Aus der Hundehütte ins Glück

Nach vier harten Lehrjahren ist Sven Bärtschi in der NHL angekommen. Vancouver soll sein Fixpunkt werden.

Puck und Karriere besser im Griff: Sven Bärtschi hat in dieser Saison 17 Punkte für Vancouver erzielt.

Puck und Karriere besser im Griff: Sven Bärtschi hat in dieser Saison 17 Punkte für Vancouver erzielt. Bild: Keystone

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Seine Zukunft sah rosig aus, als Sven Bärtschi im Sommer 2011 auf die grosse Bühne stieg und wichtige Hände schüttelte. Sein Spielwitz, seine Laufstärke und seine Punkteausbeute bei Portland in der Juniorenliga WHL hatten die Chefs der Calgary Flames überzeugt: Sie zogen den Langenthaler im NHL-Draft. Und das früh, an 13. Stelle. Nur wenige hätten damals gedacht, dass die Dreizehn ­ihrem Ruf als Unglückszahl auch in ­seinem Fall gerecht wird.

Bärtschis NHL-Karriere sollte nicht verlaufen, wie das für die Auserwählten der ersten Draftrunde vorgesehen ist: Statt des schnellen Aufstiegs musste er in der Traumfabrik unten durch – schuften, hoffen, ausharren. Vier Jahre brauchte der 23-Jährige, um dorthin zu gelangen, wo er nun bei Vancouver ist: auf einen Stammplatz, in der zweiten Linie. Endlich kann Bärtschi sagen: «Es läuft gut.»

Der ersehnte Transfer zu den ­Canucks im vergangenen März war entscheidend gewesen. In Calgary war er bei Bob ­Hartley in Ungnade gefallen, in dessen Hundehütte geraten, wie die Nordamerikaner sagen. Der ZSC-Meistercoach von 2012 bemängelte etwa Bärtschis ­Arbeitseinsatz – trotz starker Fitnesswerte. «Er war kein grosser Fan von mir», sagt Bärtschi. Man muss kein Insider sein, um zu erkennen, dass die Aversion auf Gegenseitigkeit beruhte. Einmal musste sich der Stürmer in der Öffentlichkeit reumütig zeigen, weil sein Vater via Presse über Hartley gepoltert hatte.

Die Sedins und eine Jungschar

Aber all das hat Bärtschi nun hinter sich gelassen. In Vancouver hat er seine Lust am Spiel wieder gefunden, auch der Schalk, der ihn seit je auszeichnet, ist zurück. Er ist Teil eines spannenden Prozesses: Die Sedin-Zwillinge gehören zwar auch mit 35 noch zu den gefährlichsten Stürmern der Liga. Doch ewig werden die Schweden nicht mehr auf diesem Niveau spielen können. Die ­Canucks sind darum daran, das Kader zu verjüngen. Bärtschi zählt zu fünf ­Spielern, die 23 oder jünger sind.

Er bildet mit dem kanadischen Center Bo Horvat (20) sowie dem Tschechen Radim Vrbata (34) eine flinke Formation, die auch im Powerplay Auslauf erhält. An seine neue Rolle, an die Regelmässigkeit der Einsätze musste sich Bärtschi allerdings zuerst gewöhnen. In Calgary war er oft bloss in der vierten Reihe neben Brechern eingesetzt worden, erhielt kaum zehn Minuten Eiszeit. Dann war er wieder überzählig. Oder musste ins Farmteam. «Ich hatte keine Struktur. Ich hatte nichts, woran ich mich hätte festhalten können», sagt er. «Bei Vancouver ist es so, dass ich im folgenden Match wieder gleich eingesetzt werde wie zuvor, auch wenn ich einmal schlecht gespielt habe. Das gibt Vertrauen.»

Polarisiert wie Wassermelonen

Seine beste Phase hatte Bärtschi über die Festtage, als er in 7 Spielen 5-mal traf. Total erzielte er 9 Tore, benötigte dafür 52 Schüsse. Das ist zwar effizient, aber ein Offensivspieler sollte öfter in den Abschluss gehen. Er sagt: «Ich ­versuche instinktiv, etwas zu kreieren, suche oft den Pass. Aber ich sollte öfter schiessen. Denn so viele Chancen erhält man in dieser Liga nicht. Und oft ergibt sich aus dem Schuss ein Abpraller, der wiederum gefährlich werden kann. Das ist etwas, woran ich arbeiten muss.»

Ein Reporter, der den Club begleitet, ­bezeichnete Bärtschi einmal als den Wassermelonen-Geschmack im Team: «Er bringt eine gewisse Frische hinein. Aber die Leute sind sich uneinig, ob er nun gut oder schlecht ist.» Dennoch deutet vieles daraufhin, dass die ­Canucks mit Bärtschi weiterplanen. Sein Vertrag läuft im Sommer aus. Gerne würde er nun langfristig unterschreiben, um auch ­abseits des Eises Stabilität zu finden.

Seine Freundin Laura darf als amerikanische Ärztin in Kanada nicht praktizieren. Momentan arbeitet sie deshalb als Eventmanagerin eines Caterers in ­einer fremden Branche. Wäre Bärtschis Zukunft geregelt, könnte auch sie ihre berufliche Laufbahn vorantreiben – zum Beispiel in die Medizinforschung gehen. «Momentan ist alles noch etwas ungewiss», sagt Bärtschi. «Und das ist auch das Schwierige in der NHL. Man weiss nie, was passiert.» Wenn einer aus ­Erfahrung sprechen kann, dann er.

Erstellt: 28.01.2016, 08:29 Uhr

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