Zu gut für den Meisterblues

ZSC und Kloten sind ein halbes Jahr nach dem Zürcher Playoff-Final zwar mindestens gleich gut besetzt wie damals, aber noch weit von ihrer Bestform entfernt.

Seltene Jubelpose: Robert Nilsson spielt noch unter seinen Möglichkeiten. Foto: Foto-net

Seltene Jubelpose: Robert Nilsson spielt noch unter seinen Möglichkeiten. Foto: Foto-net

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Marc Crawford ist zu beneiden. Seit er ZSC-Trainer ist, kennt er das Wort Krise nur noch vom Hörensagen. Nur einmal verlor sein Team drei Spiele in Serie – im Halbfinal 2013 gegen Gottéron. Es war die einzige Enttäuschung unter Crawford. Auch in dieser Saison segeln die Zürcher in ruhigen Gewässern. Ohne allzu oft richtig zu überzeugen, sind sie Zweite. Sie sind schlicht zu gut, zu ausgeglichen, zu gefestigt als Mannschaft, als dass bei ihnen ein Meisterblues aufkommen könnte.

Doch das ist auch ihr Handicap. Sie wissen, dass sie meistens gewinnen, auch wenn sie nicht an ihre Grenzen gehen. Man könne «desperation», zu übersetzen mit wilder Entschlossenheit oder Mut der Verzweiflung, nicht künstlich erzeugen, sagte Crawford zu Beginn der Länderspielpause. Da sei die Professionalität der Spieler gefragt. Der Coach versuchte immer wieder, für Schwung zu sorgen, indem er Linien mischte, Junge einbaute und phasenweise forcierte. Doch von der Intensität, Konsequenz und Konstanz, die sie im Final gegen Kloten gezeigt hatten, sind die Lions bisher weit entfernt.

Menschlich, aber gefährlich

Das ist verständlich und menschlich. Die Spieler wissen auch, dass der Titel nicht im Oktober vergeben wird. Die Situation ist ähnlich wie vor einem Jahr, als sie nach 20 Spielen noch drei Punkte weniger geholt hatten. Doch danach setzten sie zu einer Serie von elf Siegen an und sich an der Spitze ab. Auch diesmal ist eine Steigerung im November und Dezember nötig. Denn danach geht es schnell. Und das Aus in der Champions League, die eines der Saisonziele gewesen war, muss als Warnung gelten. Man kann den Schalter nicht einfach umstellen.

Die Entwicklung der Jungen ist bisher das Erfreulichste: Baltisberger und Künzle haben den nächsten Schritt gemacht, die Teenager Siegenthaler und Malgin fanden sich erstaunlich schnell zurecht in der Liga. Die Arbeit mit den Talenten, die mit Spezial­trainings gefördert werden, etwa mit Powerskating, ist eine der grossen Stärken der Zürcher. Und die Eiszeit, die im Herbst in junge Spieler investiert wird, zahlt sich im Playoff aus.

Doch in der Spitze liessen die Zürcher noch viele Wünsche offen. Von den Topstürmern habe erst Wick überzeugt, sagt Crawford. In der Tat. Grosse Namen wie Cunti, Nilsson, Keller oder Bärtschi blieben einiges schuldig. In der Abwehr patzte Bergeron und konnte Smith noch nicht zeigen, dass er ein Upgrade gegenüber McCarthy ist. Vieles wurde übertüncht von der Konstanz Flüelers, der alle NLA-Goalies statistisch übertrifft.

Dass bei den ZSC Lions noch so viel Potenzial brachliegt und sie trotzdem vorne dabei sind, darf positiv stimmen. Doch das heisst nicht automatisch, dass sie es ausschöpfen. Zumal die Konkurrenz stärker ist als letztes Jahr. Crawford ist zu beneiden. Aber einen einfachen Job hat er nicht. Denn er weiss: Alles andere als die Titelverteidigung ist mit diesem Team nicht gut genug. (sg.)


Zu viel schuldig geblieben


Fleissiger Skorer: Mit Denis Hollenstein gewann Kloten bisher immer. Foto: Freshfocus

«Katastrophal», «schlimm», «miserabel». Je weiter der Herbst voranschreitet, umso deutlicher die Worte, mit denen sie in Kloten den Saisonstart beschreiben. Die Botschaft dahinter: Die Flyers sind jetzt ein ganz anderes Team als jenes, das die ersten sechs Spiele verlor. Und die Tabelle bestätigt das ja: Im letzten Spiel vor der Nationalmannschaftspause hievte sich Kloten erstmals in die Playoff-Ränge.

Das ist allerdings wenig für einen Club mit dem Budget der Flyers. Es ist auch weniger, als von einem Playoff-Finalisten erwartet wird, der die erneute Finalqualifikation zum Saisonziel hat. Aber es ist doch genug, damit Ruhe herrschen kann im Club. Der Trend geht in die gewünschte Richtung.

Wer den Saisonstart ausklammert, kann mit den Flyers hoffnungsvolle Rechnungen anstellen. Seit dem ­Premierensieg haben sie 9 von 12 Spielen gewonnen – so viele wie sonst nur die Spitzenteams aus Davos und Bern. Und wenn der lange verletzte Rückkehrer Denis Hollenstein mittut, gewinnt Kloten sowieso: Sechsmal war das diesen Herbst der Fall.

Ins Auge sticht auch, dass kein einziger Klotener Sieg mit mehr als einem Tor Differenz zustande kam. Und dass die Flyers in keinem Spiel mehr als vier Tore erzielten. Ob beim miserablen Start oder im jüngsten Erfolg: Die Flyers im Herbst 2014 sind ein Team, das Mühe hat mit dem Toreschiessen. Und das ist angesichts ihres Personals doch eine recht unangenehme Überraschung.

Spielerisch selten überzeugt

Paradebeispiel für die Ladehemmung ist Nationalstürmer Bodenmann, dem am Freitag nach 945 Minuten erstmals ein Tor gelang. Man könnte das darauf zurückführen, dass er fürs nächste Jahr in Bern unterschrieben hat – doch für Santala, Stancescu, Liniger oder DuPont gilt das ja nicht, und auch diese Leistungsträger blieben bisher weit unter ihrem Potenzial.

Bei ihnen böte sich das fortschreitende Alter als Erklärung für die Abschlussschwäche an, ganz generell die Verletzungen. Mit Hollenstein, Guggisberg und Mueller fielen drei der besten Stürmer länger aus, jene drei Akteure auch, an denen sich der Erfolg von Klotens Transferkampagne entscheidet. Insofern hat man das wahre Kloten noch gar nicht gesehen: Das komplette Trio in einem Spiel gab es noch nie.

Potenzial zur Steigerung bleibt aber bei fast allen, denn spielerisch hat dieses Team auch im Erfolg viel zu selten überzeugt. Dass der unbändige Kampfgeist so auffiel, spricht gewiss fürs Engagement, nicht aber für die taktische Sicherheit und das Selbstvertrauen jedes Einzelnen. Den Beweis, dass die Flyers mit den höheren Erwartungen an einen Playoff-Finalisten umgehen, dass sie dominieren können, sind sie auch auf Rang 7 noch schuldig.

Das erfolgsverwöhnte Publikum lässt es sie spüren: Im Vergleich zu den ersten neun Heimspielen des letzten Jahres kamen im Schnitt 250 Zuschauer weniger. (phm)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2014, 23:10 Uhr

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NLA

50. Runde

25.02.HC Lugano - ZSC Lions3 : 2
25.02.Geneve-Servette HC - EHC Kloten2 : 4
25.02.Fribourg-Gottéron - SC Bern4 : 7
25.02.HC Davos - SCL Tigers6 : 2
25.02.HC Ambri Piotta - Lausanne HC3 : 2
25.02.EV Zug - EHC Biel-Bienne4 : 3
Stand: 25.02.2017 22:19

Rangliste

NameSpSU+U-NG:EP
1.SC Bern5031649160:114109
2.ZSC Lions5026987166:115104
3.EV Zug50283613153:12296
4.Lausanne HC50235121154:13980
5.HC Davos50224420152:13578
6.HC Lugano50196421142:15573
7.Geneve-Servette HC501841117135:14073
8.EHC Biel-Bienne50212324146:14070
9.EHC Kloten501451021142:16262
10.SCL Tigers50164327124:15459
11.Fribourg-Gottéron50125231130:17748
12.HC Ambri Piotta5098528113:16448
Stand: 25.02.2017 22:23

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