Berner Meisterparty mit Wut im Bauch

Unser Kolumnist hatte getan, was hatte getan werden müssen, aber es machte ihn nicht glücklich.

Meisterjubel nach der Overtime: 2004 feierte Kent Ruhnke mit Bern seinen dritten Schweizer-Meister-Titel. Foto: Keystone

Meisterjubel nach der Overtime: 2004 feierte Kent Ruhnke mit Bern seinen dritten Schweizer-Meister-Titel. Foto: Keystone

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Wie um alles in der Welt hatte es nur so kommen können? Ich sprang auf und ab mit meinen Spielern des SC Bern, nachdem wir den Meister-Titel 2004 gewonnen hatten, 4:3 in der Overtime des entscheidenden Spiels in Lugano. Aber innendrin war ich so zornig wie nie zuvor in meinem Leben.

Beinahe wäre es nicht dazu gekommen. Ich weiss noch, wie ich vier Jahre zuvor in Zürich mit meinem Assistenten Matti Alatalo eine angeregte Diskussion über eine Übungsform geführt hatte. Er liebte es, die Spieler quer übers Feld drei gegen drei spielen zu lassen, um ihre individuellen Fähigkeiten auf kleinstem Raum auszubilden. Ich sagte zu ihm: «Wenn wir das in Kanada tun würden, wir würden einander umbringen!» Und das war nur leicht übertrieben.

Doch ich liess mich überzeugen, und so kam es, dass wir in Bern an einem Freitagmorgen während einer National­teampause drei gegen drei quer spielten im Allmendstadion. Plötzlich gingen zwei meiner Kanadier, Yves Sarault und Sébastien Bordeleau, vor dem Tor aufeinander los. Die Handschuhe flogen – und dann die Fäuste. Als einer von ihnen blutüberströmt auf dem Eis lag, schaute ich sofort instinktiv in die Ränge. Waren irgendwelche Journalisten anwesend? Nein? Ich atmete auf. Denn ich wusste, dass diese Story, wenn sie in die falschen Hände geraten würde, uns den Meistertitel kosten könnte.

Ein zweischneidiges Schwert

Dann kümmerte ich mich um die beiden Streithähne. Bevor ich für einen Wochenendtrip mit meiner Frau nach London flog, sagte ich zu ihnen: «Ich will euch beide am Montagmorgen um 9 Uhr in meinem Büro. Und dann sagt ihr mir, was euer Plan ist, um diesen Zwischenfall hinter euch zu lassen.» Ich machte mir keine Sorgen, dass ihnen das gelingen würde. Trotzdem achtete ich darauf, dass sie bei diesen Trainingsspielchen fortan Team­kollegen waren. Man weiss ja nie.

Einer der ältesten Grundsätze im Eishockey lautet: «Man muss seine Teamkollegen nicht mögen. Man muss sie nur respektieren.» Leider konnte das bei mir und meinem Assistenzcoach Alan Haworth nicht behauptet werden. Aber dazu später. In Bern zu coachen, ist ein zweischneidiges Schwert. Wo sonst in Europa kann man seinen Job vor 17'000 Zuschauern ausüben? Aber dieser Ruhm geht mit einem machthungrigen Management einher, das hoch über dem Eis geheime Pläne schmiedet. Der einzige Weg, in Bern erfolgreich zu sein, ist, den Titel zu gewinnen. Und in meinem Fall reichte nicht einmal das.

Als ich im Dezember 2003 meinen Rücktritt per Ende Saison ankündigte, wurde da und dort geschrieben, ich sei zu wenig geduldig gewesen. Dabei hätten diese Journalisten nur ein bisschen hinter die Kulissen blicken müssen, um zu sehen, dass ein falsches Spiel gespielt wurde. Es gibt das ungeschriebene Gesetz, dass ein Coach mit einem neuen Vertrag belohnt wird, wenn er sein Team im zweiten Jahr auf Rang 1 geführt hat. Das Managementteam von Hauptaktionär Valora brach es. Zudem, und das war noch wichtiger: Ich hatte das Gefühl, dass wir den Titel gewinnen könnten. Aber um das zu schaffen, mit all den politischen Machenschaften um mich herum, musste ich mich von den Abhängig­keiten befreien.

Was ich zuvor in Zürich gelernt hatte: Die Spieler spüren jedes Zeichen von Schwäche und sprechen auf Führungsstärke an. Deshalb hatte ich das ZSC-Management vor dem Meistertitel 2000 im nationalen Fernsehen herausgefordert, mich entweder zu unterstützen oder mich zu feuern. Nun sagte ich mir auch in Bern: Wenn wir schon nicht alle zusammen auf das gleiche Ziel hinarbeiten, dann wird es auf meine Weise getan. Punkt.

Besessen, den Titel zu gewinnen

So weit aus dem Fenster gelehnt, setzte ich meinen Plan um. Zuerst verbot ich Sportchef Roberto Triulzi, die Garderobe zu betreten. Und Haworth, der ganz offensichtlich mit dem Sportchef darauf hinarbeitete, meinen Job zu kriegen, reduzierte ich auf die Rolle, Pucks einzusammeln nach den Trainings. Ich stellte mir ihn sogar in Strumpfhosen vor, um ihn weniger bedrohlich erscheinen zu lassen. Und wenn er etwas sagte, tat ich immer das Gegenteil. Es funktionierte stets. Spass machte das nicht, aber ich wurde wie besessen davon, diesen Titel zu ­gewinnen.

Das Playoff begann, und Yves ­Sarault brauchte nur zehn Minuten, um NHL-Bösewicht Claude Lemieux zu zähmen. Wir besiegten den EV Zug 4:0. Servette im Halbfinal war schwieriger zu knacken, doch wir gewannen 4:1. Nun bekamen wir es mit dem erst­platzierten Lugano zu tun. Wir griffen an einem Samstagabend in Bern nach dem Titel, doch Rolf Schrepfer, einer meiner liebsten Spieler, liess sich von Petteri Nummelin zur Unzeit den Puck abnehmen. Ein Entscheidungsspiel in Lugano wurde nötig.

André Rötheli war Hobbypilot, und so arrangierte er uns für die letzte Reise ins Tessin einen Charterflug. Es half, dass wir nicht wieder Stunden im Bus verbringen mussten. Haworth sagte zu mir, Marc Weber sei zu klein für ein solch grosses Spiel, er werde nur herumgeschubst. Das überzeugte mich, noch mehr auf ihn zu setzen. Und wer schoss das ­goldene Tor in der Verlängerung? Natürlich Marc Weber! Es war sein zweites in jenem Spiel.

So, da war ich also auf dem Eis und feierte mit den Spielern meinen dritten Schweizer-Meister-Titel. Und trotzdem brodelte es in mir drinnen. Ich hatte getan, was hatte getan werden müssen, aber es machte mich nicht glücklich. Als mir der Valora-Gesandte die Hand hinstreckte zur Gratulation, liess ich ihn stehen und lief alleine in die ­Kabine. Trotz allen Grolls sollte es für mich noch eine lange Partynacht werden.

Erstellt: 02.02.2016, 09:34 Uhr

Kent Ruhnke (63) führte den ZSC 1981 in die NLA und coachte Biel, die ZSC Lions und den SCB zum Titel. In diesem Winter blickt er auf seine 35 Jahre in der Schweiz zurück.

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