Was Zürcher und Bündner verbindet

Im Playoff-Final duellieren sich Zürcher und Bündner dieser Tage erbittert. Dabei sind sich die Städter und die Bergler näher, als sie wahrhaben wollen.

Ähnlichkeiten: Auf dem Eis bekämpfen sich die beiden Clubs, doch eigentlich sind sie gar nicht so verschieden.

Ähnlichkeiten: Auf dem Eis bekämpfen sich die beiden Clubs, doch eigentlich sind sie gar nicht so verschieden. Bild: Keystone

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Am Ende des Seebeckens, an bester Lage und im Herzen der Stadt liegt der Ort, auf dem Zürich Jahr für Jahr das Ende des Winters feiert: der Sechseläutenplatz. Kein Brauch ist typischer für die Wirtschaftsmetropole als der Aufmarsch der Zünfte. Und gefeiert wird er auf 110'000 Blöcken Valser Quarzit, die aus den Hängen eines fernen Bergtals gesprengt wurden. Das Herz von Zürich ist aus Bündner Stein.

Es ist symbolisch für die mannigfaltigen Verstrickungen der beiden Kantone, die für zwei Pole stehen: für die pulsierende Grossstadt und die idyllischen Berge. Oder für zwei Welten. Edgar Salis, in Chur aufgewachsen und heute Sportchef der ZSC Lions, erinnert sich, wie in seiner Jugend Anti-Zürich-Autokleber in Mode waren. «Das Feindbild lautete: Die Zürcher fahren in ihren dicken Schlitten zu uns herauf, wissen alles besser, sind arrogant und snobistisch.»

Ohne Zürcher Geldgeber gäbe es den HCD so nicht mehr

Wenn sich dieser Tage die ZSC Lions und der HC Davos im Playoff-Final duellieren, ist die Linie zwischen Städtern und Berglern scharf gezogen. Fakt aber ist, dass die einen ohne die anderen nicht sein könnten. Der erste ZSC-Captain war 1930 Noldi Gartmann aus St. Moritz, zwei Drittel jenes Teams stammten aus dem Bergkanton. Die Bündner prägten den Stadtclub bis in die Neuzeit. Auf der anderen Seite gäbe es den HCD, wie wir ihn kennen, heute nicht mehr, würde er nicht von Zürcher Geldgebern alimentiert.

«Emotional fühle ich mich stark bündnerisch», sagt HCD-Präsident Gaudenz Domenig – in breitem Zürichdeutsch. Seine Eltern stammen zwar aus Tamins bei Chur, doch er wuchs auf der Zürcher Forch auf. Wie Domenig sind die meisten Mitglieder der Gönnerorganisation «Kristall-Club» am Zürichsee wohnhaft. Fast alle besitzen aber auch eine Wohnung oder ein Haus in Davos. Von 4400 Zweitwohnungen im Kurort gehört mehr als die Hälfte (2227) Zürchern. Auch ZSC-Präsident Walter Frey verbringt gerne Zeit in seinem Haus in Davos.

Wenn die Zürcher an Berge denken, kommen ihnen das Jakobshorn und Parsenn in den Sinn. Das kommt nicht von ungefähr. «Unsere Plakatkampagnen finden fast ausschliesslich in Zürich statt», sagt Nuot Lietha, Leiter Medien für die Destination Davos Kloters. Vor Weihnachten brachte man in einer PR-Aktion eine Lastwagenladung Davoser Schnee nach Zürich und lud sie auf dem Sechseläutenplatz ab – ohne Bewilligung. Die Busse vom Zürcher Stadtrichteramt ist bis heute nicht eingetroffen.

Del Curto liess den Teambus das Limmatquai entlangfahren

2014 kam die Bündner Hotellerie auf 2,9 Millionen Logiernächte aus der Schweiz, wovon zwischen 40 und 45 Prozent auf Zürcher Gäste entfielen. Für den HCD ist der Zürcher Erfolg der Tourismusdestination lebenswichtig. Doch die Faszination ist beidseitig. Wenn der Davoser Coach Arno Del Curto von Zürich spricht, gerät er leicht ins Schwärmen. Als das Limmatquai noch nicht autofrei war, dirigierte er den Teambus vor Auswärtsspielen in Zürich jeweils durch die Stadt. «Wir nahmen die Ausfahrt Brunau, fuhren zum See, zum Bürkliplatz, übers Bellevue und das Limmatquai entlang. Ich zeigte meiner Mannschaft die Stadt. Dass wir zehn Minuten länger brauchten, war mir egal.»

Dabei war Del Curtos erster längerer Aufenthalt in Zürich gar nicht harmonisch verlaufen. Als er 1975 mit 19 zum damaligen NLB-Club ZSC wechselte, trieb ihn das Heimweh nach ein paar Monaten zurück in die Berge. «Es war für mich zu früh», sagt er, der anfangs sogar im Hallenstadion einquartiert wurde. Als er knapp zehn Jahre später als Trainer den Erstligisten Küsnacht übernahm, habe er dann aber «den Narren gefressen» an Zürich. «Ich liebe diese Stadt. Der See, die Altstadt, das Kunsthaus, das Theater, all die Restaurants und Kinos, der Zürichberg. Sie hat einfach alles.»

Und als Del Curto 1996 HCD-Trainer wurde, hatte er plötzlich Heimweh nach Zürich. «Am Anfang fuhr ich zwischen dem Vormittags- und dem Nachmittagstraining nach Zürich, um mich mit Zürcher Kollegen im Café Wühren zu treffen. Ein-, zweimal pro Woche. Aber irgendwann merkte ich: Es geht nicht mehr, es wird zu viel.»

Viele Bündner schätzen die Anonymität der Stadt

2014 wohnten in der Stadt Zürich 6196 Bündner – nur Aargauer, Berner und St. Galler hat es mehr. «Die Bündner schätzen den Arbeitsmarkt Zürichs und das grössere kulturelle Angebot», glaubt Salis. «Zudem hat man hier nicht die soziale Kontrolle wie in einem Dorf oder einer Kleinstadt. Hier kann man sich ausleben.» Leonardo Genoni ging den umgekehrten Weg. Der HCD-Goalie wuchs in Kilchberg am Zürichsee auf und schätzt an Davos die Natur, dass es familienfreundlich ist und vieles zu Fuss erreichbar. «Das Stadtleben hat mich nie gross interessiert», sagt der 27-Jährige, der zehn Saisons in Davos absolviert haben wird, wenn er seinen Vertrag bis 2017 erfüllt. «Ich ging als Teenager nicht oft in den Ausgang, das Eishockey liess das nicht zu.» Bündner und Zürcher würden sich beneiden, aber eben auch ideal ergänzen, sagt er, weil der eine habe, was dem anderen fehle.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Stromproduktion. Der wichtigste Standort für das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ), das übrigens ZSC-Sponsor ist, ist der Kanton Graubünden. Dort unterhält es 11 seiner 14 Wasserkraftwerke. Im Gegenzug versorgt das EWZ die Bündner mit Strom und ist ein wichtiger Arbeitgeber. Gieri Spescha von Graubünden Ferien glaubt denn auch, dass das Verhältnis zwischen Bündnern und Zürchern eher eine Liebe als eine Hassliebe sei. «Man sagt ja: Was sich liebt, das neckt sich.»

«Zürich ist Business. In Graubünden dauert alles länger»

Und wie ist es mit den Unterschieden in der Mentalität? «Wir nehmen alles ein bisschen gemütlicher», sagt HCD-Captain Andres Ambühl, der drei Jahre in Zürich spielte. Präsident Domenig pflichtet ihm bei: «Zürich ist Business. Wenn mir hier einer am Freitagabend sagt, er brauche ein Dokument am Samstagmorgen, dann hat er es. In Graubünden dauert alles länger.» Das Leben sei in Zürich nicht nur schneller, sondern auch ernster, sagt Salis. Trotzdem kann er sich nicht vorstellen, in seinen Heimatkanton zurückzukehren.

Der 44-Jährige bezeichnet sich sogar als «Zürcher mit Bündner Dialekt». Auf dem Eis schenken sich Bündner und Zürcher nichts. Daneben sind sie sich aber näher, als sie wahrhaben dürften.

Erstellt: 05.04.2015, 13:03 Uhr

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