Bizeps pumpen zu Bruce Springsteen

Mathias Seger* über den Körper als Kapital des Athleten und den Wandel dabei, wie man ihn stählt.

Eishockey ist in den letzten 20 Jahren so viel schneller und athletischer geworden, dass auch der Respekt vor dem Körper viel wichtiger ist. Foto: Valeriano Di Domenico (Keystone)

Eishockey ist in den letzten 20 Jahren so viel schneller und athletischer geworden, dass auch der Respekt vor dem Körper viel wichtiger ist. Foto: Valeriano Di Domenico (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Unser früherer Coach Bob Hartley sagte einmal zu uns: «Am Herzen trägt jeder von euch eine kleine Tasche. Wenn ihr nicht mehr könnt, wenn nichts mehr geht, müsst ihr tief darin graben, und ihr werdet immer noch ein kleines bisschen Energie finden.» So ist das bei uns Hockeyanern: Der Körper ist unser Kapital, unser Arbeitsgerät. Trotzdem schinden wir ihn bis ans Limit – und manchmal darüber hinaus. Wir haben unseren Körper gelehrt, Schmerz und Müdigkeit zu über­spielen. Unsere Psyche schiebt die Schmerzgrenze hinaus.

Wer einen Schuss blockt, eine Platzwunde erleidet, einen Zahn verliert, geht zurück aufs Eis. Kleinere Verletzungen lassen wir manchmal mit Schmerzmitteln betäuben, vor allem im Playoff. Es ist ein Opfer für das Wohl des Teams. Ein Zeichen an alle, dass wir füreinander kämpfen. Daran, dass das alles auch Folgeschäden haben könnte, denkst du erst, wenn du älter wirst. Dann beginnst du, dich zu hinterfragen: Soll ich trotz Problemen weiterspielen, eine chronische Entzündung riskieren?

Nicht mehr richtig bücken

Ein Treffen mit einem früheren Nationalmannschaftskollegen gab mir kürzlich zu denken. Er sagte, er könne sich nicht mehr richtig bücken, um den einen Schuh zu binden. Dabei war er ein absoluter Modellathlet! Die Beziehung zum Körper wandelt sich im Leben eines Sportlers: Als Kind machst du Sport aus Spass am Spiel, dem Gefühl, dich zu messen. Du denkst nicht daran, kräftiger zu werden. Erst, wenn sich erste Erfolge einstellen, wachsen Selbstwertgefühl und Ambition. Dann geht es einen Schritt weiter: Die bewusste Arbeit am Körper beginnt. Du trainierst, um besser zu werden.

Ich erinnere mich noch, wie das bei mir anfing. Ich war 15, und mit ein paar Kollegen ging ich daheim in Uzwil am Mittwochnachmittag ins Schulhaus. Unten im Luftschutzbunker hatte es ein paar rostige Hanteln, einen Platten­spieler und eine einzige LP: «Born in the USA» von Bruce Springsteen. Wenn ich den Song heute höre, sehe ich noch das Bild, wie ich da als Teenie versuche, meinen Bizeps aufzupumpen.

Mehr Training neben als auf dem Eis

Es ist krass, welche Entwicklung das Eishockey seither durchgemacht hat. Heute haben 15-Jährige klar definierte Trainingspläne. Und das Training neben dem Eis nimmt fast mehr Zeit in Anspruch als jenes auf dem Eis. Weil das Spiel so viel schneller geworden ist, wird viel mehr Wert auf Athletik als aufs Spielverständnis gelegt. Vor 15 Jahren bestand ein grosser Teil des Sommertrainings aus Fussball, Uni­hockey und Basketball. Heute steht gezieltes Feilen an Kondition, Kraft und Beweglichkeit im Vordergrund.

Ich kann mich noch erinnern, ­welchen Aufruhr es bei uns gab, als Christian Weber aufzeichnende Puls­uhren verteilte und sagte, wir müssten am spielfreien Sonntag eine Stunde Ausdauer machen. Aus Protest legte ein Spieler die Uhr seinem Hund an und ging spazieren. Heute tragen alle ­Fitnesstracker unter dem Trikot, die Belastungs­intensität, Laufwege und Erholungszeit messen. Das Verständnis und das Wissen sind viel grösser geworden. Bei all den Trainingsaspekten geht aber zuweilen das eigentliche Spiel vergessen. Einer kann 200 Kniebeugen ­machen, Stunden beim Mentaltrainer verbringen, 3 Kilometer unter 10 Minuten rennen. Aber am Schluss geht es nur um eines: Man muss bereit sein, wenn der Puck ­eingeworfen wird.

An die WM, um das Sommertraining zu verkürzen

Ich persönlich war nie ein grosser Fan des Off-Ice-Trainings. Darum ging ich im Mai immer an die WM – damit das Sommertraining nicht so lang dauerte. Aber Spass beiseite: Auch ich muss natürlich etwas tun, um mithalten zu können. Und das ist ein Balanceakt: Je älter du bist, desto mehr müsstest du machen. Aber gleichzeitig brauchst du auch mehr Zeit, um dich zu erholen. Daher muss ich sehr gezielt und diszipliniert arbeiten. Ich kann es mir nicht mehr leisten, wie ein 20-Jähriger einfach so aufs Eis zu stürmen.

Ich hatte das Glück, dass ich bisher in meiner Karriere von allzu vielen Verletzungen verschont blieb. Am schlimmsten war eine Gehirnerschütterung in der Saison 2004/05. Ein Bruch ist nach sechs Wochen verheilt, aber beim Hirn weiss man nie: Ist es morgen gut? In einer Woche? In einem Jahr? Vielleicht gar nie mehr?

Ich fiel damals drei Monate aus. An einem gewissen Punkt verschrieb mir unser Arzt Gery Büsser eine Lux­therapie, was nichts anderes war als ein Vorwand gegenüber der sportlichen ­Leitung, damit ich eine Woche nach Klosters verreisen konnte. Ich musste den Kopf lüften. Denn das ist fast der härteste Teil als Verletzter: Du kannst in der Kabine sitzen, zuschauen, mit­leiden. Aber du gehörst in dieser Zeit nicht mehr richtig zum Team.

Die Schlüsselrolle des Arzts

Kein Wunder, wollen alle möglichst schnell zurück aufs Eis. Meist zu früh. Dem Teamarzt kommt deshalb eine Schlüsselrolle zu. Er muss sich gegenüber dem Spieler, manchmal auch dem Coach oder dem Sportchef zur Wehr setzen, um seinen Patienten zu ­schützen. Auch diesbezüglich hat das Eis­hockey ­jedoch einen gewaltigen Sprung ­gemacht. ­Die Sensibilisierung ist viel besser geworden. Gerade bei Kopf­verletzungen.

Es ist genial, dass die Liga beschlossen hat, bald flexible Banden einzu­führen. Noch wichtiger finde ich die Schulung der Jungen: Sie müssen nicht nur lernen, wie man austeilt, sondern auch, wie man einen Check absorbiert. Etwa, wie man sich der Bande entlang bewegen muss, um gröbere Verletzungen zu vermeiden. Und so sehr sich dieser Sport in den letzten 20 Jahren verändert hat, so viel schneller und athletischer er geworden ist, so viel wichtiger ist der Respekt vor dem Körper geworden. Vor dem eigenen wie dem gegnerischen.

* Mathias Seger ist Rekord-Nationalspieler (305 Länderspiele). Er schreibt diese Saison Kolumnen für den «Tages-Anzeiger».

Erstellt: 19.12.2016, 20:09 Uhr

Artikel zum Thema

Motivator? Diktator? Gärtner!

Kolumne Mathias Seger erzählt, wie ihn Trainer mit ganz unterschiedlichen Stilen prägten. Mehr...

Das Nationalteam war ein Spielball

Kolumne Mathias Seger erklärt, wieso die Eishockey-Nationalmannschaft so wichtig ist. Mehr...

Lieber Mathias

Kolumne ZSC-Captain Mathias Seger ist neuer Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Kolumnist. Als Erstes schreibt er einen Brief an sein 13-jähriges Selbst. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Mamablog Eine warme Mahlzeit als Zeichen der Anteilnahme
Sweet Home Willkommen im «Nouveau Boudoir»
Geldblog Fürstliche Anlagen mit Potenzial

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...