«Als ob Weihnachten ausfällt»

ZSC-Sportchef Sven Leuenberger verpasste zum zweiten Mal mit einem Meisterteam das Playoff. Man habe sich vom Titel zu sehr blenden lassen und die Grundlagen lange vernachlässigt, sagt er.

Grosse Enttäuschung: Die ZSC Lions verpassen das Playoff. Bild: Keystone

Grosse Enttäuschung: Die ZSC Lions verpassen das Playoff. Bild: Keystone

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Schon 2014 verpassten Sie beim SCB als Sportchef eines Meisterteams das Playoff. Gestaltet sich die Suche nach Gründen diesmal schwieriger?
Momentan kann ich sicher noch keine abschliessende Erklärung bieten.

In Bern war die Quintessenz, dass das Team den Zenit überschritten hatte. Beim ZSC waren sich alle einig: Die Mannschaft ist gut besetzt. Und überaltert ist sie auch nicht.
Das war wahrscheinlich die Krux. Dass wir alle glaubten, was geschrieben und gesagt wurde. Keiner, der uns nicht in den Top 4 sah. Im Moment ist es einfach Frust pur. Es ist, als ob man einem Kind erklären müsste, Weihnachten falle aus.

Könnte man es auf diesen Nenner bringen: Zuerst war das Team überheblich, dann verunsichert?
Was sicher falsch lief: dass wir die Realität der 50 Qualifikationsspiele der letzten Saison zu sehr ausblendeten. Ich dachte, wir hätten unsere Lektion gelernt. Offensichtlich war dem nicht so. Was machte uns im Playoff so stark? Dass wir chrampften wie verrückt, dreckige Tore schossen. Acht von zwölf Siegen schafften wir mit einem Tor Unterschied. Diesen Fokus liessen wir los. Wir dachten, diesen Punkt könnten wir nun abhaken. Das war ein Fehler. Wir hätten zuerst wieder diese Grundlagen vermitteln müssen. Mit Arno del Curto haben wir da wieder mehr angesetzt. Deshalb schossen wir unter ihm auch mehr Tore. Leider kassierten wir auch mehr.

Die Lektion, die das Team aus der letzten Saison mitnahm, war wohl eher diese: Die Qualifikation ist nicht so wichtig, im Playoff können wir einfach ein, zwei Gänge hochschalten.
Diesen Schluss muss man ziehen nach dieser Saison. Mir fiel erst, als Arno kam, so richtig auf, wie sehr wir die Intensität und die Gradlinigkeit vernachlässigt hatten. Und wir waren oft auch nicht die Cleversten. Wie am Montag in Genf. Wir spielen ein gutes Auswärtsspiel, aber wir verschenken zwei Tore und treffen selber nicht. Und am Schluss handeln wir uns noch zwei dumme Strafen ein. Der Gegner musste diese Saison nur lange genug warten, bis wir ihm ein Geschenk machten.

Viele hatten das Gefühl, Arno Del Curto sei genau das, was die Mannschaft brauche. Wieso kamen die Resultate mit ihm trotzdem nicht?
Ich glaube, das Arno-Hockey in Reinkultur sah man bei uns gar nicht. Das braucht viel mehr Zeit. Es war eine Mischform. Doch wir erlangten einfach nie eine gewisse Stabilität. Wieso verloren wir so oft gegen Genf und Langnau? Weil diese Teams einfach ihr Programm herunterspulen und keine Geschenke verteilen. Biel, Fribourg oder Zug spielen ähnlich wie wir, das liegt uns besser.

Kam Del Curto zu spät? Hatteer nicht die richtigen Spieler? Oder kann man sein Eishockey mitten in der Saison gar nicht implementieren?
Das sind grossen Fragen, die mich in den nächsten Wochen beschäftigen werden. Dass er gewisse Spieler braucht, ist klar. Dass er seinen Stil nicht in so kurzer Zeit aufs Eis bringen würde, davon ging ich aus. Ich dachte aber, dass das Team durch einen mentalen Schub besser würde.

«Das Arno-Hockey in Reinkultur sahen wir bei uns gar nicht. Das braucht viel mehr Zeit.»Sven Leuenberger, ZSC-Sportchef

Wieso wurde es nicht besser? Weil es zu verunsichert war?
Von aussen sah es so aus. Es war ja nicht so, dass die Spieler das nicht umsetzen wollten, was Arno von ihnen verlangte. Es nimmt mich wunder, was die Spieler ­sagen. Wenn wir in einen Lauf gekommen wären, eine gewisse Leichtigkeit aufgekommen wäre, wären wir auch nicht gescheitert.

Wie beurteilen Sie die Arbeit Del Curtos?
Wir alle kannten ihn von aussen, hatten ein Bild von ihm. Dieses Bild bestätigte sich für mich. Er ist ein Motivator, er redet gerne mit den Leuten. Er kennt Zuckerbrot und Peitsche. Er staucht Spieler zusammen und sagt im nächsten Atemzug: «Weiter, weiter, weiter!» Dass seine Gedanken manchmal in seinem Kopf herumfliegen wie die Kugel im Flipperkasten, das ist einfach er.


Video: Das sagt Arno Del Curto zum Aus

Der ZSC-Trainer spricht über das Debakel. Video: Tamedia/Simon Graf


Wird er bleiben?
Wir sagten von Anfang an, wir würden nach der Saison zusammensitzen. Ich werde auch wie immer Einzelgespräche mit den Spielern führen. Und mich mit Peter Zahner und anderen aus der Organisation austauschen. Daraus sollte sich ergeben, was uns fehlte. Und dann können wir sagen, welcher Trainer passt.

Können Sie nach diesen zwei Saisons einfach so fortfahren, ohne ein Zeichen zu setzen?
Das wäre am naheliegendsten.
Es folgt noch die Platzierungsrunde. Was erwarten Sie da?
Natürlich müssen wir diese sechs Spiele mit der richtigen Einstellung angehen und versuchen, sie zu gewinnen. Wir müssen uns aber überlegen, ob wir sie auch nützen wollen, um ein paar junge Spieler einzubauen.

Und wer wird Meister?
Bern, Zug oder Lugano. Wenn Lugano die erste Runde übersteht und Merzlikins heiss läuft, wird es gefährlich. Sonst wird der Final wohl Bern gegen Zug heissen.

Sie reden von einer personellen Massnahme?
Ich kann mir vieles vorstellen. Aber wir müssen am Ende das tun, wovon wir überzeugt sind. Einfach jemanden zum Sündenbock zu stempeln, ist für mich etwas zu einfach. Und das Team bekommt sowieso einen anderen Geist mit zehn neuen Spielern. Es ist ja nicht so, dass wir nicht sahen, dass gewisse Dinge nicht funktionierten.

Erstellt: 05.03.2019, 22:54 Uhr

Kurzfristig hält sich der finanzielle Schaden in Grenzen

Wie gross sind für die ZSC Lions die finanziellen Auswirkungen des Verpassens des Playoffs? Sie budgetierten mit dem Erreichen des Halbfinals und fünf Playoff-Heimspielen. Die fallen nun weg. In der Platzierungsrunde dürften sie nur noch wenige Tickets an der Abendkasse verkaufen. Damit entgehen ihnen Einnahmen von rund 700000 Franken. Es fallen aber auch Kosten weg für Sicherheit, Spielbetrieb und zusätzliches Material. Finanzchef Fritz Eichenberger rechnet deshalb kurzfristig nur mit einem Schaden zwischen 300000 und 400000 Franken. Die gravierenden Auswirkungen seien die langfristigen, sagt Eichenberger. Die ZSC Lions verkauften in diesem Winter 7834 Saisonkarten – so viele wie noch nie. Da ist auf nächste Saison hin ein massiver Rückgang zu befürchten. Möglicherweise werden die Zürcher bis zu 1000 Saisonabos weniger verkaufen. Der Finanzchef hofft, dass die Abnahme nicht ganz so gross ausfallen wird, weil man auf 2022 hin ins neue Stadion in Altstetten umzieht und bestehende Saisonkarten­besitzer
dann ein Vorkaufsrecht
geniessen werden. (sg.)

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