Auf zum Bungeesprung!

Für einen Eishockeycoach gibt es keine schwierigeren Jobs als die in Zürich und Bern. Die beiden Clubs, die sich im Halbfinal duellieren, spiegeln ihre Städte.

Wie schaffen es bloss all die Menschen, in der Berner Mauer Platz zu finden und nicht aufeinanderzufallen? Foto: Urs Lindt (Freshfocus)

Wie schaffen es bloss all die Menschen, in der Berner Mauer Platz zu finden und nicht aufeinanderzufallen? Foto: Urs Lindt (Freshfocus)

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Gewisse Dinge im Leben sind wie ein Bungeesprung von einer Brücke – gleichermassen beglückend wie einschüchternd. Wenn Kari Jalonen und Hans Kossmann morgen Abend Richtung Eis laufen in der Postfinance-Arena, ­werden sie diesen Mix von Emotionen spüren. Vor ihnen die Berner Mauer, eine Menschenmasse, die sich in den Himmel erstreckt.

Vielleicht schweifen ihre Gedanken kurz ab, und sie fragen sich: Wie schaffen es all die Menschen, da Platz zu finden und nicht aufeinanderzufallen? Dann werden sie wieder von der Realität gepackt. Es wird ihnen durch den Kopf schiessen: Oh, mein Gott, hoffentlich gewinnen wir! Sonst muss ich büssen. Das gilt vor allem für den SCB-Coach. In Bern können sie es nicht ausstehen zu verlieren – nie!

Der Mann im Sandwich

Wer erklären möchte, wie wichtig Leadership in Organisationen ist, muss sich nur den SCB und die ZSC Lions anschauen. Die letzten Jahre zeigten schön: Ohne einen guten Coach (oder den richtigen) sind sie zum Scheitern verurteilt. Nicht das Management oder die Spieler entscheiden über Erfolg oder Misserfolg – die Schlüsselfigur ist der Mann hinter der Bande. Der Mann im Sandwich. Und der steht unter einem enormen Druck.

Es ist aber ziemlich unterschiedlich, in den beiden Städten zu coachen. In Zürich ist es leiser, aber die Fans sind nicht weniger anspruchsvoll. In Bern ist es das Management, welches das Stresslevel hochhält. In Zürich ist es oft die Presse. Wenn sie einmal begonnen hat, den Coach zu kritisieren, gibt es ein Crescendo, bis er entweder gefeuert wird oder sich rehabilitiert mit einer Siegesserie. In beiden Städten haben klassische Ausbildner oder solide Coaches für den fünften Rang nichts verloren. Es gibt nur Sieger oder ­Verlierer – nichts dazwischen.

In Zürich werde ich viel öfter angesprochen. «Hey Kent, wie fandest du das Spiel von gestern?»

Beide Clubs sind ein Spiegel ihrer Städte. Beim SCB, beheimatet in der politischen Hauptstadt, sind Macht und Geld die Hauptmotivatoren. In Zürich geht es um Prestige und ein Anspruchsdenken. Überraschenderweise kannst du dich als Coach in Bern anonymer bewegen als in Zürich. Vielleicht, weil man es in Bern gewöhnt ist, in der Stadt bekannte Leute zu sehen. Die Arena veranschaulicht die Machtstruktur der Stadt. Du hast Tausende von Stehplatzfans (die Arbeiter), die Sitzplatzfans (die Beamten) und die VIPs (die Mächtigen). Es ist alles so logisch aufgebaut. Aber wenn 17 000 das Stadion rocken, ist es für zwei Stunden egal, wo du in der Hierarchie stehst.

In Zürich werde ich viel öfter angesprochen. «Hey Kent, wie fandest du das Spiel von gestern?», tönt es. Oder: «Ich war 2000 im Hallenstadion mit meinem Vater!» Vielleicht fühle ich mich hier mehr akzeptiert, weil ich heute in Zürich lebe. Kürzlich fuhr ich in Thailand in einem Tuk-Tuk-Taxi, und ein junger Mann aus Bern verwickelte mich in ein Gespräch. Er musterte mich aufmerksam, dann platzte es aus ihm heraus: «Ich kenne dich, du bist Ralph Krueger!» «Knapp daneben», sagte ich. «Ich sehe viel besser aus.»

Doch beide Clubs erlebten nicht immer goldene Zeiten. Zu meinem ersten Spiel als SCB-Coach kamen 2002 «nur» 10 200 Zuschauer. Die Berner hatten drei Trainer unter Vertrag, so schnell drehte sich das Karussell. Zu meinem ersten ZSC-Spiel 1998 kamen gerade mal 2100. Ich weiss nicht, ob sich die Zürcher Fans heute noch bewusst sind, wie knapp wir damals am Abstieg vorbeischrammten.

Bern war gebrochen

In beiden Clubs musste ich vielen auf die Zehen treten, um die Veränderungen anzustossen, die nötig waren. Es ist für mich eine grosse Befriedigung, zu sehen, wie ich dazu beitragen konnte, die beiden Clubs ins 21. Jahrhundert zu schleifen. Es macht mir heute Spass, ihnen zuzuschauen.

Das war nicht immer so. Das Berner Team, das ich 2002 antraf, war gebrochen. Es gab Mobbing in der Kabine, Cliquen, Animositäten zwischen den Sprachgruppen. Im Sommer liess ich die Spieler als Erstes die Garderobe neu streichen. Das mag kindisch klingen, doch es stand symbolisch dafür, dass wir aufräumen mussten. In Zürich traf ich ein Team an, das nicht besonders gut war und dem der Zusammenhalt und die Intensität fehlten. Es musste aufpoliert werden, brauchte eine Infusion von Courage. Dann konnte unser Marsch an die Spitze beginnen.

Kari Jalonens Team wird gegen die ZSC Lions im Halbfinal alle Hände voll zu tun haben. Hans Kossmann hat die Erwartungen schon übertroffen (es gab keine), aber was noch wichtiger ist: Er hat sich beim ganzen Team Gehör verschafft. Das gelang in den letzten zwei Jahren keinem Coach mehr und macht die Lions gefährlich. Sie sind die Einzigen, die den SCB vom Titel-Hattrick abhalten können. Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass sie es schaffen. Aber sie haben eine Chance.

Beeindruckte Kanadier

Ich war immer der Meinung, dass eine Winnermentalität eine erlernte Fähigkeit ist. Und da hat der SCB einen grossen Vorteil. Die Berner wissen nicht nur, wie man gewinnt, sie tun es auch sehr gerne. Sie glauben, dass es ihre Bestimmung ist, zu siegen. Vielleicht liegt es am Berner Trinkwasser, die SCB-Spieler sind robuster und belastbarer als die der anderen Teams.

Seit ich 1981 erstmals in die Schweiz kam, hatte ich stets grosse Mühe, meine kanadischen Hockeyfreunde zu überzeugen, dass das Schweizer Eishockey nicht drittklassig ist, ein bisschen Folklore mit Kuhglocken und Fangesängen. Als ich ihnen 2004 ein Video der Berner Menschenmauer zeigte, waren sie aber schon beeindruckt. Inzwischen anerkennen sie das Niveau des Schweizer Eishockeys. Wenn ich im Sommer zurückgehe, höre ich Fragen wie: «Woher kam dieser Josi?» – «Wie war Matthews in Zürich?» Oder: «Ist Hischier wirklich so gut?»

Die Schweiz ist nun auf der Hockey-Weltkarte. Der SCB und die ZSC Lions sind wichtige Treiber dieser Entwicklung. Für die Coaches bleiben sie ein Minenfeld. In beiden Städten kann man das Schönste erleben und das Schlimmste, frei nach Charles Dickens. Und eines ist klar: Wenn du den Kampf nicht liebst, bleib lieber zu Hause.

Erstellt: 25.03.2018, 23:25 Uhr

Der 65-Jährige führte Biel (1983), den ZSC (2000) und Bern (2004) zum Meistertitel. Für diese Zeitung begleitet er das Playoff publizistisch.

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