Bozon wirft Steine im Glashaus

Der Stürmer Servettes findet die Sperre gegen Maxim Noreau zu kurz. Der ZSC-Verteidiger schlägt verbal zurück. Was sagt uns das?

Illustration Kornel Stadler.

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Die Szene sieht nicht so spektakulär aus, hätte aber bös ausgehen können: Servettes Tim Bozon versetzt Mark Arcobello am 30. November in Bandennähe einen leichten Crosscheck in den Rücken. Der SCB-Topskorer, der den Puck spielen will, verliert das Gleichgewicht und kracht in die Bande. Es ist eine ziemlich maliziöse Aktion, denn Bozon weiss als Hockeyprofi genau, was deren Folgen sein würden.

Der Check gegen Arcobello. (Video: SRF)

Glücklicherweise verletzte sich Arcobello nicht. Doch es war der eine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Sonst eher wortkarg, klagte er gegenüber dem geschätzten Berner Kollegen Reto Kirchhofer, der Respekt habe im Schweizer Eishockey abgenommen. Ja, er sagte sogar: «Ich habe in keiner Liga gespielt, in welcher der Respekt vor dem Gegner geringer ist. Es ist eine Schande. Jemand musste das auf den Tisch bringen.»

Bozon wurde für seine Tat für vier Spiele gesperrt. Sein Angriff wurde vom Einzelrichter der Kategorie 2 zugeordnet: mittelschwere Fälle mit erheblicher Rücksichtslosigkeit, zwei bis vier Spielsperren. Dem ist schwer zu widersprechen. Und doch fühlt sich der Franzose mit Schweizer Lizenz ungerecht behandelt. Und tat dies kund, nachdem ZSC-Verteidiger Maxim Noreau für seine Attacke gegen Luganos Mauro Jörg (am 7. Dezember) für drei Spiele suspendiert wurde. Also eine weniger als er. «Kann mir das bitte jemand erklären?», fragte Bozon rhetorisch auf Twitter.

Damit hat Bozon eine neue Dimension in der Diskussion um die Schwere von Sperren erschlossen: Bisher waren es die direkt beteiligten Clubs oder Spieler, die sich äusserten. Nun klagt also ein Servette-Spieler, dass die Attacke eines Zürchers gegen einen Luganesi zu wenig hart taxiert worden sei.

Dazu gibt es zuerst einmal zu sagen, dass Aktion Noreaus nicht zu entschuldigen ist. Er springt Jörg auf offenem Eis an und trifft den Kopf, der Puck ist schon weg. Es ist ein Blackout eines Spielers, sonst nicht bekannt dafür ist, harte Checks auszuteilen. Völlig atypisch für Noreau. Das gehört sanktioniert, keine Frage. Hätten es auch vier Spielsperren sein können wie bei Bozon? Durchaus. Wobei bei Noreau mildernd gewirkt hat, dass er kein Wiederholungstäter ist, zuvor noch nie gesperrt wurde.

Und was man ihm auch zugute halten muss: Er bereut seine Tat, suchte keine Ausreden. So schrieb er, nachdem die Sperre ausgesprochen worden war, auf Instagram: «Ich habe mir das Video meines Checks nicht angeschaut, mir wird übel, wenn ich nur daran denke.» Er sei froh, gehe es Jörg besser, und er übernehme die volle Verantwortung für seine Tat und hoffe, dass ihm so etwas nie mehr passiere.

Natürlich sind die sozialen Medien für jeden eine Chance, sich gut darzustellen. Das gelingt Noreau. Doch seine Worte können auch als Zeichen gesehen werden. Man darf durchaus einmal bereuen, was man getan hat. Von vielen anderen würde man sich gerne solche Worte wünschen. Was Noreau auch noch schreibt: Er hätte nie gedacht, dass sich jemand über einen Spielerkollegen so äussern würde auf den sozialen Medien wie nun Tim Bozon über ihn. «Aber offenbar hat sich der Code verändert, seit ich vor zwölf Jahren Profi wurde.»

Man könnte es auch so deuten: Offenbar ist inzwischen auch unter den Spielern die Erkenntnis gereift, dass die Sperren im Schweizer Eishockey zu wenig hart sind. Ausser, natürlich, es betrifft einen selber.


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Erstellt: 12.12.2019, 15:37 Uhr

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