Zu Gast bei den Thorntons

NHL-Neuling Mirco Müller hat sich bei den San Jose Sharks nicht bloss auf dem Eis erstaunlich rasch integriert.

Angekommen in der Traumwelt NHL: Mirco Müller. Foto: Getty Images

Angekommen in der Traumwelt NHL: Mirco Müller. Foto: Getty Images

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Zuletzt musste Mirco Müller Haare ­lassen. In Chicago setzte es mit San Jose eine 2:5-Niederlage ab, und der Winterthurer stand bei drei ­Gegentreffern auf dem Eis. Vor ­allem aber ist er seit ein paar Tagen tatsächlich kahlköpfig unterwegs. Für eine Wohltätigkeitsaktion ­hatten Fans der Sharks dafür bezahlt, dass sie die Spieler bei ihrem Gang zum Coiffeur begleiten durften. Die Haarschnitte fielen dann ­radikal aus. «Nicht so schlimm», sagt Müller und lacht. «Es ist ja nicht kalt in Kalifornien.»

Einen Monat dauert das NHL-Abenteuer des 19-Jährigen nun schon. Und er wird es wohl bis Saisonende auskosten dürfen. Die Sharks hätten bis zum zehnten Spiel Zeit gehabt, Müller zurück zu den Junioren zu schicken und ihm ein weiteres Ausbildungsjahr aufzuzwingen. Das ­taten sie aber nicht. Und jetzt müssten sie seinen vollen NHL-Lohn von 900 000 Dollar zahlen, falls sie ihn doch noch degradieren würden. Das ist unwahrscheinlich. Coach Todd McLellan ist zwar sparsam mit Lob, aber es spricht Bände, wie er den Jüngling einsetzt: In einer Partnerschaft mit dem wichtigsten Verteidiger Brent Burns und im Schnitt 18:30 Minuten. Viel Verantwortung, die Müller aber mit erstaunlicher Abgeklärtheit zu bewältigen weiss.

Der herzliche Höhlenmensch

Burns ist für den Neuling auch zur wichtigen Bezugsperson im Club geworden. Ein spezieller Typ sei er, findet Müller. ­Allein des Äusseren wegen: Tattoos ­zieren den ganzen Körper des Kanadiers, das erste soll er sich schon als 11-Jähriger stechen lassen haben. Und wenn nicht auch er gerade für den guten Zweck geschoren wurde, schaut er ­verwildert aus wie ein Höhlenmensch. «Aber er ist sehr offen und herzlich», sagt Müller. «Wir ­haben uns sofort verstanden.» Und so treffen sie sich abseits des Rinks zum ­gemeinsamen Schwitzen in der Sauna oder zum Kinoabend.

Überhaupt wurde Müller viel Zuwendung entgegengebracht. So hat ihn Captain Joe Thornton schon ein paarmal zu sich nach Hause zum Abendessen eingeladen. Am Tisch dürfte auch die Heimat ein Gesprächsthema ­gewesen sein. Denn Thornton ist seit seinem Gastspiel in ­Davos während des Lockouts vor zehn Jahren mit ­einer Schweizerin liiert. «Die anderen Spieler schauen, dass ich aus dem Hotel komme und die Leute rund um den Club kennen lerne», sagt Müller mit spürbarer Dankbarkeit.

Letzte Woche erhielt er einen Brief des Managements mit der Erlaubnis, sich nun eine Wohnung suchen zu dürfen. Müller freut sich auf die erste eigene Bleibe, auf die neue Selbstständigkeit. Als Klotener Talent lebte er bei den ­Eltern, später, bei den Junioren von ­Everett, unweit von Seattle bei einer Gast­familie: «Immer war alles gemacht, jetzt muss ich selbst gewisse Dinge an­packen.» Kürzlich hat er sich sein Auto nach San Jose überführen lassen.

Der Beinahekampf mit Getzlaf

Doch die eigene Wohnung muss vorerst noch warten. Derzeit befinden sich die Sharks wieder einmal auf einem Trip. 16 ihrer ersten 21 Saisonspiele müssen sie auswärts bestreiten. Sie sind trotzdem passabel gestartet, doch das Programm zehrt zuweilen an den Kräften. In Chicago trafen sie etwa auf einen ausgeruhten Gegner, während sie selbst am Abend ­zuvor noch in Dallas gespielt hatten. ­Müller sagt: «Der hohe Rhythmus war ein Grund, weshalb ich früh in die kanadische Juniorenliga wechselte. Da sind die langen Reisen im Bus noch ein Stück ­härter. Da muss man sich durchbeissen. Es rüstet dich für die NHL.»

Dass er vor den Prüfungen in der weltbesten Liga nicht zurückschreckt, bewies der 193 Zentimeter grosse Verteidiger unlängst gegen Anaheim, als er sich in einer Rangelei mit Starstürmer Ryan Getzlaf wiederfand und die Handschuhe aufs Eis warf – bereit zum Kampf. «Ich dachte, ich nehme einen fürs Team», erzählt Müller. Doch die Referees gingen dazwischen, wollten den Rookie wohl schützen. Derweil lachten die Mitspieler draussen auf der Bank herzhaft über so viel Unverfrorenheit. «Sie fanden es cool, dass ich meinen Mann stehen wollte», sagt Müller.

Er habe immer gewusst, dass er das Zeug dazu habe, in der NHL zu bestehen. Aber nun, da er am Ziel ist, könne er manchmal gar nicht alle Eindrücke verarbeiten. Die Auftritte in riesigen Arenen, die Flüge erster Klasse und Übernachtungen in Luxushotels. Müller lebt derzeit in einer Traumwelt. Und ­verliert da lieber Haare statt Spiele.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2014, 22:09 Uhr

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