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Auf dem Roadtrip mit einem Nilpferd im Gepäck

NHL-Teams legen für die Auswärtsspiele jährlich Zehntausende Kilometer zurück. Ein Blick hinter die Kulissen der Nashville Predators.

Eine Gitarre heult auf und durchbricht die Stille. Es ist 6.45 Uhr, und in den Katakomben des Air Canada Center von Toronto hat Pete Rogers die Stereo­anlage aufgedreht. «Rush, die beste Band der Welt!», ruft er und grinst. ­«Damit wir alle wach werden.»

Infografik: Der Roadtrip der Nashville Predators

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Der Materialchef der Nashville Predators, seit der Clubgründung 1998 im Dienst, hat einiges zu tun. In zwei Stunden muss in der Garderobe alles bereit sein, wenn sich hier Roman Josi und seine Teamkollegen für das Morgen­training umziehen. Am Abend folgt der Match. Danach gehts weiter. Die Predators befinden sich gerade auf einem Roadtrip, der sie in sechs Tagen nach ­Toronto, Ottawa und St. Louis führt.

Mary J. Blige braucht den Platz

Gern hätte Rogers die Kabine schon am Vorabend bezogen, nachdem die Mannschaft in Toronto gelandet war. Aber wegen eines Konzerts von R&B-Sängerin Mary J. Blige war sie bereits ­besetzt. Also musste er die monströsen Materialkisten in der Heimgarderobe der Maple Leafs zwischenlagern und die vom letzten Training noch feuchten Ausrüstungsteile zum Trocknen auslegen. 1734 Kilogramm wiegt alles Gepäck zusammen, etwa das Gewicht eines ausgewachsenen Nilpferds.

Nun richtet Rogers halt alles frühmorgens ein. Platz für Platz. Hilfe bekommt er von seinem Assistenten Jeff sowie den beiden Physiotherapeuten und dem Konditionstrainer. Jeder hat sein Ämtli und wuselt durch die Kabine, «kontrolliertes Chaos» nennt es Rogers.

«Manchen Spielern ist gar nicht bewusst, was wir alles für sie tun.»

Pete Rogers, Materialchef der Predators

Namensschilder werden platziert, Stöcke bereitgestellt, Helme poliert, Kufen­kanten überprüft, Trikots aufgehängt. Und zum Schluss stellt der Materialchef einen Kübel randvoll mit Kaugummi auf den Tisch. «Manchen Spielern ist gar nicht bewusst, was wir alles für sie tun», sagt er. An manchen Tagen ist er 22 Stunden auf den Beinen.

Das Reisen gehört in der NHL zur Routine. In der Qualifikation bestreiten die Predators 41 Auswärtsspiele in ganz Nordamerika, verbringen 65 Nächte in Hotelbetten und 125 Stunden im Flugzeug. Wenn im Juli jeweils der Spielplan erscheint, beginnt die Arbeit von ­Hockey Operations Manager Brandon Walker, dem Reiseplaner. Dann stellen sich die Fragen: Wo sollen wir übernachten? Wann fliegen wir? Wann trainieren wir und wo? Und er muss Flugzeug, Busse und Hotels buchen.

Damit die Spieler sich möglichst ­effizient vorbereiten können und ihnen genug Erholungszeit bleibt, fliegen die NHL-Teams oft direkt nach den Spielen weiter zur nächsten Destination. Innerhalb von Kanada oder den USA müssen sie am Flughafen durch keine Kontrollen, alles ist geregelt. Nur bei Flügen über die Landesgrenze werden sie überprüft. Den Pass einzupacken, ist fast das Einzige, woran die Spieler noch denken müssen. «Für den Rest sind wir da. Sie sollen sich um nichts anderes kümmern müssen, als gut zu spielen», sagt Walker.

«Die Spieler sollen sich um nichts anderes kümmern müssen, als gut zu spielen.»

Brandon Walker, Reiseplaner

Die Predators fliegen in einem luxuriösen Charterflugzeug mit 65 Plätzen. Die hauseigene Ernährungsberaterin ­erstellt zusammen mit der Crew jeweils abwechslungsreiche Menüs für unterwegs. Es gibt bequeme Sitze und Wi-Fi-Zugang. Wobei Verteidiger Yannick ­Weber froh ist, wenn er in der Luft mal offline ist: «Ich lese lieber ein Buch oder höre Musik.» Derweil fordert Kollege Josi oft zu einer Partie Shnarps heraus, einem ­jassähnlichen Kartenspiel.

Für ihn sind die Roadtrips vor allem für die Teamchemie eine wertvolle ­Sache. «Wenn anfangs Saison neue Jungs dazukommen, können sie sich unterwegs schneller eingliedern und alle kennen lernen», sagt Josi. «Wir verbringen viel Zeit zusammen, im Bus, im Flugzeug, und gehen gemeinsam essen, was wir daheim in Nashville seltener tun, weil da die Freunde, Partnerinnen und Familie Vorrang haben.»

«Habe ich Zimmer 203 – oder war das gestern?»

Für den Körper aber kann die Reiserei ganz schön auslaugend sein. Im ­letzten Playoff wechselten die Predators 11-mal in 25 Tagen die Zeitzone, als sie hintereinander auf Anaheim und San Jose trafen. Das sind jeweils 5-Stunden-Flüge von Nashville nach Kalifornien und wieder zurück. «Da spürt man mit der Zeit die zusätzliche Belastung», sagt Josi. «Aber ich beklage mich nicht. Es ­gehört zum Job.»

Die Monotonie des Reisens hat zuweilen ihre Tücken, wie Yannick Weber festgestellt hat: «Wir reisen von Stadt zu Stadt, von Hotel zu Hotel. Alle sehen gleich aus. Manchmal komme ich zurück vom Abendessen und habe keinen Schimmer mehr, welches mein Zimmer war. Ist es die Nummer 203 – oder war das die vom Vortag?»

Wer so viel unterwegs ist, erlebt auch Turbulenzen. Gerade jüngst in Toronto musste die Boeing 737 der Predators bei der Landung durchstarten, weil noch eine andere Maschine auf der Piste stand. «Da wurde ich etwas nervös», gibt Josi zu. Tornados, Schneestürme und Wolkenbrüche sorgten ebenfalls schon für ein flaues Gefühl.

In der Limousine des Stripclubs

Und einmal in Edmonton blieb bei ­minus 37 Grad der Bus vor dem Stadion stehen. Es eilte, denn die Predators mussten wegen des Nachtflugverbots noch vor Mitternacht abheben. Also drückte Reiseleiter Walker den Spielern einen 100-Dollar-Schein in die Hand, ­damit sie in Vierergruppen per Taxi zum Flughafen rasen konnten. Ein paar kaperten kurzerhand die Stretchlimousine des nahen Stripclubs.

Beim Gastspiel in Toronto passiert der Stillstand nicht auf dem Parkplatz, sondern auf dem Eis. Nashville bezieht ohne seinen Stammgoalie Pekka Rinne eine 2:6-Schlappe. Ohnehin läuft es in fremden Stadien noch nicht diese Saison, aus acht Spielen resultierte erst ein Sieg.

Dafür läuft organisatorisch alles nach Plan. Um 22.07 Uhr stapfen die Spieler zurück in die Kabine. Dort packen sie ihre Ausrüstung in die Tasche, dehnen und duschen. Die Mitarbeiter wuchten das Gepäck zum Stadionausgang. Um 22.29 ist ­schon alles verladen. 18 Minuten später fährt der Bus zum Flughafen, direkt aufs Rollfeld. Um 23.11 ist alles startklar. Nächster Stopp: Ottawa.

Ein Roadtrip der Nashville Predators. Quelle: «nhl.com»

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