Ambri ist Meister!

Kein Club performte diese Saison auf den sozialen Medien so gut wie die Tessiner – dank originellen Ideen. Eine Analyse bringt überraschende Erkenntnisse.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nein, keine Angst! Sie dürfen das Playoff noch weiter verfolgen. Die Saison wurde nicht abgebrochen und dem sympathischen Tessiner Club der gelbe Pokal in Form eines Schirmständers überreicht. Der reisserische Titel dieses Artikels (zugegeben!) zielt auf die Performance auf den sozialen Medien ab. Und da war Ambri gemäss einer Analyse der Zürcher Kommunikationsagentur «PRfact» im Zeitraum der Qualifkation tatsächlich die Nummer 1 im Schweizer Eishockey. Vor den SCL Tigers. Hoch leben die Dorfclubs!

Ambri wählte einen kreativen Weg, um fünf Vertragsverlängerungen publik zu machen. Video: Ambri-Piotta

Vielen ist sicher noch das Video präsent, mit dem Ambri im Januar die Vertragsverlängerungen von fünf seiner Spieler bekanntgab – unter anderem der umworbenen Stürmer Dominic Zwerger und Marco Müller. Mit einem 90-sekündigen Video, in dem der Tscheche Jiri Novotny die Schlafmützen Zwerger und Müller zu Hause abholt für die Unterschrift und die Spieler schliesslich mit einem Trikot in die Arena schreiten mit der Jahreszahl des Ablaufs ihrer neuen Verträge. «Genau so hebt man sich auf den sozialen Medien ab», sagt Dino Ceccato von «PRfact»: «Man muss eine Geschichte um den Sport herum erzählen.»

Das Social Hockey Score, das die Agentur errechnete, ist natürlich abhängig von den Parametern, die gewichtet wurden. Für diese Analyse wurden Facebook und Instagram untersucht, und zwar: das Wachstum und die Interaktionsraten (Likes, Kommentare, Shares) in der Qualifikation sowie die Community-Grösse per Ende Regular Season. Und Ambri war punkto Wachstum und Interaktion sehr stark. Sowohl die Tessiner wie die SCL Tigers spielten diesen Winter über den Erwartungen und lösten bei ihrem Anhang eine Euphorie aus. Zudem starteten beide punkto Follower auf einem deutlich tieferen Niveau als etwa der SC Bern oder die ZSC Lions. So fiel ihnen auch ein Zuwachs leichter.

Was die absoluten Zahlen betrifft, ist der SC Bern auf den grossen sozialen Kanälen (Facebook, Instagram, Twitter) der klare Branchenleader. Bei Instagram ist Ambri mit 16’900 Abonnenten aber immerhin schon die Nummer 3. Zählt man die Follower der drei Plattformen zusammen, sind die ZSC Lions mit 63’066 Anhängern Zweite – wie beim Zuschauerschnitt. Punkto Social Hockey Score schneiden sie diese Saison mit Rang 9 allerdings ähnlich schlecht ab wie auf dem Eis. Sie lieferten wohl auch nicht viele Argumente, damit sich jemand ihrer Social-Media-Community neu anschloss oder mit ihnen interagierte.

Interessant ist, dass der HC Davos trotz seines sportlichen Kriechgangs beim Social Hockey Score auf Rang 3 landete. Dies aus dem einfachen Grund, weil die Bündner überhaupt erst im letzten September einen offiziellen Instagram-Account eröffneten, als letzter der National-League-Clubs. Inzwischen haben sich diesem schon 12’300 Hockeyfans angeschlossen – ein Blitzstart! Dabei kam den Bündnern zugute, dass der Besitzer eines HCD-Fanaccounts mit 17’400 Followern diesen nicht mehr weiter bewirtschaften möchte und den neuen, offiziellen Kanal bewarb. Dankeschön für die Aufbauarbeit!

Wieso hat PRfact bei seiner Analyse Twitter nicht berücksichtigt? Für Ceccato eignet sich dieser Kanal am wenigsten gut für die Fanbindung, und die Clubs haben da auch deutlich weniger Follower. «Twitter ist ein Nachrichtenkanal», so Ceccato. «Die Haltbarkeitszeit eines Tweets ist wesentlich kürzer als eines Instagram- und Facebook-Posts.» Fribourg Gottéron etwa bewirtschaftet seinen Twitter-Account seit Februar 2017 gar nicht mehr. Trotz 5247 Abonnenten. Der letzte Tweet zeigt ein Foto von Shawn Heins und Benny Plüss bei der Rückkehr an ihre frühere Arbeitsstätte. Da kommen fast schon nostalgische Gefühle auf.

Die Nummer 1 bei den sozialen Medien ist auch im Schweizer Eishockey immer noch Facebook. Doch Instagram holt mächtig auf. Ceccato glaubt, dass die Anzahl Follower bei Instagram jene auf Facebook in den nächsten zwei, drei Jahren vielerorts überholt haben wird. Vor allem die Videofunktion sei perfekt für die Fanbindung – mit Instagram Live und den Stories könne man dem Anhänger einen Einblick hinter die Kulissen bieten. «Ein kurzes Video aus dem Bus, vom Training, oder ein Spieler, der ein paar Dinge sagt. So bietet man dem Fan etwas, was er sonst nicht sieht.» Zudem werde es künftig möglich sein, über Instagram auch direkt Tickets oder Fanartikel zu kaufen.

Inspiration ist gefragt – wie auf dem Eis!

Grundsätzlich sei der Inhalt der National-League-Clubs auf den sozialen Medien qualitativ gut, findet Ceccato. Aber noch etwas zu «sportlich», zu sehr auf die Spiele bezogen. Aufstellungen, Resultate, Interviews – damit hebe man sich nicht ab. Klar ist: Die Zeit, die Frau und Herr Schweizer auf den sozialen Medien verbringen, meist am Handy, ist weiter am Steigen. Deshalb müssen sich die Clubs überlegen, wie sie sie dort noch besser abholen. Da ist, wie auf dem Eis, Inspiration gefragt.

Erstellt: 28.03.2019, 11:48 Uhr

Artikel zum Thema

Murphy’s Law im Hallenstadion

Bei den ZSC Lions ging alles schief, was schiefgehen konnte. Der abtretende Meister humpelt aus der Saison. Mehr...

Wenn der Verlierer gefeiert wird

Ambri-Piotta zeigt nach dem Viertelfinal-Aus kaum Anzeichen einer Enttäuschung. Dieses besondere Ende passt hinter eine besondere Saison eines Aussenseiters. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Das Bauhaus ist 100

Geldblog Nestlé enttäuscht den Markt

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...