«Wie bei Rudeltieren in freier Wildbahn»

Trainer Felix Hollenstein lässt sich durch den zwiespältigen Start seiner Kloten Flyers die Freude am Job nicht nehmen und erklärt, wieso eine klare Rollenverteilung für den Erfolg einer Mannschaft entscheidend ist.

Seit 1985 das Gesicht des Klotener Eishockeys: Flyers-Coach Felix Hollenstein. Foto: Dominique Meienberg

Seit 1985 das Gesicht des Klotener Eishockeys: Flyers-Coach Felix Hollenstein. Foto: Dominique Meienberg

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Im letzten Spiel vor der Länderspielpause hievten sich die Flyers erstmals in diesem Herbst auf einen Playoff-Platz. Die Erleichterung war gross beim Finalisten des Frühlings, der mit sechs ­Niederlagen gestartet war – auch bei ­Felix Hollenstein. Mit 20 Jahren war er einst von Bülach nach Kloten gekommen, heute ist er 49 und Trainer der Flyers. Dazwischen liegen drei Jahrzehnte und vier Meistertitel mit dem einzigen Club, bei dem er je angestellt war – und den er geprägt hat wie kein anderer.

Was denken Sie, wenn Sie auf die Tabelle schauen?
Wenn man den Saisonstart in Betracht zieht, ist sie erfreulich. Verglichen mit den Erwartungen von uns allen, sind wir sicher nicht dort, wo wir sein wollten.

Dauert es heute länger, bis Sie eine Niederlage verarbeitet haben, als zu Ihrer Zeit als Spieler?
Ja. Als Spieler haben mich Niederlagen zwar genervt, aber sie waren schnell kein Thema mehr. Als Trainer macht man sich mehr Gedanken – andererseits haben wir heute auch viel mehr Spiele als vor 20 Jahren und damit weniger Zeit zum Grübeln.

Ist der Trainer Hollenstein so, wie Sie sich als Spieler Ihren Trainer gewünscht hätten?
Schwer zu sagen. Ich hatte in meiner Karriere sehr gute Trainer, und bei der Taktik und der Trainingsgestaltung habe ich auch von vielen etwas übernommen – von einem Conny Evensson, einem Wladimir Jursinow. Von der Art her habe ich mich nicht verändert. Grundsätzlich bin ich kumpelhaft und versuche, meine Jungs mit Respekt und mit Anstand zu behandeln. Ich bin keiner, der die ganze Zeit in der Garderobe herumschreit.

Merkt man, wenn sich in der Krise die Aussenwahrnehmung ändert? Wenn man als Verliererteam gilt?
Für uns gibt es so oder so nur etwas: Wir müssen gute Arbeit abliefern, jeden Tag hart und seriös trainieren. Und dabei auch das Wichtigste nie vergessen: ­Eishockey ist ein Spiel, die Jungs sollen Freude haben. Freude kommt mit dem Erfolg, und das fängt bei ganz kleinen Dingen an. Die Aussenwahrnehmung hat mich nicht interessiert.

Auch nicht, was die Clubführung in solchen Zeiten denkt?
Als Präsident oder Sportchef ist man nicht zufrieden, wenn man sechsmal in Serie verliert – das muss man gar nicht diskutieren. Es ist auch korrekt, dass da gewisse Reaktionen kommen. Aber man hat bei uns Team und Trainer immer in Ruhe ­arbeiten lassen, und das war gut.

Sie verändern Aufstellung und Linien eher ­selten. Wie wichtig ist in einer Mannschaft die Hierarchie?
Hierarchie ist vielleicht ein etwas veralteter Begriff. Aber Struktur muss ein Team auf jeden Fall haben. Das ist nicht anders als bei Rudeltieren in freier Wildbahn: Es braucht eine Rollenverteilung.

Was tun Sie, wenn Leistungsträger wie Bodenmann, DuPont oder Vandermeer ausser Form sind? Wird die Struktur da zum Problem?
Es kann nicht sein, dass eine Struktur kaputtgeht, wenn man fünf, sechs Spiele in Folge verliert. Tut sie das, war sie ­vorher schon nichts wert. Bei uns war genau das nicht der Fall, und das hat uns geholfen. Dass strukturell höher gestellte Spieler nicht ihre Leistung gebracht haben, war nicht das Problem.

Etwas anderes können Sie kaum sagen – Sie bleiben ja auf diese Spieler angewiesen.
Nein, das ist es nicht. Auch ein Trainer hat seine Emotionen. Übertrieben gesagt, gibt es Spiele, bei denen auch ein Coach denkt: Die müsste man alle zusammen entlassen. Aber das war bei uns nicht der Fall.

Sie sind seit 1985 als Spieler und Coach in Kloten. Welche Bedeutung hat der Club für Sie?
Ich verdanke ihm eigentlich alles. Ich habe mehr als die Hälfte meines Lebens in diesem Stadion verbracht, war in Teams mit grossartigem Zusammenhalt und sportlichem Erfolg. Als ich herkam, war die Halle halb offen; es herrschte Durchzug und war kalt. In diesen drei Jahrzehnten habe ich viele schöne Dinge erlebt und auch weniger schöne. Aber ich bin froh, dass ich hierbleiben durfte, dass ich die Chance erhielt zur Rückkehr.

Sie wurden im Juni 2012 freigestellt und ein paar Monate später ­zurückgeholt. Haben Sie nach dem Neu­beginn den alten Klotener Geist noch vorgefunden?
Der Geist in Kloten lebt auch nach dem Fast-Konkurs noch, davon bin ich überzeugt. Als ich noch Spieler war, gab es einen harten Kern, der fast das gleiche Alter hatte und über lange Zeit zusammenblieb. Das ist heute ähnlich: Ein Stancescu, ein Lemm sind schon ewig ­dabei, ein Jenni ist auch schon zehn Jahre in Kloten. Das hat seinen Grund: Es geht immer noch sehr familiär zu hier.

In der übrigen Schweiz wird das Image der Flyers eher vom schwerreichen Präsidenten Philippe Gaydoul geprägt . . .
Sicher haben uns die Ereignisse von 2012 geprägt. Der Club ist heute anders strukturiert, aber jetzt braucht es auch Geduld. Man muss jenen, die neu im Club sind, die Chance geben, etwas auf­zubauen. Dass man Kloten heute als Krawattenclub statt als Dorfclub wahrnimmt, erlebe ich nicht. Für mich ist Kloten immer noch so, wie es früher war. Dank Gaydoul konnten wir überleben, und dass er wie jeder Präsident eine andere Strategie, andere Ideen hat als seine Vorgänger, ist normal. Wir müssen alle dankbar sein, dass überhaupt noch NLA-Eishockey ge­spielt wird am Schluefweg.

Sie sagten einmal, Sie wollten in Ihrem Job gleich beurteilt werden wie jeder andere Trainer. Ist das bei Ihrer Geschichte überhaupt möglich?
(lange Pause) Logisch, es ist eine besondere Situation. Das war mir bewusst, als man mich im Juni 2012 entliess – und auch bei der Wiedereinstellung im Februar 2013. Es war eine extreme Zeit, in der man sich selbst und andere besser kennen lernte – im Guten wie im Schlechten. Natürlich wird man nach 30 Jahren im Club anders angeschaut. Aber ich muss das jetzt so sehen: dass Trainer ein Job ist, den ich nun halt in Kloten mache.

Beim Spieler Hollenstein hatte man das Gefühl, er blühe im ­Rampenlicht erst recht auf. Als Trainer wirken Sie öffentlichkeitsscheu. Haben Sie sich verändert?
Ich denke schon. Als Spieler steht man im Mittelpunkt und polarisiert entsprechend – das Kloten-Wappen war mir ja praktisch auf die Stirn tätowiert. Als Coach dagegen ist man bloss «Übungsleiter mit Gefahrenzulage», wie das unser Sportchef Roland von Mentlen einst nannte. Die Hauptakteure sind die Spieler, und ich bin eigentlich recht froh, wenn ich im Hintergrund bleiben kann. Die meisten Trainer, die ich kenne, würden am liebsten gar nie ein Interview ­geben. Mir geht es gleich.

Wussten Sie schon als Spieler, dass Sie Trainer werden wollten?
(bestimmt) Ja. Das war immer meine Absicht, aber es war eigentlich nie ein Ziel, NLA-Coach zu werden. Ich habe mich früher eher als Off-Ice-Coach gesehen, also fürs Sommertraining und den Kraftbereich. Später, als Assistent von Anders Eldebrink, ging das mit dieser Rolle auch super. Und als dann 2013 die Chance als Headcoach kam, fragte ich mich: wieso nicht?

Erfüllt der Job Ihre Erwartungen?
Ja. Ich habe einen super Assistenten mit Kimmo Rintanen, und es macht Spass, jeden Tag aufs Eis zu gehen und das zu tun, was wir immer getan haben: Eishockey spielen. Es ist auch schön, mit so vielen verschiedenen Typen zusammen zu sein, mit so vielen Jungen. Das hält einen selbst jung. Man setzt sich wie früher in die Garderobe und denkt: wow! Es wird über Gott und die Welt diskutiert, es kommt ein Spruch nach dem andern, doch das gehört genau dazu. Das sind Momente, die man als Coach sehr geniesst. Und es sind immer noch dieselben Themen wie früher.

Frauen, Ausgang, Eishockey?
Vielleicht in etwas anderer Reihenfolge.

Auch in Kloten haben die Garderobengänge einen ganz eigenen Geruch. Was löst es aus, wenn Sie die Tür zum Stadion öffnen und Ihnen das Aroma von abgestandenem Schweiss entgegenströmt?
Dann bin ich zu Hause. Mit den heutigen Klimageräten und Trocknungsräumen ist es allerdings viel besser als früher, da war der Gestank noch einiges stärker. Aber wir Eishockeyspieler riechen das fast gar nicht mehr. Im Gegenteil: Wir brauchen das.

Noch einmal zum Sport: Man hatte nicht den Eindruck, dass die Flyers mit den höheren Erwartungen diese Saison gut ­umgehen konnten . . .
Jeder wusste, dass die Erwartungen und der Druck nach dem Final grösser sein würden – von aussen wie von innen. Aber vielleicht haben wir unterbewusst eben doch geglaubt, dass wir ja Vizemeister sind, dass es darum wie letztes Jahr fast von selbst laufen würde. Nun wurden wir alle daran erinnert, dass man hart und seriös arbeiten muss, und zwar jeden Tag, dass es Geduld braucht – und dass der Erfolg erst dann kommt.

Sie haben Ihre Spieler nicht daran erinnert, wie Sie es früher machten?
Nein, nein, nein. «Wir früher»: Das hört man von mir im Zusammenhang mit ­Eishockey sicher nie.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2014, 21:33 Uhr

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