Wie die Ausländerabstimmung wirklich lief

Vier statt sechs Ausländer: Wie und warum Genève-Servette einen Rückzieher machte. Und weshalb Marc Lüthi am Ende den Saal erzürnt verliess.

Illustration Kornel Stadler

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Seit geraumer Zeit werden die Medien nicht mehr zur Versammlung der National-League-Clubs zugelassen. Nicht alles, was hinter verschlossenen Türen diskutiert wird, ist für die Öffentlichkeit bestimmt. Am Mittwoch sprachen sich neun der zwölf Clubs gegen die Erhöhung der Ausländerzahl aus. So weit, so bekannt. Nur: Wie lief die Sitzung in Solothurn wirklich ab? Uns wurde das Protokoll zugespielt.

Traktandum: 6. Ausländer.

Michael Rindlisbacher, VR-Präsident Swiss Ice Hockey: (klopft mit dem Hammer auf den Tisch) Wir kommen zum Antrag des SC Bern: Erhöhung der Zahl spielberechtigter Ausländer. Das Wort hat Marc Lüthi.

Marc Lüthi, CEO SC Bern: Die Konkurrenten im Ausland lachen sich kaputt darüber, wie wir uns in der National League gegenseitig überbieten. Die Spieleragenten führen mittlerweile zwei Preislisten: eine für die Schweiz und eine zweite für den Rest von Europa.

Raphael Berger, CEO Gottéron: Das ist Blabla!

Lüthi: (unwirsch) Für Schweizer Spieler gibt es keinen Markt. Also öffnen wir ihn. Nach meinem betriebswirtschaftlichen Wissen hat zusätzliche Konkurrenz die Preise noch nie erhöht.

Berger: Das ist Blabla!

Patrick Lengwiler, CEO EV Zug: Nein, das ist Schwachsinn. Eine Erhöhung der Ausländer wird zu einer Kostensteigerung führen. Zudem werden es sich die meisten Clubs mit zwei zusätzlichen Ausländern erlauben können, einen ausländischen Goalie im Kader zu haben. Und ich müsste mir die Frage stellen, weshalb wir 800'000 Franken für Genoni hingeblättert haben.

Reto Kläy, Sportchef EV Zug: Es geht um Vernunft. Das Schlüsselwort ist Vernunft. Wir sind vernünftig. Deshalb gehen wir bei Corvi und Hofmann nicht über die Schmerzensgrenze von 750'000 Franken hinaus. Um keinen Franken. Unter keinen Umständen. Wir sind vernünftig.

Lengwiler: Wir sind vernünftig.

Gaudenz Domenig, VR-Präsident Davos: Das passt, weil: Corvi spielt bei uns zurzeit äusserst vernünftig. (Schallendes Gelächter)

Marc Gianola, CEO Davos: Wir unterstützen den Antrag des SCB. Immer mehr Schweizer spielen in Nordamerika, und das Angebot an qualitativ guten Spielern ist zu gering.

Domenig: Früher zog Arno die guten Schweizer an. Nun ziehen sie weg. Deshalb sind wir für sechs Ausländer – und nebenbei auch für einen ausländischen Trainer.

Rindlisbacher: (klopft mit dem Hammer auf den Tisch) Ich fasse zusammen: Bern und Davos sind für den Antrag, Zug und Gottéron dagegen. Vielleicht darf ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich heute und jetzt in diesem Rahmen exklusiv zum Thema Stellung beziehe. Swiss Ice Hockey und ich, wir sind ganz klar da…

Lüthi: (unterbricht) Die Meinung des Verbands interessiert kein Schwein. Im Schweizer Eishockey machen die Clubs die Musik. Für euch ist im Mai ein bisschen Aufmerksamkeit reserviert. Punkt.

Berger: Das ist Blabla!

Lüthi: Wir müssen lernen, nicht mehr zwischen Schweizern und Ausländern zu unterscheiden!

Peter Jakob, VR-Präsident SCL Tigers: (rückt die Brille zurecht) Ke Ungerschied zwüsche Schwizer u Usländer? Auso Marc: Das chasch im Ämmitau vergässe! Mir söus doch nid glich ergah wi mim Vorgänger, em Grunder Housi? I weiss no, wo dä einisch öffentlech ire Zytig gseit hett: (holt einen Artikel hervor und rückt die Brille zurecht) «Der Wohlstand der Schweiz basiert auf der Zuwanderung.» Marc: Du hättsch söue gseh, wisi dr Housi när z’Langnou wine Sou dürs Dorf tribe hei. Drum: Mir si drgäge!

Daniel Villard, CEO EHC Biel: Der Berner Vorschlag ist interessant, aber nicht durchdacht. Und wenn wir schon dabei sind, Marc: Du hättest mir beim letzten Treffen ruhig sagen können, dass ausgerechnet ihr diejenigen seid, die Sämi Kreis die 100 000 Stutz mehr bezahlen wollen, die er in Biel vergeblich fordert.

Rindlisbacher: (klopft mit dem Hammer auf den Tisch) Bleibt beim Thema! La Romandie, s'il vous plaît!

Jan Alston, Sportdirektor Lausanne: (am Handy, zieht kurz die Ohrstöpsel raus und unterbricht das Gespräch) Comment? Ah, oui: Six, nous voulons six étrangers. Sechs, please! Come on guys, let’s do that! Yes we can! Yes we can pay! At least in Lausanne. (Ohrstöpsel rein, Wiederaufnahme des Gesprächs)

Peter Zahner, CEO ZSC Lions: Die Agenten treiben die Löhne in die Höhe! Die Zitrone ist ausgepresst. Weshalb tut niemand was gegen diese Agenten? Marcs Vorschlag ist gut. Wir sind ja grundsätzlich dagegen, aber eigentlich dafür. Wenn nur diese Agenten an die Kasse kommen!

Sven Leuenberger, Sportchef ZSC Lions: Also eigentlich sind wir eher dafür als dagegen, aber grundsätzlich?

Zahner: Diese verdammten Agenten! Grundsätzlich sind wir dafür, aber dagegen, weil wir nicht dafür sein dürfen, ich bin so frey.

Rindlisbacher: (klopft mit dem Hammer auf den Tisch) Leider muss ich euch über die Abwesenheit des HC Lugano informieren. Präsidentin Mantegazza und Sportchef Habisreutinger haben ihr Votum schriftlich abgegeben. Ich zitiere: «Cari amici! Leider können wir heute nicht in Solothurn sein, weil wir den 90. Geburtstag unseres Presidentissimo Geo feiern. Egal ob vier oder sechs Ausländer: Wir wollen, was die Mehrheit will! Weil: Non ci sono salari troppo alti, ci sono solo aspettative troppo alte. In dem Sinn: Auguri Grande Geo!»

Filippo Lombardi, VR-Präsident Ambri: (erhebt sich vom Sitz, knöpft sich das Sakko zu, rückt die Krawatte zurecht) Sehr geehrte Herren. Ich darf mit Stolz verkünden: Wir, der Hockey Club Ambri-Piotta, wir sind (kurze Kunstpause) dagegen! Mit sechs Ausländern werden es junge Spieler noch schwerer haben, einen Platz zu finden. Und wenn ich gerade das Wort habe: Vielleicht darf ich in diesem Rahmen kurz auf unsere nächste Spendenaktion aufmerksam machen...

Rindlisbacher: (klopft mit dem Hammer auf den Tisch) Wer hat noch nicht, wer will nochmal?

Markus Bütler, CEO Rapperswil-Jona: Also wir haben…

Lüthi: (unwirsch) Ihr habt hier gar nichts zu sagen.

Berger: Das ist alles Blabla!

Christophe Stucki, CEO Servette: Alors. Wir haben zusammen mit Bern den Vorstoss lanciert. Und deshalb steht ausser Frage, dass wir…

Chris McSorley, Trainer und noch viel mehr bei Servette: (steht auf, klopft jedem Anwesenden auf die Schulter, kehrt auf seinen Platz zurück und winkt mit beiden Händen in die Runde) Gentlemen! Gentlemen! Thank you! Gestern, die Referees in Bern, einmal mehr: ein Skandal. Bern instrumentalisiert die Refs seit Jahren. Deshalb haben wir in Genf…

Stucki: ...aber Chris…

McSorley: ...haben WIR in Genf entschieden, dagegen zu sein. Also gegen Bern.

Leuenberger: (springt vom Stuhl auf) Siehst du, Marc! Ich habs dir schon im Playoff 2013 gesagt! Ein verlogener Sauhund ist er, dieser McSorley! Ein Riesen-Pinocchio!

Lüthi: Exakt diese Worte haben uns damals eine Busse von 2000 Franken gekostet. Ich Idiot hab dir den Betrag vorgestreckt.

Berger: Das ist alles Blabla!

Lüthi: Und genau für diese 2000 Franken käme der beste Slowake barfuss in die Schweiz. Aber ihr wollt es einfach nicht begreifen. Gopferdami!

Rindlisbacher: (klopft mit dem Hammer auf den Tisch) Ich habe die Orientierung verloren. Wer ist nun dafür, wer dagegen?

(Lüthi verlässt erzürnt den Saal. Ende)

In der Rubrik «Crosscheck» äussert sich die Eishockey-Redaktion von Tamedia regelmässig zu Themen der schnellsten Mannschaftssportart der Welt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.11.2018, 17:43 Uhr

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