Wenn eine Sportart schmilzt

Der Nationalsport der Finnen steht inzwischen auch dafür, wie die Erderwärmung die Kultur eines Landes verändert. Eis ist eine kostbare Ware geworden.

Ein finnischer Spass: Eishockey spielen auf Natureis.

Ein finnischer Spass: Eishockey spielen auf Natureis.

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Svante Suominen hat eine Sehnsucht nach Eis. Aber nicht nach irgendeinem Eis, sondern nach dem Eis, das bei bleibendem Frost Flüsse und Seen bedeckt. Er liebt es, dort Eishockey zu spielen, die Natur um sich herum zu spüren, die kalte Luft, die ruppige Fläche aus erstarrtem Wasser unter den Kufen. Aber er ahnt schon, dass es dieses Jahr nichts wird mit einem Spiel auf Natureis, zumindest nicht in seiner Heimatstadt Helsinki. Der finnische Winter läuft wieder schleppend an. Regen. Plusgrade. Im November ging nur was auf der Kunsteisanlage im Stadtteil Oulunkylä, und der Puck lief nicht ideal, weil der Regen die Bahn langsam machte. Erst seit Anfang Dezember kann er sich mit seinen Kumpels wieder auf dem Freiluftplatz in Käpylä zum Montags-Eishockey treffen. Aber in Käpylä liegt natürlich auch Kunsteis. Eis ist eine kostbare Ware geworden im hohen Norden Europas.

«Klimawandelwetter» nennen die Finnen diese kraftlose Kälte, die ihren Herbst und ihren Winter zu einer grauen Jahreszeit gemacht hat. Zumindest nachdenkliche Finnen wie der Software-Unternehmer und Sportliebhaber Svante Suominen, 31, nennen sie so, weil sie nicht übersehen können, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten etwas verändert hat. Auch in Finnland gibt es viele Menschen, die nicht an den Treibhauseffekt durch den Kohlendioxid-Ausstoss der Industriewelt glauben. Aber gerade jene, die das wichtigste Spiel des Landes in ihrer Seele tragen, erkennen, dass Finnland allmählich sein Selbstverständnis als Winterland verliert. Und dass es so zu einem anschaulichen Beispiel dafür geworden ist, wie die Erderwärmung die Kultur einer Nation verändert.

Die Winter sind nicht mehr so, wie sie mal waren

Es gehörte mal zum Alltag der finnischen Kinder, ab Oktober bis ins Frühjahr hinein jeden Tag nach der Schule draussen Eishockey zu spielen. Sie taten dies auf zugefrorenen Gewässern oder auf vereisten Feldern, welche etwa in Helsinki das Sportamt monatelang ohne stromfressende Kühlaggregate anbieten konnte.

Aber seit den späten Achtzigerjahren sind die Winter nicht mehr so, wie sie mal waren. Die Gewässer frieren nicht mehr so oft zu, das Sportamt Helsinki hat Schwierigkeiten, Eisplätze anzulegen - längst verwendet es auch dazu künstliche Kälte. Statistiken des Finnischen Metereologischen Instituts in Helsinki belegen den Wandel: Die Temperatur-Extreme für Januar liegen seit den Achtzigerjahren viel häufiger im Plusbereich als früher.

Und der Trend setzt sich fort. Svante Suominen und seine Freunde vom Montags-Eishockey spürten schon vor einigen Jahren: «Die Saison wird immer kürzer.» Der Klimawandel schmolz ihr Spiel ein. Das beschäftigte sie. Sie wollten etwas dagegen tun und gründeten einen Verein. Er trägt seine Botschaft im Titel: «Save Pond Hockey». Rettet Hockey auf dem Teich. Haltet den Klimawandel auf.

Seit 2015 organisiert SPH Freiluftturniere, um diese Botschaft zu verbreiten. Am liebsten natürlich auf zugefrorenen Wasserflächen wie im Januar, als Suominen und seine Leute mit dem Profiklub Jukurit ein Turnier auf dem See Saimaa in Mikkeli organisierten. Aber das geht nicht oft, und Suominen weiss, dass sein Verein nur einen Windhauch entfacht gemessen an dem Sturm, den es bräuchte, um die Umweltpolitik der Welt zu verändern.

Klimaschutz kann man nicht herbeispielen

Klimaschutz kann man nicht herbeispielen, und umfassende Unterstützung für die Kampagne ist allenfalls eine Hoffnung. Das kommerzielle Eishockey kann den Klimawandel ausblenden, weil sein Sportbetrieb ohnehin nur noch in Hallen mit Kunsteis stattfindet. Bei Jokerit Helsinki zum Beispiel versteht man die Frage nach dem Tauwetter gar nicht. Der Klub spielt in Russlands Profiliga KHL, weil dort das Niveau besser ist als daheim. Ein Gespräch über Kulturwandel durch Klimawandel? Ein Sprecher antwortet: «Wir haben keinen Experten, der am Klimawandel arbeitet - das Interview würde deshalb keine offiziellen Daten enthalten.» Absage.

Der Eishockey-Trainer Alpo Suhonen, 69, schmunzelt, als er die Geschichte hört. Sie überrascht ihn nicht. «Hockey ist so eine in sich geschlossene Kultur», sagt er. Suhonen blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück, er war von 1986 bis 1988 Trainer des ZSC, führte den EHC Kloten 1995 und 1996 zum Meistertitel und machte von 2004 bis 2006 noch einen Abstecher zum SC Bern. Dazwischen war er im Jahr 2000 bei den Chicago Blackhawks der erste gebürtige Europäer auf einem NHL-Chetrainer-Posten seit 50 Jahren. Aber er war auch schon Intendant des Theaters in Turku. Suhonen ist sozusagen ein Spezialist dafür, über den Tellerrand seines Sports hinauszuschauen. Und aus Erfahrung weiss er, dass diese Eigenschaft im Eishockey-Business nicht verbreitet ist. Solange das Geschäft mit dem Spiel läuft, sind Umweltfragen eine entfernte Nebensache.

Es geht um Klimawandel, aber auch um Charakter und Talent

Wenn man sich hingegen mit Suhonen darüber unterhält, kommt man vom Klimawandel bald zu Grundfragen von Charakterbildung und Talenterziehung. Suhonen wuchs in den Fünfzigerjahren in Pori auf. Damals waren die Winter noch in Ordnung. Die Kälte kam im Herbst, die Jungs prüften auf kleinen Seen und Flüssen, ob das Eis trug. «Und dann spielten wir, so lange, wie es hell war. Allein, ohne Struktur. Deshalb waren wir so gut. Weil wir spielten, spielten, spielten.»

Ein Spiel muss leicht zugänglich sein, sonst kann es nicht gross werden. Eishockey wäre in Finnland kein Nationalsport, wenn das Eis früher nicht zum Charakter des Landes gehört hätte. So konnte die Tradition entstehen, die nun mit so etwas wie einer gross angelegten künstlichen Beatmung überleben soll. 268 Eishallen gibt es laut nationalem Eishockey-Verband in Finnland, in jeder Stadt ist mindestens eine. Aber die Eiszeit dort ist teuer. Viele beklagen, dass Kleinverdiener es sich nicht mehr leisten können, ihre Kinder zum Eishockey zu schicken. Es gibt Hilfen des Verbandes, für die man sich bewerben kann. Aber der Fördertopf enthält jährlich 1,1 Millionen Euro, die reichen nicht für alle.

Die Bewegung auf dem Eis ist nicht mehr selbstverständlich. Das hat Folgen. «Die grosse Herausforderung ist, dass die Kinder nicht mehr eislaufen lernen», sagt eine Verbandssprecherin. Und Suhonen vermisst die Lehre, die das freie Spiel auf dem Natureis mit sich brachte.

«Die jungen Leute werden wie kleine Maschinen behandelt»

Finnische Eishockey-Kinder, deren Eltern es sich leisten können, gehen heute mit vier oder fünf Jahren in einen Verein. Die Eishockey-Ausbildung dort ist so streng durchgetaktet, dass Kinder, die später einsteigen, kaum noch eine Chance haben. «Die jungen Leute werden wie kleine Maschinen behandelt», sagt Suhonen, «man entwickelt nicht das Individuum, sondern den Spieler als Teil des Systems.» Für ihn hat das mit der Kommerzialisierung des Spiels zu tun.

In den Siebzigerjahren übernahmen Geschäftsleute das Spiel in Finnland, Eishockey wurde zum unterhaltsamen Wettkampfsport für ein zahlendes Publikum. Die Freigeister vom Teich sollten Ergebnisse liefern und mussten sich strengen Trainingssystemen und Spielstrategien fügen. «Militärischen Stil» nennt Suhonen diese Anschauung. Er fand sie noch nie gut. «Du musst lernen, mit deinem eigenen Schläger zu spielen. Nicht mit dem Schläger des Trainers», sagt er, und Suhonen ist froh, dass diese Sicht seit etwa zehn Jahren zurückgekehrt ist.

Nach der modernen Eishockey-Lehre ist der Apparatschik auf Schlittschuhen out. Junge, geistig bewegliche Leute sollen dem Spiel eine neue Aura verleihen. Suhonen war zuletzt Sportdirektor in Österreich und hat dort im Verband ein neues Trainer-Entwicklungsprogramm betreut. «Zu den wichtigsten Inhalten der Spielerausbildung gehört dabei Spielerautonomie, Kreativität, Technik, Verständnis von Zusammenhängen.»

«Pond-Hockey-Zeug», murmelt Svante Suominen und lächelt. Er sitzt neben Suhonen im Café Strindberg an Helsinkis prächtigen Pohjoisesplanadi.

Die klirrende Kälte stirbt aus

«Die Geschäftslogik hat sich verändert», sagt Suhonen. Nachhaltigkeit ist angesagt, viele im Eishockey-Business haben verstanden: Ihr Produkt verliert an Kraft, wenn nur noch gleichgeschaltete Teamsoldaten ihre eingeübten Bewegungsmuster abspulen. Eishockey will deshalb zurück zu seiner Natur. Allerdings gibt es diese Natur nicht mehr. Die klirrende Kälte stirbt aus. Die Freude am Spiel im gefrorenen Seengebiet wirkt wie ein blasser werdendes Souvenir aus dem Museum der finnischen Seelenlandschaft.

Pond-Hockey war früher ein Teil des Winteralltags im Norden. Heute ist es ein seltener Genuss, und Svante Suominen macht es traurig, dass er seinen Söhnen davon fast nichts zeigen kann. Er bringt sie zu den Hallen. Er zahlt die teure Eiszeit: 60 Euro monatlich für Eliot, 7, der schon in einem Team spielt, sowie die Saisongebühr von 80 Euro für Anton, 4, der einmal pro Woche eine Art Eishockey-Grundschule besucht. Er erinnert sich an früher. Und er denkt daran, wie anders es ist, heutzutage ein finnischer Junge zu sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.12.2017, 08:52 Uhr

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