«Als Bruder hat es mich zerrissen»

SCB-Meistercoach Lars Leuenberger und Bruder Sven, der für ihn den Job als Sportchef opferte, sprechen über Gefühle, Titel und Trainerwahl.

Lars Leuenberger (l.) und sein Bruder Sven. Fotos: Keystone

Lars Leuenberger (l.) und sein Bruder Sven. Fotos: Keystone

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Wann haben Sie den Titelgewinn realisiert, Lars Leuenberger?
Lars Leuenberger: Zwei Sekunden vor Schluss, als Pascal Berger die Scheibe wegspedierte, da wusste ich: So, jetzt ist es geschafft!

Auch für Sie dürfte es emotional gewesen sein, Sven Leuenberger. Es triumphierte die Mannschaft, die Sie zusammengestellt haben.
Sven Leuenberger: Ich hatte natürlich schon ein wenig Abstand. Aber klar, es war eine grosse Genugtuung: zu sehen, ja, es hat geklappt. Aber es war eher eine innere Freude.

Blicken wir auf die Saison zurück. Würden Sie sie noch einmal mit Guy Boucher in Angriff nehmen?
Sven Leuenberger: Ja, auch wenn man ihn wohl ein bisschen besser coachen müsste. Dieser Nonstop-Flirt mit der NHL war für ihn als Nordamerikaner normal, für uns Schweizer dagegen fast schon frech. Das hat ihm geschadet.

Wie kam er bei der Mannschaft an?
Lars Leuenberger: Wir konnten alle viel von ihm lernen. Er beherrscht sein ­Metier. Das merkte auch die Mannschaft.

Was fehlte, war der Erfolg.
Lars Leuenberger: Er hat es fast zu gut ­gemeint. Vielleicht können die Spieler in der NHL mit den vielen Informationen, die er gab, umgehen. Aber bei uns klappt das nicht. Ich wusste also, was man ändern musste, als ich die Verantwortung übernahm. Ich gab den Spielern mehr Freiheiten, sagte immer wieder: «Denkt nicht, Jungs, geht einfach raus und spielt.» Das mussten sie wieder lernen.

Es kam der Moment des Trainerwechsels. Ihr Bruder, der Sportchef, hat für Sie seinen Job zur ­Verfügung gestellt, Lars Leuenberger. Wir stellen uns das belastend vor.
Lars Leuenberger: In der täglichen Arbeit hat es mich nicht beeinflusst. Aber als Mensch und Bruder hat es mich zerrissen, das will ich ganz ehrlich zugeben. Ich hatte das natürlich nicht so gewollt, es waren brutal schwierige Momente. Auch für unsere Eltern und für unsere Familien. Tagelang hatte ich Mühe, Sven in die Augen zu blicken. Wenn ein anderer seinen Traumjob für dich aufgibt, puh, das ist echt schwierig! Es war einfach nur grosse Klasse von ihm, und ­deshalb war es so schön für mich, dass es aufgegangen ist. Dass ich ihm das so zurückgeben konnte.

Es kamen die schwierigen Momente im Dezember und Januar mit den vielen Niederlagen. Kamen da bei Ihnen nicht Zweifel auf, dass alles umsonst gewesen sein könnte?
Lars Leuenberger: Nein, zu diesem Zeitpunkt war das kein Thema mehr. Das war nur ein Problem, bis ich gemerkt hatte, dass Sven sein Handeln nicht ­bereut. Als er mir signalisierte: Es ist auf ­jeden Fall okay für mich. Da konnte ich mit dieser Belastung abschliessen.

Sie wurden damals heftig kritisiert. Wie gingen Sie damit um?
Lars Leuenberger: Ich habe versucht, nicht zu viele Medien zu konsumieren und in meinem Tunnel zu bleiben. Aber klar, man merkt es trotzdem. Wenn dich ausser Haus Leute ansprechen oder wenn dir intern Mitarbeiter aus dem Weg gehen.

Hand aufs Herz, Sven Leuenberger – haben Sie manchmal gedacht: Mein Opfer war vergeblich?
Sven Leuenberger: Nein, ich wusste ja schon im Voraus: Es kann gut ausgehen oder auch nicht, es wird an einem ­seidenen Faden hängen. Mit einem Titel kann man nie rechnen, man kann ihn sich nur erhoffen. Aber es war eine einmalige Chance für Lars. Ich wusste: Wenn er sie nutzt, gehen ihm viele ­Türen auf. Und die Situation war eine andere als vor zwei Jahren (als Lars Leuenberger schon einmal als Headcoach einsprang und das Amt wieder zur ­Verfügung stellte, die Red.). Er war jetzt viel gefestigter. Er hatte diese Chance einfach verdient.

Das klingt jetzt extrem selbstlos.
Sven Leuenberger: Ach, wissen Sie, wenn ich in meinem ersten oder zweiten Jahr als Sportchef gewesen wäre, hätte ich es vermutlich nicht gemacht. Aber ich machte diesen Job schon zehn Jahre, ich hatte also gar keine andere Option. Mein Entscheid war sozusagen logisch.

Dann brachten Sie, Lars Leuenberger, die Mannschaft in extremis ins Playoff und erfuhren da, dass Sie so oder so keinen neuen Vertrag erhalten würden. Wie ­reagierten Sie?
Lars Leuenberger: Das war hart und ­enttäuschend. Und ich verstehe es nach wie vor nicht.

Wie wurde es begründet?
Lars Leuenberger: Fragen Sie die zuständigen Stellen beim SCB.

Die sind zurzeit leider nicht zu sprechen (CEO Marc Lüthi stand uns gestern für ein Interview nicht zur Verfügung, weil er im Ausland weilt).
Lars Leuenberger: Das überrascht mich nicht.

Hegen Sie einen Groll?
Lars Leuenberger: Einen Groll? Ich bekam von Leuten, die sportlich kompetent sein wollen, keine Chance. Sie wussten, wieso wir diese Schwierigkeiten hatten. Und sie wussten auch, dass man mit einem ­solchen Entscheid zuwarten kann, bis die endgültigen ­Resultate vorliegen.

Und Sie, Sven Leuenberger, hatten Sie da die Gewissheit, dass Ihr Opfer halt doch umsonst gewesen war.
Sven Leuenberger: Normalerweise verspricht ein hohes Risiko eine grosse ­Belohnung. Nun wusste ich, dass die ­Belohnung relativ bescheiden ausfallen würde (lacht). Klar ist das alles auch für mich nicht nachvollziehbar. Aber wir kennen die Fakten nicht, die dem ­Entscheid zugrunde lagen. Wir sind im luftleeren Raum. Aber wir haben mit dem Erfolg am Ende immerhin recht ­behalten. Das ist der grösste Lohn, das ­entschädigt.

Sie informierten die Mannschaft nach dem Viertelfinal-Sieg gegen die ZSC Lions. Weshalb? Man weiss ja nie, wie ein Team reagiert.
Lars Leuenberger: Ich war überzeugt, dass die Mannschaft damit keine Probleme haben würde. Wir ritten auf einer ­Erfolgswelle, und vor lauter Freude über den Sieg gegen die ZSC Lions haben es viele wohl nicht einmal richtig mit­gekriegt. Ausserdem war ich selber ja auch einmal Spieler. Die einen sagen: Dann kommt halt ein anderer. Ein paar finden es schade. Und anderen ist es gleichgültig. Aber es ging ja um mich. Ich wollte den Leuten nicht immer ­sagen müssen, ich wüsste nicht, wie es weitergeht, obschon ich wusste, dass ich gehen muss.

Ist der Titel die ultimative Genug­tuung?
Lars Leuenberger: Wir können auf jeden Fall in den Spiegel gucken, ja. Sven ­sowieso, seine Leistungen hier sind ­unglaublich. In seiner Amtszeit als SCB-Sportchef war einzig Davos ein erfolgreicherer Club. Und ich bin jetzt in Bern Meister als Spieler, als Assistenztrainer und als Headcoach. Ich kann hier gehen und sagen: Danke Jungs!

Sie haben noch einen Vertrag, Sven Leuenberger, aber es ist unklar, was Sie hier nächstes Jahr zu tun haben könnten. Gehen Sie aus Solidarität gleich mit Ihrem Bruder mit?
Sven Leuenberger: Es ist alles offen, es liegt nicht in meiner Hand.

Und Sie, Lars Leuenberger? Werden Sie U-20-Nationaltrainer?
Lars Leuenberger: Ich habe noch mit niemandem darüber gesprochen. Ehrlich! Auch bei mir ist alles offen.

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Erstellt: 13.04.2016, 23:15 Uhr

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