Zurück zu den Wurzeln

Bei den Kloten Flyers haben vier von acht Zuzügen eine Vergangenheit im Club. Dahinter steckt System – nicht nur bei der Transferpolitik.

In vertrauter Klotener Umgebung: Kellenberger, Harlacher, Praplan und Hollenstein posieren mit einem Riesenpuck. Dieser ist das Modell für ein fünfmal so grosses Verkehrskreisel-Monument. Foto: Giorgia Müller

In vertrauter Klotener Umgebung: Kellenberger, Harlacher, Praplan und Hollenstein posieren mit einem Riesenpuck. Dieser ist das Modell für ein fünfmal so grosses Verkehrskreisel-Monument. Foto: Giorgia Müller

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Es war eine denkwürdige Antwort, die Steve Kellenberger Ende 2011 auf die Frage gab, warum er Kloten verlasse. Den einzigen Club, für den er je gespielt hatte. Jenen Club, für den er als Fan auf der Tribüne gefiebert hatte. Den Club, für den er seit seinem achten Lebensjahr spielte, für den sein Vater als Betreuer tätig war. Er wünsche sich eine grössere Rolle, begründete der damals 24-Jährige den Wechsel nach Biel. Und dann kam der Satz, der heute fast wie eine Prophezeiung wirkt: «Mein Ziel ist es, dass ich so schnell wie möglich ­wieder zurückkommen kann.»

Diesen Sommer war es so weit – und Kellenberger ist kein Einzelfall. Acht Transfers hat Kloten getätigt, die Hälfte davon sind Rückkehrer. Denis Hollenstein, Edson Harlacher, Vincent Praplan spielten alle schon früher hier.

Zufall ist das nicht. Bereits vor einem Jahr hatte Sportchef André Rötheli ­an­gekündigt, vermehrt auf selbst aus­gebildete Spieler zu setzen. «Man kann nicht erwarten, dass das jedes Jahr so ­gelingt», relativiert er zwar. Doch es sei klar: Die Identifikation mit dem Club und die Verbindung mit dem Ort sind bei Rückkehrern von Anfang an grösser. Oder wie es Kellenberger formuliert: «Schlussendlich ist es Heimat.»

Alle 5 Jahre die halbe Stadt neu

Natürlich kehrt kein Spieler allein der guten Erinnerungen wegen an seine alte ­Wirkungsstätte zurück. Der Wunsch der Flyers, an früher anzuknüpfen und Bindungen neu zu beleben, spiegelt sich in der Personalpolitik, durchdringt aber alle Bereiche. Der Umzug der Geschäftsstelle vom Stadtrand ins Zentrum, der Auftritt von Präsident Philippe Gaydoul im Parlament, die Einbindung des Gewerbevereins in die Feierlichkeiten zum 80-Jahre-Jubiläum des Clubs: All das sind Zeichen dafür, dass es den Flyers ernst ist mit der breiteren ­Abstützung.

Leicht ist diese Aufgabe nicht. Da ist einerseits das traditionell komplizierte Verhältnis zum lokalen Gewerbe. Als der Verein einst Geld sparen und seine Würste bei einer Grossmetzgerei statt ­lokal einkaufen wollte, folgte eine Welle der Solidarisierung – zum Nachteil des Clubs. Es war ein Muster, das sich x-fach wiederholte.

Auch das Verhältnis zur Politik war nicht immer so gut wie in der Gegenwart; dazu kommt ein Trend, der den Flyers zu schaffen macht. Kloten ist nämlich längst nicht mehr das Dorf von einst, sondern eine Stadt im demografischen Wandel. Alle fünf Jahre zieht die Hälfte der fast 19'000 Einwohner an ­einen anderen Ort weiter. Kein Wunder, ist der Saisonkartenanteil in Kloten selbst eher gering. Flyers-Fan zu sein, wurde jüngst immer mehr eine Frage des Herzens statt der Heimat.

Ein Rekordpuck als Symbol

Dass es künftig wieder beides wird, ist für die Flyers elementar. Der Club braucht die Hilfe der Stadt in allen möglichen Fragen, nicht zuletzt bei jener des Stadions, wo Umbauten fällig sind und ein Ausbau denkbar. Die Bewerbung als WM-Ausrichter 2019 oder 2020 soll dabei helfen, jüngst wurde für verschiedene Ausbauvarianten ein Planungs­kredit von 70'000 Franken gesprochen.

Das Thema ist heikel, gerade nach dem Steuererlass von 2012. Alle Seiten versichern darum, die Idee sei nicht, dass die Allgemeinheit das Projekt stemme. Die aktuelle PR-Offensive dient demnach vor allem dazu, den Club breiter abzustützen und Goodwill zu schaffen.

Unübersehbares Symbol dafür soll ein riesiger Puck sein, der ab November einen Verkehrskreisel im Stadtzentrum ziert. Für acht Franken kann jedermann einen der 9000 Pucks erwerben und ­signieren, aus denen sich das Monument dereinst zusammensetzt. Als «Symbol dafür, dass viele kleine Teile etwas ­Grosses ergeben» versteht das Marketing-Chef Antonio Hernandez.

Vorerst existiert dieses Symbol erst im Massstab 1:5. Aber wenn das Original fertig ist, soll es als grösster Puck der Welt ins Guinnessbuch eingetragen werden.

Die vier jungen Männer, die wenige Tage vor dem Saisonstart mit dem ­Modell posieren, haben allerdings anderes im Kopf. «Mein erstes Ziel ist ein Stammplatz», sagt Praplan. «Ich will daran arbeiten, in der Offensive mehr zu kreieren», sagt Harlacher. «Wir haben eine gute Mannschaft», sagt Hollenstein, «es wird Zeit, dass es losgeht.»

Die bisherigen Wege der vier Rückkehrer verliefen sehr verschieden. Da ist Hollenstein, der nach einem Exiljahr in Genf zum Stammclub zurückkehrte. Die Geschichte ist bekannt, auch ohne dass Hollenstein je darüber reden wollte. Als Vater Felix nach der Club­rettung 2012 als Coach abserviert wurde, war das Tuch mit der damaligen Führung zerschnitten. Ein Jahr nachdem Hollenstein senior zurückgeholt wurde, kehrte auch Denis heim.

Es war fast im Wortsinn eine ­Rückkehr zu den Wurzeln: Als Felix den Club in den 1990er-Jahren zu vier Meister­titeln führte, war Denis mittendrin. Im Schluefweg erlernte er das ­Eishockey, durchlief alle Junioren­stufen, wurde ­Nationalspieler. Kellenberger und er kennen sich seit Kindesbeinen, gehörten jahrelang zum Inventar. «Es lebt wieder etwas hier», findet Hollenstein heute.

Die beiden anderen Rückkehrer ­müssen ihren Platz im Team erst noch finden. Da ist Vincent Praplan, zwanzigjährig und 2013 Topskorer der Elite-Junioren-Meisterschaft. Und da ist der zwei Jahre jüngere Edson Harlacher, Verteidiger, 1,90 Meter gross und ebenfalls eines der grössten Talente im Land. Beiden gemeinsam ist, dass sie sich vor Jahresfrist von Kloten in die kanadische Juniorenliga verabschiedeten. Und auch, dass die Saison dort nicht wunschgemäss verlief. Im NHL-Draft wurden sie übergangen, danach entschlossen sie sich zur Rückkehr.

TV-Highlight in Kanada

Bereuen mussten sie es bisher nicht. Praplan kam in der Vorbereitung im ersten Sturm zum Einsatz und schoss in der Champions League ein fabulöses Tor, das es in die Highlights im kanadischen TV schaffte. Und Harlacher ­überzeugte an der Seite von Micki ­DuPont so sehr, dass der Trainer auch in Überzahl keinen Anlass sah, das Paar zu trennen.

Harlacher und Praplan sind zugleich zwei klassische Klotener Nachwuchskarrieren. Der Verteidiger wurde bei Bülach gross, ehe er mit zwölf Jahren zum Partnerteam wechselte. Und der Stürmer stammt eigentlich aus Sierre, sah dort aber mangels Junioren-Teams auf höchster Stufe keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr und zog mit 14 allein zu einer Gastfamilie nach Kloten. Alles war neu für ihn damals; als er von Oerlikon den Zug nach Hause nehmen wollte, landete er versehentlich im Zürcher HB.

Vieles ist passiert seither in Kloten, eines aber gilt anscheinend bis heute. «Wir sind wirklich alles Kollegen», schwärmt Praplan, «das sind die besten Voraussetzungen, um erfolgreich zu sein.»

Die Marketing-Leute der Flyers hätten es nicht besser sagen können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2014, 22:49 Uhr

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