Washingtons russischer König

Der Russe Alex Owetschkin führte sein Team zum NHL-Titel.

Was sich in 13 Jahren aufgestaut hatte, das schrie er in die Halle der besiegten Vegas Golden Knights: Alex Owetschkin. Foto: John Locher (AP)

Was sich in 13 Jahren aufgestaut hatte, das schrie er in die Halle der besiegten Vegas Golden Knights: Alex Owetschkin. Foto: John Locher (AP)

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Er schrie und lief, lief und schrie, und er lief immer weiter, den Stanley-Cup über den Kopf gestreckt, die Stimmbänder arg strapaziert. Und wäre ein Eishockeyfeld nicht durch Banden begrenzt, er liefe und schrie immer noch. Selten hat ein Teamcaptain in der National Hockey League eine Pokalübergabe so euphorisch zelebriert wie Alex Owetschkin, der Washington zum ersten NHL-Titel der Vereinsgeschichte führte.

Wer konnte ihm das verübeln? Niemand war in der besten Eishockeyliga Owetschkins Weg gegangen, bis er den wichtigsten Pokal dieses Sports endlich in der Hand halten durfte. Jeder Schrei war wie Ballast, den er endlich abwerfen durfte. Die Capitals und Owetschkin, sie waren Symbole geworden für Spektakel, wenn es nicht wirklich zählt: in der Qualifikation. Und fürs Scheitern, wenn es darauf ankommt: im Playoff.

Owetschkin hörte das, Jahr für Jahr seit 2005, als er als 19-Jähriger aus Moskau gekommen war, die USA zu erobern, den Stanley-Cup zu gewinnen. Owetschkin ist einer der Besten, weil er nicht nur eine Tormaschine ist, sondern hart spielt, es liebt, Gegner mit Bodychecks auf den Boden zu befördern. Diese Kombination ist fast einmalig. Doch Tore und Checks änderten nichts. Er hörte die Kritik in Nordamerika, er hörte sie aus der Heimat, wo ihm Kritiker Egoismus, ja gar Narzissmus vorwarfen: Er wolle Tore zelebrieren, nur das freue ihn, das Team kümmere ihn nicht, darum werde sein Lebenstraum nie wahr werden.

Er ist dreifacher Weltmeister, und doch wurde er abgestempelt: zum Verlierer.

Owetschkin fühlte sich stets missverstanden, sein exzessiver Torjubel, das ist für ihn Ausdruck der Leidenschaft. Diese zeigt er auch für sein Nationalteam. Fast immer reist er nach den Playoff-Outs mit Washington an die WM, das ist für Spieler seiner Klasse aussergewöhnlich. Er ist dreifacher Weltmeister, und doch wurde er abgestempelt: zum Verlierer.

Nun stand Owetschkin da, mit dem Stanley- Cup. Was sich in 13 Jahren aufgestaut hatte, das schrie er in die Halle der besiegten Vegas Golden Knights. Er blickte auf die andere Seite, sah, dass die Kollegen ihm nicht nachgefahren waren, ihm lachend diese Ehrenrunde gewährt hatten. Er lief zurück, brachte den Pokal seinen Freunden, diese sahen die Zahnlücke, sein Markenzeichen, hörten seine Schreie und den Applaus von den Fans des Gegners – alle gönnten es «Ovi». Und dann schrie dieser «Foto! Gruppenfoto!» Es waren Momente voller Symbolik.

Owetschkin sprach von den Eltern, dem Bruder, der nach einem Autounfall starb, als Alex 10 war. Dass er auch für sie gewonnen habe. Eine Trophäe, die er vor dem Stanley-Cup erhalten hatte als der wertvollste Playoff-Spieler, die hatte er sofort einem Betreuer weitergereicht, damit er diese wegbrachte. Owetschkin wollte nur mit dem Pokal fürs Team abgelichtet werden. Nie wieder soll ihn einer Egoist schimpfen. Nie mehr soll ihn Kritik aus der Heimat treffen. Er ist der erste russische Captain eines NHL-Champions.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2018, 20:49 Uhr

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