Ansichten eines Querkopfs

Unseren Kolumnisten fasziniert der Kampf mit den Dämonen des Zweifels und Verzagens.

Kent Ruhnke mit prächtigem Schnauzer zu seinen EHC-Biel-Zeiten. 1983 holte er mit den Seeländern den Meistertitel. Foto: Keystone

Kent Ruhnke mit prächtigem Schnauzer zu seinen EHC-Biel-Zeiten. 1983 holte er mit den Seeländern den Meistertitel. Foto: Keystone

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Als mich Röbi Koller kurz nach dem Meistertitel mit den ZSC Lions in seine Sendung einlud, für sein Interview mit einem «Querkopf», wusste ich nicht so recht, was ich dort sollte. Ein Querkopf kann vieles sein – ein Eigenbrötler, ein Verrückter, ein Querdenker, ein Rebell. Entscheiden Sie sich für etwas. War ich eines davon? Oder alles? Das fragte ich mich vor meinem Fernsehauftritt. Was ich sicher nicht bin: einer, der stets mit dem Strom schwimmt.

Das begann schon früh. Als mein Juniorenteam aus Toronto 1965 das internationale Moskito-Turnier in Québec gewonnen hatte, wurden wir nach Mexiko-Stadt eingeladen, um eine Serie von Schaukämpfen zu bestreiten. Unser Coach wies uns vor den Spielen an, nicht mehr als fünf Tore pro Drittel gegen die bemitleidenswerten Mexikaner zu schiessen. Die kulturellen Ausflüge zu Kirchen und Museen verbrachten meine Teamkollegen meist mit dem Werfen von Münzen. Wer es schaffte, seine Münze am nächsten an der Wand zu platzieren, bekam alle Münzen.

Mein Debüt als Kolumnist

Ich machte nicht mit. Ich war fasziniert von der Kultur Mexikos. Und als wir zurückkehrten, fragte ein Redaktor des «Toronto Star» (des kanadischen Pendants zum «Tages-Anzeiger»), ob ein Spieler einen Bericht über den Trip verfassen würde. Bald fand ich, mit 13, mein Foto auf der Aufschlagseite des Sportbundes wieder, einen Sombrero auf dem Kopf. Es war mir damals noch nicht so bewusst, aber ich war der Querkopf des Teams.

Man würde denken, dass es schwierig ist, in einer Schweizer Gesellschaft, in der Hierarchien und Konformität grossgeschrieben werden, sich als Querkopf zu behaupten. Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Schauen Sie einmal auf die hier prägendsten Hockeycoachs der letzten 35 Jahre: John Slettvoll, Bill Gilligan, Arno Del Curto, Chris McSorley und (so sehe ich es zumindest) mich. Alle packten sie die Dinge anders an als der Rest. Sie spielten nach ihren eigenen Regeln.

Sie entwickelten schon fast eine kultähnliche Aura um sich und ihre Teams. Sie alle brachten eine Strategie, einen Spielstil und ein Ethos, die man zuvor noch nie gesehen hatte. Sie sind kompromisslos, intensiv und feurig. Sie treiben ihre Teams erbarmungslos an. Und wenn ein Spieler den Kampf auf dem Eis nicht annimmt, wartet auf ihn nach dem Spiel in der Trainerkabine ein noch grösserer.

Das ist für mich die Essenz des Eishockeys. Natürlich muss man Schlittschuh laufen können und den Puck führen und schiessen. Aber seine Fertigkeiten auszuspielen, wenn man Widerstände überwinden muss, ist die wahre Herausforderung dieses Spiels. Der Speed, die schönen Spielzüge, die Artistik, die Opferbereitschaft und, ja, die Aggression machen das Eishockey zum schönsten Sport.

Ich hatte das Privileg, meine Leidenschaft auf beiden Seiten des Atlantiks auszuleben. Der Unterschied der Mentalitäten und der Spielstile zwischen Nordamerika und hier könnte grösser nicht sein. Und weil wir alle Gefangene unseres Wissens sind, hat mich diese doppelte Erfahrung enorm bereichert, aber wohl auch noch mehr zu einem Querkopf gemacht.

Hier einige Dinge, die ich gelernt habe:

- Man kann einen Meistertitel nicht erzwingen. Je mehr Druck man sich auferlegt, desto schwieriger wird es.

- Meisterteams entstehen von unten nach oben, nicht umgekehrt. Der Wille zu siegen und Opfer zu bringen, muss die Garderobe durchdringen und äussert sich dann im Playoff in herausragenden, selbstlosen Auftritten.

- Läuferische und technische Fertigkeiten gewinnen keine Titel. Es gehört viel mehr dazu.

- Die Kunst für die Schiedsrichter ist es, die Spieler die Spiele entscheiden zu lassen.

- Die besten Spiele entstehen, wenn sich zwei Teams treffen, die sich weigern, die Niederlage zu akzeptieren.

- Hockeyfans lieben das Drama. Und zum Drama gehören Streitigkeiten. Das können Sie jeden Filmregisseur fragen.

- Der Schlüssel, um ein guter Coach zu sein, ist es, die Spieler so nahe wie möglich an die feine Linie zwischen Aggression und Gewalt heranzuführen. Dort gewinnt man Meisterschaften.

Kürzlich unterhielt ich mich mit einem NLA-Sportchef und sagte, wie es mich überrasche, dass die meisten Teams nicht hart spielen würden, die Checks nicht abschliessen und den Gegnern vor ihrem Tor das Leben nicht schwer machen. Er sagte: «Niemand will mehr so spielen.» Ich gab zurück: «Das heisst, niemand will mehr gewinnen?» Ich kann diese Mentalität nicht verstehen. Ich habe meine ganze Trainerkarriere darauf verwendet, meine Spieler immer wieder anzutreiben, alles aus sich herauszuholen.

Ich liebe hartes, kompromissloses Eishockey. Das bedeutet, dass du durch mich hindurch musst, wenn du den Puck von mir willst. Und wenn du vor meinem Tor campieren willst, wird es dir wehtun. Das heisst nicht, dass ich versuche, dir wehzutun. Ich tue einfach alles, um zu gewinnen. Der legendäre American-Football-Coach Vince Lombardi drückte es am treffendsten aus, als er sagte: «Gewinnen ist nicht alles. Es ist das Einzige!»

Nichts für schwache Nerven

Wir kommen nun wieder in die Phase der Saison, in der dieses Statement an Bedeutung gewinnt. Die Spieler müssen in sich hineinhorchen und die innere Stärke finden, die sie zum Titel treiben könnte. Und das ist es, was mich in all den Jahren am meisten fasziniert hat: dieser Kampf mit den Dämonen des Zweifels und des Verzagens. Eishockey ist kein einfaches Spiel. Und es ist definitiv nichts für Menschen mit schwachen Nerven. Im Playoff geht es auf und ab, und wenn sich da nur der kleinste Spalt in der Rüstung Ihres Lieblingsteams auftut, hat es schon verloren.

PS: Glauben Sie an Karma? Nicht? Dann hören Sie sich diese Geschichte an: Als ich diese Kolumne per Mail abgeschickt hatte, ging ich ins Fitness. Und als ich dort in der Sauna sass, sagte jemand zu mir: «Bist du nicht Kent?» Ich drehte mich um und sah... Röbi Koller. Wir plauderten ein bisschen und verabredeten uns zu einem Kaffee nächste Woche. Wir beiden Querköpfe haben uns sicher einiges zu sagen.

Kent Ruhnke (63) führte den ZSC 1981 in die NLA und coachte Biel, die ZSC Lions und den SCB zum Titel. Diesen Winter blickte er auf seine 35 Jahre in der Schweiz zurück.

Erstellt: 25.02.2016, 10:52 Uhr

Kent Ruhnke (63) führte den ZSC 1981 in die NLA und coachte Biel, die ZSC Lions und den SCB zum Titel. In diesem Winter blickt er auf seine 35 Jahre in der Schweiz zurück.

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