Sven Bärtschi erlebt den Albtraum aller Abschiebungen

Eine Demotion von der NHL in die AHL ist hart – besonders auch aus geografischer Sicht, wie es der Schweizer gerade erlebt.

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Wie oft hören oder lesen wir die Meldung vom Spieler, der aus seinem NHL-Club zum AHL-Farmteam abgeschoben wurde und denken uns nicht viel dabei. Dabei ist «Abschieben» definitiv nicht gleich «Abschieben», mindestens drei Faktoren spielen eine grosse Rolle dabei, wie einfach so eine Versetzung ins Farmteam abläuft – oder auch der umgekehrte, angenehmere Weg, wenn ein AHL-Spieler zum NHL-Team darf.

Der erste Faktor ist die Organisation, für die der Spieler unter Vertrag steht. Denn nicht jede NHL-Mannschaft weiss ihr AHL-Team gleich um die Ecke. Zwischen einem Spaziergang und einer halben Weltreise ist alles möglich beim Weg vom grossen zum kleinen Club. Wo die 31 NHL-Teams ihre «AHL Affiliates» (der offizielle Term) haben, ist in der Bildstrecke oben zu sehen. Clicken Sie sich durch, der Überblick kommt auch einer kleinen virtuellen Reise durch Kanada und den Vereinigten Staaten gleich.

Der Faktor Aufenthaltsort – mit dem Beispiel Reto Berras

Der zweite Faktor ist der Ort, an dem sich der Spieler gerade befindet, während er von der «Demotion» (vom NHL-Team zum AHL-Club) oder dem «Call-up» (der umgekehrte, erfreulichere Weg) erfährt. Nicht immer sitzt er zuhause auf dem Sofa. Nehmen wir das Beispiel des heutigen Gottéron-Goalies Reto Berra. Der Call-up vor seinem allerersten NHL-Spiel der Karriere mit den Calgary Flames am 3. November 2013 in Chicago erfolgte in der Nacht vom 1. auf den 2. November, nach Mitternacht.

Berra sass im Bus der Abbotsford Heat, dem damaligen AHL-Farmteam der Flames. Die Mannschaft war gerade unterwegs vom Auswärtsspiel in Hamilton, Ontario in Kanada nach Utica, New York in den USA, als Berras Coach ihn nach vorne bat und ihm die frohe Kunde überbrachte. Kaum in Utica angekommen, musste Berra am Morgen früh zum nächsten Flughafen (nicht so einfach, siehe Karte oben), um die nächste Maschine nach Chicago zu erreichen, sein damaliger NHL-Coach (Bob Hartley, wir kennen ihn auch hier in der Schweiz) wollte ihn so früh wie möglich bei sich haben. Darüber und auch über andere Erlebnisse zwischen NHL und AHL erzählt Berra hier in einem Interview.

Apropos das erwähnte Sofa in der heimischen Stube: Zwischen Abbotsford und Utica liegen gut 4500 Kilometer …

Der Faktor Trade – mit dem Beispiel Vincent Praplans

Ein dritter, eher seltener, aber durchaus möglicher Fall, ist die Reise zum neuen AHL-Team via Trade, also Clubwechsel. Der heutige SC-Bern-Stürmer Vincent Praplan erlebte dieses Beispiel letzte Saison, als ihn die San Jose Sharks zu den Florida Panthers transferierten. Doppelt kompliziert: Praplan wurde zwischen den beiden AHL-Teams der beiden Mannschaften verschoben. Jenes der Sharks spielt ebenfalls in San Jose, es ist eine von nur drei für die Spieler angenehmen Varianten, in der sowohl NHL- als auch AHL-Team in derselben Stadt beheimatet sind. In San Jose bildete Praplan mit dem Schweizer NHL-Stürmer der Sharks, Timo Meier, gar eine WG.

Doch als Praplan vom Trade in die Organisation der Panthers erfuhr, befand er sich im von San Jose 3000 Kilometer entfernten Des Moines, Iowa auf einem Roadtrip mit seiner AHL-Mannschaft, den San Jose Barracuda. Am nächsten Tag wurde er bereits in Springfield, Massachusetts, erwartet, wo die Springfield Thunderbirds, das Farmteam der Florida Panthers spielt. Das von Des Moines gut 2000 Kilometer entfernte Springfield nahe der US-Ostküste erreichte Praplan mit zwei knapp zweistündigen Flügen via Detroit. Wie Praplan diesen verrückten Tag erlebte, wird hier ausführlich erzählt.

Die Abschiebung als mentale Herausforderung – mit den Beispielen Nino Niederreiters und Sven Bärtschis

Zur mental grössten Herausforderung wird es für Spieler, die eigentlich in der besten Liga spielen wollen, sich auch als NHL-Spieler sehen, aber aus diversen oder auch bloss aus einem, für Aussenstehende vielleicht obskur anmutendem Grund, in die AHL müssen. Dann spielt es natürlich auch eine Rolle, wo das AHL-Team beheimatet ist. Nino Niederreiter zum Beispiel, damals noch Spieler der New York Islanders und am Anfang seiner Profikarriere, musste nach einer verschwendeten NHL-Saison 2011/12 mit nur wenig Eiszeit und bloss einem Tor in 55 Spielen für die komplette Saison 2012/13 zum AHL-Team nach Bridgeport, Connecticut.

Zwar liegt Bridgeport einigermassen in der Nähe New Yorks (siehe Karte), doch besonders fies: Jeden Morgen, wenn er in Milford, einem Ort unweit von Bridgeport (wo kein Spieler der Bridgeport Sound Tigers wohnt, der Club warnt wegen der Kriminalität sogar explizit davor) aufstand, sahen er und sein WG-Kollege, der damals ebenfalls von den Islanders abgeschobene heutige NHL-Spieler Calvin de Haan, nicht nur die schöne Meeresbucht. Nein, am Horizont war stets auch Long Island, die Heimat der New York Islanders, zu sehen.

Und nun last but not least zurück zum Faktor «Reise» und damit zu Sven Bärtschi, den es besonders hart getroffen hat zu Beginn dieser Saison. Kaum einer hatte den Langenthaler in der AHL erwartet, ein Platz in den ersten beiden Sturmlinien der Vancouver Canucks schien ihm, wie meistens in den letzten vier Saisons, sicher. Doch dann schoben ihn die Canucks ins AHL-Farmteam ab, zu den Utica Comets (diese kennen wir bereits von Berras Story). Wie der Blick auf die diversen Karten zeigt, liegt zwischen keinen anderen Affiliates eine derart mühsame Reise wie zwischen Vancouver und Utica.

Sollte Bärtschi in dieser Saison zwischen NHL- und AHL-Team hin- und herpendeln, wäre das jedes mal mit immensem Reiseaufwand verbunden. Der Schweizer Stürmer kennt diese Situation indes bereits. 2014/15, vor seinem Wechsel von Calgary zu Vancouver, reiste Bärtschi ebenfalls zwischen NHL-Team in Kanada und der AHL-Mannschaft der Adirondack Flames hin und her. Diese befand sich damals noch in Glens Falls, New York, in der Nähe der US-Osküste, die Reise nach Calgary bedeutete jedes Mal einen sechs Stunden langen Flug hin und zurück – darüber spricht Bärtschi ausführlich hier. Er hätte vor fünf Jahren kaum gedacht, dass dies noch zu steigern wäre. Die Reise zwischen Utica und Vancouver ist unter acht Stunden nicht zu schaffen.

Ein Trost bleibt Bärtschi. Vor fünf Jahren spielte es finanziell eine Rolle, ob er in der NHL oder der AHL spielte, sein Jahreslohn im Farmteam war mit 70'000 US-Dollar knapp 13 Mal kleiner als das NHL-Salär. Nun, mit einem Einweg-Vertrag ausgestattet, verdient er genau gleich viel – egal, ob er in Vancouver oder Utica spielt: Rund 3,3 Millionen US-Dollar pro Saison.


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Erstellt: 17.10.2019, 10:37 Uhr

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