt vor den TV-Kameras gereizt, gibt zum Erstaunen der Öffentlichkeit ein Statement ab, dass er mit der Leistung seiner Mannschaft eigentlich zufrieden sei. Die Worte klingen eher nach Ratlosigkeit, mit diesen sportlichen Rückschlägen innert kürzester Zeit hat selbst der Coach nicht gerechnet.

Natürlich: Sowohl der SCB als auch YB können noch Meister werden. Aber vieles deutet darauf hin, dass die Bundeshauptstadt im Jahr 2010 im sportlichen Sektor nichts zu feiern hat.

Der Nachteil der Beamtenstadt

Die Tageszeitung «20 Minuten» spricht deutliche Worte: «Der Stadt Bern mangelt es an Leistungsdenken.» Das sei in den Wirtschaftsmetropolen Zürich oder Basel anders, dort müsse man sich im globalen Wettbewerb behaupten. Und deshalb sei dieses Denken in die DNA der Bevölkerung übergegangen, schreibt die Zeitung weiter. (Die CSI-Abteilungen aus Zürich Altstetten oder Basel Breite lassen bei diesem Faktor grüssen). Bern sei, so «20 Minuten», eine Beamtenstadt, welche das von den Banken und der Pharmaindustrie erwirtschaftete Geld nur verwalte und verteile.

Das sind harte und deutliche Worte. Zur Erinnerung: Der SCB wurde vor sechs Jahren letztmals Champion, aufgrund des ökonomischen Potenzials des Klubs nicht gerade ein sportlicher Leistungsausweis. Und der letzte Meistertitel der Young Boys geht auf das Jahr 1886, pardon: 1986, zurück. Gerne hätte man wenigstens 2009 in der Haupstadt des Landes im Cup einen Erfolg gefeiert, aber im vergangenen Jahr verspielte der Favorit einen 2:0-Vorsprung gegen die Cup-Enthusiasten aus Sitten. Mit anderen Worten: Ausgerechnet die Sportler aus der Verwaltungsstadt par excellence wissen nicht, wie man mit einem Vorsprung umgeht – zumindest in modernen Zeiten.

Wo bleibt das Sieger-Gen?

Also, fehlt es den Profis des SCB und von YB am letzten Willen, alles für den Erfolg zu geben? Wohl kaum. Oder scheitern die Berner Sportler kurz vor dem Ziel am grossen Druck, der nicht zuletzt im Anhang, aber auch in der Öffentlichkeit in diesen Tagen offensichtlich ist? Wohl eher. Der Druck des Siegenmüssens ist nicht nur eine Einstellungssache, sondern er will auch gelernt sein. Nicht zuletzt deshalb wird kanadischen Eishockey-Talenten dieser «Fighting und Winning Spirit» früh eingeimpft. Und in Deutschland spricht man bei erfolgreichen Teams immer wieder vom FC Bayern-Gen.

Oder liegt es an den Trainern, die letztlich die Spieler des SCB und von YB auf der letzten, beschwerlichen Etappe nicht richtig einstellen? Fehlanzeige. Larry Huras hat mit dem HC Lugano und dem ZSC bewiesen, dass er Meister werden kann. Und Petkovic muss man zugute halten, dass er mit der AC Bellinzona in die Super League aufgestiegen ist und mit den Tessinern sensationell den Cupfinal erreicht hat.

Der Stadtpräsident hüllt sich in Schweigen

Aber nicht nur die Trainer wissen: Gewinnen können schliesslich nur die Spieler selber. Und es gibt im Sport ein gültiges Gesetz: Wer am besten mit dem Druck umzugehen weiss, wird auch Triumphe feiern. Zumindest ist das normalerweise so.

In Bern grassiert das Sport-Fieber genauso wie die Nervosität. Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät weilt beruflich in Hanoi, er wollte sich einen Tag vor dem Eishockey-Showdown gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet nicht zur sportlichen Ausgangslage des SCB äussern. Das ist irgendwie verständlich. Denn sollte der SC Bern dem angeblichen Verlierer-Gen zum Trotz Meister werden, dann wäre das die erste bedeutende Berner Sport-Trophäe, seit Tschäppät das höchste Amt der Stadt bekleidet (1. Januar 2005). Der Stadtpräsident hat überdies versprochen, sich nach dem grossen Finale gegen Servette zur Finalissima zu äussern. Das ist ein intelligentes Verhalten des SP-Politikers. Denn auch im Sport gilt die These: Schweigen ist Gold, Reden ist Silber.

Erstellt: 23.04.2010, 12:01 Uhr

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