Berns Tarzan Boy und die staunenden Zuger

Der SC Bern spielt im Final wie verwandelt, setzt dem EVZ mit seinem Körperspiel zu. Was müssen die Zuger tun? Spass haben und aufs Tempo drücken – sonst ist es bald vorbei.

Er jubelt, als wäre er der König des Dschungels: Berns Tristan Scherwey nach seinem 3:1 gegen den Davos. (Video: SRF)

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Er hatte ein Grinsen auf dem Gesicht, streckte die Arme in die Höhe und sah dabei aus wie Tarzan, der König des Dschungels. Ein paar Sekunden stand Tristan Scherwey so da, blickte zur Seite, beobachtete die 17'000 begeisterten Fans und genoss sein Tor, das seinem SCB eine 3:1-Führung eintrug. Es fehlte nur noch, dass er sich mit seinen Fäusten auf die Brust trommelte und einen Urschrei ausstiess.

Scherwey hat die Berner zurück zu ihren Wurzeln geführt, zu ihrem körperbetonten Spiel, und jetzt haben sie das Momentum in dieser Finalserie. Plötzlich scheinen er und sein SCB nicht mehr zu stoppen. Kann der EVZ da noch etwas ausrichten?

Die meisten Sportpsychologen dürften damit einverstanden sein, dass ein Team seine Komfortzone ab und zu besuchen kann. Aber es darf nicht darin wohnen. Denn zu viel Komfort, oder sagen wir mal Bequemlichkeit, kann Indivi­duen, Organisationen, ja sogar Zivilisationen zerstören. Ich habe den SCB oft dafür kritisiert, zu schnell zufrieden zu sein. Dass er sich, wenn er einen Vorsprung herausgespielt hat, damit begnügt, ihn zu verwalten. Oft reichte das, manchmal nicht. Gegen ­Servette und Biel verspielten die Berner immer wieder Führungen. Doch nun sind sie plötzlich wie verwandelt.

Almquists Check als Wendepunkt

Ich glaube, es begann im dritten Abschnitt in Spiel 1 gegen Zug mit dem brutalen Check von SCB-Verteidiger Adam Almquist gegen Reto Suri. Die Berner wurden in der neutralen Zone Mal für Mal überrollt, staffelten wie gewohnt zurück und versuchten, das Spiel zu managen. Das erlaubte es den Zugern, ihr Tempo auszuspielen. Aber diese Attacke Almquists veränderte die Beschaffenheit dieser Serie. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich versuche in keiner Weise, diesen Check zu rechtfertigen. Er war falsch und gehörte strikte bestraft. Aber seitdem ist der EVZ nicht mehr der Gleiche.

Almquists brutaker Check gegen Suri – ein Wendepunkt in der Final-Serie. (Video: SRF)

Die Berner haben offenbar gemerkt, dass sie bei den Zugern mit hartem Körperspiel Wirkung erzielen. So beförderte Scherwey den Zuger Santeri Alatalo mit einem überraschenden Check in der neutralen Zone fast in die Zuschauer­ränge. Solche Aktionen geben einem Gegner zu denken – und zu viel zu denken, ist selten gut im Eishockey. Ich würde nicht so weit gehen, zu behaupten, die Zuger seien ängstlich geworden. Aber es sieht ein bisschen danach aus. Auf jeden Fall zögern sie, selber Checks auszuteilen. Sie schubsen die Berner herum. Aber so richtig nehmen sie den Kampf nicht an.

Zuger Teammeeting von Nöten

Was können die Zuger also tun, um nochmals in diesen Final zu finden? Zuerst sollten sie ein Teammeeting einberufen, an dem nur die Spieler teilnehmen, nicht die Coachs. Und da sollten sie zusammen bekräftigen, dass sie bereit sind, den Preis zu bezahlen, den erfolgreiche Teams im Playoff bezahlen müssen. Und zwar ab dem nächsten Puckeinwurf. Dann sollten sie es wieder mit Scherwey aufnehmen, dafür sorgen, dass ihm das Grinsen wieder vergeht.

In Spiel 3 konnte er den Puck in der Offensivzone spazieren führen, sich drehen und wenden, wie er wollte, ohne dass ihn jemand belästigt hätte. Wenn die Zuger vor Scherwey zurückweichen, wird er ihnen wehtun. Er versucht gerne, seine Gegner mit überraschenden Checks von ihrem Spiel abzubringen. Die Zuger sollten ihm von seiner eigenen Medizin geben. Ihn auch einmal zu zweit attackieren.

Es fehlte nur noch, dass sich Scherwey auf die Brust
trommelte, einen Urschrei ausstiess.

Die Berner Stürmer sind schnell und wendig, und die Zuger haben grosse Mühe, sie in ihrer Defensivzone vom Puck zu trennen. Sie haben zwei Optionen: Entweder sorgen sie für eine Überzahlsituation rund um den Puckführenden, wir nennen das Overload. Oder die Verteidiger halten ihre Positionen strikte und schliessen die Lücke, bis sich der Angreifer ihnen zudrehen muss. Zugs Abwehrspieler sind nicht so mobil, und in ihrem Übereifer lassen sie sich von den Bernern immer wieder erwischen.

Zurück zum Spass

Zu guter Letzt: Der EVZ muss wieder sein Eishockey spielen, darf sich nicht in die neutrale Zone zurückziehen. Ich habe die Zuger in dieser Saison oft gesehen, und nie spielten sie so zögerlich wie zuletzt. Sie müssen wieder attackieren, ohne nachzudenken. Derzeit sind sie immer einen halben Schritt zu spät und handeln sich so auch dumme Strafen ein, weil sie am Hinterherlaufen sind, statt das Spiel zu diktieren. Sie müssen einfach wieder spielen, wieder Spass haben. Ihnen ist der Mut abhandengekommen. Dabei müssten sie nur das tun, was sie die ganze Saison getan haben.

Ich habe die Zuger in dieser Saison
oft ­gesehen, und nie spielten sie so ­zögerlich.

Eine meiner wertvollsten Lektionen als Coach erhielt ich 1984 im Zürcher Hallenstadion. Mein Bieler Team war zwar Titelverteidiger, aber wir hatten grosse Mühe, spielten nicht besonders gut und verloren 1:4 gegen den ZSC. Ich übte Druck aus auf die Spieler, verlangte mehr von ihnen, aber ich bekam es nicht. In der zweiten Drittelspause kam Dan Poulin zu mir ins Trainerbüro und sagte: «Kent, ich wollte dir nur sagen: Es funktioniert so nicht!» Aus diesen wenigen Worten lernte ich viel, und immer wieder erinnerte ich mich daran. Manchmal muss der Coach realisieren, dass es auf seine Weise nicht funktioniert, und sich verändern.

Ich glaube, genau das hat Kari Jalonen getan. Er hat viel über sein Berner Team gelernt – und sich ebenfalls angepasst. Er hat eine Mannschaft, die auf dem ganzen Eis Druck ausüben kann und dies auch gerne tut. Jalonen lässt das nun geschehen. Das ist nicht mehr das gleiche Team, das wir in den ersten zwei Runden sahen. Die Berner haben ihre Komfortzone gefunden, indem sie sich von der Bequemlichkeit losgesagt haben. Mag paradox klingen, funktioniert aber bestens. In den letzten zwei Spielen hat mich der SCB beeindruckt. Und auch die Zuger scheinen zu staunen. Wenn sie nicht sofort damit aufhören, ist der Final bald vorbei.

Erstellt: 18.04.2019, 12:04 Uhr

Kent Ruhnke

Der dreifache Meistercoach (Biel, ZSC, Bern) ist TV-Experte und Kolumnist für Tamedia.

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