Babysitter, Menschenverbesserer, Pionier – und sogar führbar

Eine Hommage an den abgetretenen HCD-Coach Arno Del Curto von Weggefährten.

Arno Del Curto prägte den HC Davos und das Schweizer Eishockey mit seiner Persönlichkeit. Video: Tamedia, SRF, Youtube

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«Er hat mich erzogen, ich war ein Schlingel»Patrick Fischer, Ex-Spieler

«Als ich Arno zwei Wochen vor der U-20-WM 1994 das erste Mal traf, spürte ich sofort seine Entschlossenheit. Wir stiegen dann in Frydek Mistek leider ab, aber von da an haben wir uns immer wieder gekreuzt. In Davos lernten wir uns dann viel besser kennen. Er forderte viel, es war sehr intensiv, aber er unterstützte uns Spieler immer bedingungslos, deshalb gaben wir auch alles für ihn. Ich wurde durch seine intensiven Trainings viel besser, Arno war in Sachen Trainingslehre allen anderen weit voraus. Ich war ja schon mit 18 in der A-Nationalmannschaft, habe aber stark vom Talent gelebt. Arno hat mir beigebracht, wie ich den inneren Schweinehund überwinde.

In Davos kam er ziemlich oft um 23 Uhr zu mir nach Hause, klingelte und fragte, ob ich noch wach sei. Logisch, ich war ja an die Tür gegangen… Er spielte mir dann im Auto das neuste Lied von Rage Against the Machine vor und fragte nach fünf Minuten, ob ich es gut finde. Als ich Ja sagte, schickte er mich wieder rein. Ich habe lange gemeint, er wolle mir wirklich Lieder vorspielen, aber später hat er mir dann gesagt, das sei ein Kontrollsystem gewesen. Er hat mich erzogen, ich war schon etwas ein Schlingel.

Er hat mich auch als Trainer sehr geprägt. Wir reden in der ­Nationalmannschaft viel über uns und unsere Stärken und nicht so viel über den Gegner – Arno hat damals praktisch nie vom Gegner gesprochen. Ich habe ihn seit seinem Rücktritt noch nicht erreicht, vermutlich hat er das Telefon in eine Ecke geworfen. Aber wir werden das Gespräch sicher nachholen.»

«Da sahst du, welch weichen Kern er hat»Paul Berri, Teamleiter HCD

«Arnos Rücktritt hat mich schwer getroffen, mittlerweile geht es mir wieder besser. Aber ohne ihn fehlt einfach etwas. 22 Jahre haben wir zusammen verbracht: So schöne Jahre, nie gab es ein schlechtes Wort zwischen uns! Ich habe viele Trainer erlebt hier, ich weiss nicht einmal, wie viele. Ich hatte mit vielen ein sehr gutes Verhältnis. Aber Arno war der Speziellste, er stand über allen. Am Dienstag lief alles so schnell bei seinem Abschied, Arno rief mich danach an, hat sich dafür entschuldigt. Wir haben uns zum Essen verabredet, wenn er wieder hier ist.

Ich hatte immer grosse Mühe, mich an Abgänge von lieb gewonnenen Personen zu gewöhnen. Das war auch bei Spielern wie Marc Gianola so. Und mit Arno erlebte ich so vieles. Als sein Vater starb, war er am Boden zerstört. Da sahst du gut, welch weichen Kern er hat. Wir verstanden uns fast blind. Beim letzten Spiel in ­Zürich vor einer Woche dachte ich nach dem Einlaufen: Irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Wir spüren solche Dinge beim anderen. Es war ähnlich, als es meiner Ehefrau vor ein paar Jahren schlecht ging und er spontan nachfragte. Als ich von ihr erzählte, schickte er mich heim, das sei wichtiger als der HCD. Solche Sachen rechne ich ihm hoch an.»

«Er mit langen Haaren, das sieht ziemlich cool aus»Raeto Raffainer, Ex-Spieler

«Arno war mein Babysitter. Als Junior hatte er mit meinem Vater in St. Moritz gespielt, sie waren dort Schweizer Meister geworden und danach beide nach Luzern gewechselt. Dann kam ich 1982 zur Welt, und Arno hat ab und zu den Babysitter gemacht in Wolhusen, wo wir alle wohnten. Ich habe noch ein Bild, wie er mich im Arm hält – mit langen Haaren weit über die Schultern. Das sieht ziemlich cool aus.

Danach hatten wir erst wieder miteinander zu tun, als ich mit 16 ans Sportgymnasium nach Davos ging. Wir waren acht, neun Junioren-Nationalspieler, die alle in die erste Mannschaft wollten. Ich war selbst nicht bei den Allerbesten und entschied mich darum nach der Schulzeit, zum ZSC zu wechseln. Das gefiel Arno gar nicht. Er rief meinen Vater an und sagte, er sei enttäuscht. In seinen Augen mussten Junge entweder bei ihm trainieren oder in Kloten bei Wladimir Jursinow – beim ZSC könnten sie ja doch nur Michel Zeiter die Schlittschuhe binden.

Im Jahr darauf standen wir gegen Davos im Final. Es war 2002, wir waren ausgelaugt und verloren 0:4, Arno holte seinen ersten Titel. Ich hatte die ganze Zeit gespielt, und als ich ihm gratulierte, sagte er nur: ‹Es war vielleicht doch besser, dass du gegangen bist.› Er hatte mir verziehen.»

«Er wollte mit dem Kopf durch die Wand»Bruno Vollmer, Ex-Spieler

«Schon als ich 1987 erstmals zum ZSC kam und Alpo Suhonen der Coach war, leitete Arno bei uns immer mal wieder ein Training. Diese Einheiten waren ein Kulturschock! Er predigte Tempo, Tempo, Tempo! Als er dann 1991 beim ZSC Pavel Wohl ablöste, brachte er diesen Enthusiasmus mit. Ich habe nie mehr geilere Trainings erlebt. Aber Arno wollte mit dem Kopf durch die Wand, versuchte auch, Spieler gegeneinander auszuspielen, um sie zu kitzeln. Wie Roger Meier und mich. Aber wir waren dickste Freunde, bei uns biss er auf Granit.

Roger unterschrieb wegen dieser Spielchen bei Kloten, und ich wäre auch gegangen, hätte ich nicht noch einen Vertrag gehabt. Im Sommer sprachen Arno und ich uns aus, danach hatten wir es gut miteinander. Ich war ja ein Spieler, der Gas gab – solche hatte er gerne. Andere hatten es da schwerer mit ihm. Arno hatte ein System im Kopf, und alle mussten gleich spielen. Individualität akzeptierte er damals noch nicht. In dieser Beziehung lernte er viel dazu. Das ist wohl ein normaler Prozess bei einem Jungtrainer.»

«Wir trafen uns um halb vier Uhr morgens»Enrico Secchi, Ex-Präsident

«Arno war der erste Trainer, den wir holten, als ich 1994 Präsident des SC Luzern wurde. Wir wollten in die NLB, er passte perfekt zu dieser Strategie. Es war eine Riesensache, als er zu uns kam. ­Trainings, wie er sie machte, war in der 1. Liga unten niemand gewohnt – was er an Effizienz, Begeisterung und Motivation herausholte, war völlig neu. Er steigerte die Intensität um 50, 80 Prozent. Das kam am Anfang bei den Spielern nicht gut an. Denn das waren ja Amateure, die noch einer Arbeit nachgingen. Wir mussten dafür sorgen, dass es keine zu grossen Auswüchse annahm. Aber man sah mit der Zeit, was da am Entstehen war. Und es hat sich nach zwei ­ Saisons mit dem Aufstieg ja ausgezahlt.

Mein Verhältnis zu Arno war sehr intensiv in diesen Jahren. Er wohnte damals noch in Küsnacht am Zürichsee, und wenn es ein Pro- blem mit der Mannschaft gab, trafen wir uns schon mal morgens um vier auf halbem Weg auf einem verlassenen Parkplatz in Sihlbrugg, um die Sache zu besprechen.»

«Er fehlte in all den Jahren nie wegen Krankheit»Sandro Rizzi, Assistent

«Arno stand viel im Vordergrund. Nie, weil er sich aufdrängte, sondern weil er von anderen dorthin gestellt wurde. Ich habe 22 Jahre mit ihm gearbeitet, die letzten vier als sein Assistent. Seine unglaubliche Energie zeigt sich am besten darin, dass er nie wegen einer Krankheit fehlte in all den Jahren. Auch wenn er gesundheitlich angeschlagen war, ging er mit der Mannschaft energiegeladen aufs Eis. Das ist einzigartig.

Mich hat Arno zu jenem Spieler gemacht, als der ich all die Erfolge feierte: zu einem defensiven Center. Bei meiner Ankunft war ich nicht so ein Spieler gewesen. Die letzten zwei Jahre als Assistent waren besonders intensiv. Wir haben viel über die Mannschaft, ihre Zukunft geredet. Er wurde nie müde, konnte problemlos hin und her wechseln zwischen Trainer-, Coach- und Sportchef-Modus.

Er lebte bis auf wenige Wochen jeden Tag praktisch 24 Stunden fürs Eishockey und den Club. Das färbte auf mich ab. Am Anfang war das hart, denn er verlangt von dir ebenfalls, dass du praktisch 24 Stunden erreichbar bist.»

«Er war führbar, er durfte es nur nicht merken»Erich Wüthrich, Sportchef

«Ich habe Arno zweimal engagiert: fürs U-20-Nationalteam und 1996 beim HCD. Ich hatte das Gefühl, er passe mit seiner Art zum Club. Und wir hatten einige junge Spieler, die ihn schon von der U-20 her kannten und ein sehr positives Feedback gaben. Ich wusste also schon, dass er vor allem bei den jungen Spielern gut ankommt.

Das war der eine Grund. Der andere waren die Finanzen. Arno verdiente damals 10 000 Franken im Monat, vergleichsweise wenig, und unterschrieb nur für ein Jahr. Es war für beide Seiten ein Experiment. Man hörte zwar immer wieder, Arno sei nicht führbar. Aber er war sehr wohl führbar – er durfte es nur nicht merken. Er musste das Gefühl haben, dass er es sei, der entscheide.

In Davos haben anfangs nicht alle goutiert, dass da ein Engadiner kommt. Gerade bei den Senioren im Club merkte man das gut. Das legte sich aber rasch. Einer wie Remo Gross ist ja mittlerweile zu einem engen Freund und Wegbegleiter von Arno geworden.»

«In Davos drückte er auch einmal ein Auge zu»Mark Streit, Ex-Spieler

«In Davos drückte er auch einmal ein Auge zu»

«Ich habe Arno als Coach an der Junioren-WM 1996 und später in Davos erlebt. Zwei Wesenszüge haben mich extrem beeindruckt: erstens seine ‹people skills›. Er wusste genau, wen er hart rannehmen und wen er nicht vor allen zusammenfalten konnte. Den Begriff ‹Problemspieler› kannte er nicht. In Davos drückte er auch mal ein Auge zu, was bei diesem wilden Haufen nicht anders möglich war. Doch im Playoff gab es keine Ausnahmen. Eines Abends ging er bei jedem Spieler zu Hause vorbei, brachte ein Zückerchen mit Baldrian und wünschte gute Nacht. Er wollte kontrollieren, ob alle Schäfchen im Stall sind.

Was mich ebenso beeindruckt hat, ist Arnos Leidenschaft. Im Sommer habe ich mit ihm telefoniert und sofort gespürt: Das Feuer brennt noch immer. Deshalb bin ich überzeugt, dass er irgendwann wieder an der Bande stehen wird. Arno mit dem Glas Rotwein in der Hand beim Beobachten des Sonnenuntergangs? Unvorstellbar.»

«Arno hat meiner Ära als Nationalcoach geholfen»Ralph Krueger, Ex-Nachbar

«Arno und ich waren während meiner Zeit als Schweizer Nationaltrainer Nachbarn in Davos. So trafen wir uns immer wieder in der Tiefgarage. Wenn ich eine Stunde zu spät nach Hause kam, wusste meine Frau, dass ich wieder mit Arno diskutiert hatte. Für mich ist es eines der grössten Missverständnisse in der Öffentlichkeit, dass wir Feinde gewesen seien. Ja, wir waren nicht immer der gleichen Meinung über gewisse Prozesse. Aber wir schauten uns immer in die Augen, redeten immer miteinander, und zwar nicht nur über Eishockey, sondern auch über ­vieles andere.

Selbst wenn seine Spieler nicht immer ins Nationalteam gingen, Arno hat meiner Ära sehr geholfen. Seine Leidenschaft, sein Mut, härter zu spielen und schneller, hat sich aufs Schweizer Eishockey übertragen. Er hat sehr viele Spieler geprägt, die heute noch im Nationalteam sind. In den letzten Jahren begegnete ich ihm ab und zu zufällig in Davos, zuletzt aber schon länger nicht mehr, weil wir nicht mehr Nachbarn sind. Er wird sicher nochmals einen Trainerjob annehmen, davon bin ich überzeugt.»

«Arno wollte mich zum ZSC holen»Marc Gianola, Ex-Spieler

«Ich spielte in der 1. Liga für St. Moritz, als ich Arno kennenlernte. Er wollte mich in sein NLA-Team holen, das war damals aber der ZSC. Ich unterschrieb in Davos, wir trafen uns dann drei Jahre später, als er HCD-Trainer wurde. Arno brachte alle weiter, weil er den Club und das Eishockey in der Prioritätenliste auf die Plätze 1 bis 9 setzte. Trainingspläne waren nicht so wichtig, man stand dem HCD 24 Stunden zur Verfügung. So brachte er den Fokus extrem auf Leistung und Erfolg.

Mich prägte er am meisten mit der Leistungskultur, die er mir mitgab. Da ich früh eine Familie gründete, hatten wir vergleichsweise wenig zu tun neben dem Eis. Er forderte aber auch mich auf, diverse Sachen zu lesen, im Leben die Dinge richtig einzuordnen. Da waren schon auch andere Blickwinkel.»

«Er wollte den Spieler als Menschen verbessern»Josef Marha, Ex-Spieler

«Der Hauptunterschied zu anderen Trainern war, dass Arno die Spieler als Menschen verbessern wollte, um aus ihnen bessere Spieler zu machen. Nicht jeder verstand das. Als er mich 2001 holte, waren Tschechen als Import-Spieler nicht beliebt in der Schweiz. Das zeigte mir, dass er für mich ein Risiko einging. Er beeinflusste mich vor allem ausserhalb der Halle. Wir trafen uns oft zum Kaffee, sprachen über alles Mögliche.

Er machte mich besser, weil er mir den Fokus vom Eishockey nahm. Ich war 25, als ich nach ­Davos kam, mich interessierte fast nur Eishockey. Er versuchte, mir zu zeigen, wie verwöhnt wir doch sind. Ehrlich gesagt, hatten mich solche Gedanken vorher nicht gekümmert. Dass er mitten in der Saison aufhörte, überrascht mich. Das passt nicht. Da muss etwas Gravierendes im Team vorgefallen sein in den letzten Tagen. Ich hoffe, dass er sich gut erholt.»

Aufgezeichnet: kk/mke/phm/rek/sg (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.12.2018, 07:27 Uhr

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