Biels Lust am Spiel – und ein Taktik-Spässchen

In der Halbfinal-Serie gegen Bern begeistert Biel mit (Spiel-)Freude. Sogar der Headcoach erlaubt sich einen Gag mitten im Spiel.

Damien Brunner trifft in Spiel 2 zum 2:2 – und klettert zum Jubeln aufs Tor.

Damien Brunner trifft in Spiel 2 zum 2:2 – und klettert zum Jubeln aufs Tor. Bild: Anthony Anex/Keystone

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Mit 2:0 Siegen führt der EHC Biel nun im Halbfinal gegen den SC Bern. Die Seeländer gewannen Spiel 1 auswärts 4:2, als der SC Bern mit einem schlechten Auftritt enttäuschte. Sie gingen aber am Donnerstag auch in Spiel 2 zuhause mit 3:2 nach Verlängerung als Sieger hervor, als der SCB stark spielte.

Biels Spiel wird ausgezeichnet von Tempo, viel Bewegung, sehr ausgeglichenen Eiszeiten für alle vier Linien und bemerkenswert kurzen Einsätzen, die auch mit fliegenden Wechseln noch und noch forciert werden.

Headcoach Antti Törmänen scheint es kaum zu kümmern, wen Bern aufs Eis schickt, er hat vor keinem einzigen Linien-Duell Angst. In Spiel 1 in Bern wechselt er zwei Mal fliegend seine vierte Linie ein auf Berns Top-Formation um Mark Arcobello.

Und da ist diese Spielfreude, vor der die Mannschaft nur so sprüht. Verkörpert durch Spieler wie Toni Rajala, der in Spiel 1 und 2 jeweils das Siegestor schoss. Feiern darf er auch schon vor Spiel 3 am Samstag: Er wird am Freitag 28 Jahre alt.

Der Flügelstürmer schwärmt von diesem Derby Biel – Bern, es sei dabei egal, in welchem Stadion das Spiel stattfinde: «Ich erlebte in Tampere das Derby Ilves – Tappara. Doch in Finnland sind die Fans nicht so wahnsinnig und so laut wie hier in der Schweiz. Das macht extrem viel Spass!»

«Die Emotionen schwappten über»: So kommentierte Damien Brunner seinen besonderen Torjubel nach dem 2:2. (Video: SRF)

Oder Damien Brunner, auch er ein Stürmer, der für die Bieler Spasshockeyaner steht – und dies soll nicht despektierlich verstanden werden. Wie Brunner in Spiel 2 den 2:2-Ausgleichstreffer feierte, indem er aufs Berner Tor kletterte – das passte.

Auch Brunner betont die Freude, Teil des Bieler Teams zu sein: «Du spürst sie auch, wenn du auf der Bank sitzt und den anderen Linien zuschaust.»

Törmänens Spielchen in Bern

Und dann gabs noch diese Episode hier, die vielleicht am besten dokumentiert, mit welcher Leichtigkeit der EHC Biel agiert: Ein Taktik-Gag – mitten im Spiel.

Törmänen ist bekanntlich kein Headcoach, der Linien-Duelle forciert, obwohl dies bei Heimspielen, wenn er den letzten Wechsel bei Spielunterbrüchen hat, sein gutes Recht wäre. Berns Kari Jalonen tickt da komplett anders, dieses «Line-Matching» gehört bei Partien in der Postfinance Arena zu seinen festen Coaching-Methoden.

Nun passierte am Dienstag in Spiel 1 dies:

- Das Spiel beginnt. Törmänen startet mit dem Sturm-Trio Künzle/Diem/Riat, Jalonen schickt entsprechend Scherwey/Heim/Sciaroni zum ersten Bully:

- Nur 14 Sekunden vergehen bis zum ersten Spielunterbruch, da schickt Törmänen bereits neue Stürmer aufs Eis: Rajala/Kärki/Pedretti übernehmen, entsprechend reagiert Jalonen und bringt Bieber/Ebbet/Mursak:

- Bloss ein 14-Sekunden-Einsatz? Seltsam … Kann es aber geben, vielleicht plante Törmänen eine spezielle Bully-Variante in der Offensivzone? Nichts da! Denn nach exakt zwei Minuten geschieht dies: Törmänen schickt Künzle/Diem/Riat zum Bully, Jalonen reagiert entsprechend mit Scherwey/Heim/Sciaroni:

- Nur 16 Sekunden später kommt es wieder zum Spielunterbruch, doch Törmänen wechselt tatsächlich erneut, bringt Rajala/Kärki/Pedretti. Für Jalonen das Zeichen, Bieber/Ebbet/Mursak aufs Eis zu schicken:

- Nun vergehen bloss 11 Sekunden bis zum nächsten Bully. Und Törmänen bringt schon wieder neue Leute: Künzle/Diem/Riat können nach einer Mini-Pause zurück aufs Eis. Eigentlich würde Jalonen normalerweise mit Scherwey/Heim/Sciaroni kontern, doch dem SCB-Coach wird das Ganze nun zu bunt. Er bringt stattdessen Moser/Arcobello/Rüfenacht, damit die Linie um seinen Topskorer endlich auch mal bei einem Bully ran darf:

«Ein wenig herumalbern damit …»

Kurze Einsätze von rund 30 statt 45 Sekunden in Ehren, sie sind Teil von Törmänens Schlachtplan – aber Shifts von bloss 16, 14 und 11 Sekunden gleich zu Spielbeginn? Der wird doch nicht …

Doch, Törmänen tut genau dies: Er erlaubt sich ein Spässchen auf Berner Kosten. Oder wie er es formuliert: «Wir wissen ja, wie gerne die Berner zuhause diese Linien-Matchups suchen. Ich wollte ein wenig herumalbern damit …»

Lustig wird ein Spässchen ja erst, wenn man die Reaktion des Gegenübers sieht. Also blickte Törmänen nach diesem kurzen Wechsel-Wirrwarr gespannt Richtung Jalonen und die Berner Bank: «Ich sah ein paar fragende Blicke in unsere Richtung: ‹Was machen die bloss?›»

Danach war fertig lustig, begann für Törmänen das «normale» Coaching, er verzichtete in der Folge auf diese «Kurz-Spässchen». Schliesslich war da ja noch ein Eishockeyspiel zu gewinnen. (Übrigens: Nach 7 Minuten führte Biel bereits 2:0 …)

«Über so was habe ich noch gar nie nachgedacht!»

So ein Coaching-Gag in einem Playoff-Halbfinal, das kann natürlich auch mal nach hinten losgehen … Törmänen verneint das nicht einmal: «Ja, das hätte uns negativ beeinflussen können, aber wir taten es einfach …»

Diese Episode zeigt einerseits Törmänens Schalk, andererseits aber auch sein Vertrauen in seine Spieler und in die eigenen Stärken. Das Tempo Biels, diese Frische – all das wird ja auch genau durch die generell kurzen Einsätze und der solidarisch verteilten Eiszeit ermöglicht.

Eigentlich müsste da Törmänens Team nun, je länger die Serie dauern wird, Vorteile daraus ziehen können. Oder nicht? Törmänen überlegt lange, bis eine Antwort kommt, die Mundwinkel gehen dabei immer weiter hoch, bis er schliesslich sagt: «Wissen Sie, über so was habe ich noch gar nie nachgedacht!» Ja, klar, glauben wir sofort …

Erstellt: 29.03.2019, 19:51 Uhr

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