Calgary vermisst seinen Schweizer Nothelfer

Der talentierter Berner Stürmer Sven Bärtschi hinterliess in der National Hockey League mit den Calgary Flames bleibende Spuren.

Der Star und der Berner Junior: Jarome Iginla (l.) freut sich mit Sven Bärtschi über dessen zweites NHL-Goal.

Der Star und der Berner Junior: Jarome Iginla (l.) freut sich mit Sven Bärtschi über dessen zweites NHL-Goal. Bild: Reuters

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In Calgary sind sie immer noch ganz benebelt von diesem 19-jährigen Langenthaler. Der «Herald» schrieb kürzlich: «Sven Bärtschi wehte durch die Stadt wie eine frische, belebende Brise, die geholfen hat, die muffigen Spinnweben und die stickige Luft auf unserem modrigen Dachboden wegzublasen.» Der Artikel war überschrieben mit dem Titel: «Swiss missed» – Schweizer vermisst. Denn Bärtschi ist mittlerweile wieder in Portland, eben begann in der Juniorenliga WHL das Playoff.

Aber bei den Flames, die ihn letztes Jahr an 13. Stelle gedraftet hatten, hat der begabte Stürmer in nur zehn Tagen hohe Erwartungen geschürt.

Morgens in der Provinz, nachmittags in der NHL

Alles hatte mit einem Anruf begonnen. Bärtschi war gerade in seinem Hotelzimmer in der Kleinstadt Kamloops, döste vor dem Auswärtsmatch noch ein wenig, als das Telefon klingelte. Er solle rasch zum Stadion kommen, verkündete sein Trainer. Am Nachmittag sass Bärtschi bereits in einem Flieger nach Calgary. Die Flames brauchten angesichts ihrer Verletztenlage dringend einen Stürmer. Nicht einmal im Farmteam fanden sie einen geeigneten Mann. Deshalb beförderten sie ihren besten Junior als Nothelfer, was in der NHL in dieser wichtigen Phase, in der um die Playoff-Plätze gekämpft wird, sehr selten vorkommt. «Ich konnte es kaum glauben», erzählt Bärtschi. «Alles hatte sich um 180 Grad gedreht. Zack.»

In Calgary blieb dem Neuankömmling nur ein Tag Zeit, sich auf seinen ersten grossen Auftritt vorzubereiten. Headcoach Brent Sutter versuchte, ihn in einem Meeting in das System einzuführen, sagte aber bald: «Es wird schwierig sein, all diese Dinge zu merken. Schaue einfach auf die Älteren und tue es ihnen gleich.» Sutter unterscheidet sich sowieso vom klassisch autoritären Trainertyp in Übersee, der kaum Anlass zu einem Einzelgespräch findet. «Er nimmt das meiste selbst in die Hand», sagt Bärtschi. «Und er spricht viel mit den Jungen. Mir schenkte er so viel Vertrauen.»

Mit dem Selbstbewusstsein von 94 Punkten aus 47 Partien

Auch seine Mitspieler hätten ihm das Leben einfach gemacht. Captain Jarome Iginla setzte sich vor dem Match gegen Winnipeg zum Debütanten und beruhigte ihn: «Hab einfach Spass da draussen. Und gib Gas.» Bärtschi selbst hatte da schon etwas weiche Knie, das gibt er gerne zu, sagt aber auch: «Es war ideal, dass alles so schnell geschah. So hatte ich gar keine Zeit, mir zu viele Gedanken zu machen. Ich spürte nie die Angst, einen Fehler zu begehen.»

Das Selbstbewusstsein, das er sich durch seine 94 Punkte aus 47 Partien bei den Junioren geholt hatte, verströmte er auch auf dem NHL-Eis. Schon im zweiten Spiel in Minnesota traf Bärtschi – nach einem Abpraller. Zu Hause in Calgary doppelte der Techniker gegen San José nach. Sogar in der Overtime durfte er da schon wichtige Einsätze leisten. Und als er auch früh gegen Phoenix erfolgreich war, hallten «Bartschi»-Rufe durch die Heimarena. «Es war unglaublich. Das drückte schon ein bisschen auf die Tränendrüse», erzählt der Besungene. «Auf dem Eis spürte ich, wie das Adrenalin durch mich rauschte.»

Zeitungen als Andenken gekauft

Die Medien stürzten sich auf den Youngster. Von «Svensational» war die Rede, von «Svensanity» (Wahnsinn). Bärtschi kaufte zehn Zeitungen als Andenken. Denn er wusste, dass sein NHL-Besuch nur temporär sein würde. Sobald einer aus dem Lazarett gesund war, musste er gemäss Regeln zurück nach Portland. Das geschah nach seinem fünften Match in Edmonton.

«Ich habe immer noch gleich viel Respekt vor dieser Liga wie zuvor», sagt Bärtschi nun. «Es ist kein Thema, dass ich einmal abhebe. So bin ich erzogen worden. Aber jetzt weiss ich, was abgeht, wenn ich im Sommer wiederkomme. Das nimmt mir die Anspannung.»

Die Ansage an die amerikanische Freundin

Diese Woche erhielt Bärtschi ein Päckchen aus Calgary. Den Stock, mit dem ihm seine Torpremiere gelang, vermacht er seinem Vater. Den dazugehörigen Puck der Mutter. Und auch seine amerikanische Freundin Laura, eine Medizinstudentin, soll ein Geschenk erhalten. Immerhin hat sie Bärtschi nach Calgary begleitet und für zusätzliche Motivation gesorgt. Als sie 2011 zusammengekommen seien, habe er ihr zuerst die Eishockey-Regeln erklären müssen, erzählt er. Und er stellte sogleich klar: «Wenn etwas aus uns werden soll, musst du ein Fan werden.»

Sie ist es geworden. Seit Calgary sowieso.

Erstellt: 25.03.2012, 15:01 Uhr

NHL, Regular Season

Die Resultate. Freitag: New Jersey Devils - Toronto Maple Leafs 3:4 n.P. New York Rangers - Buffalo Sabres 1:4. Washington Capitals - Winnipeg Jets 3:4 n.V. Columbus Blue Jackets - Carolina Hurricanes 5:1. Montreal Canadiens (mit Weber, ohne Diaz/verletzt) - Ottawa Senators 5:1. Florida Panthers - Edmonton Oilers 1:2 n.P.

Samstag: Dallas Stars - Calgary Flames 4:1. Buffalo Sabres - Minnesota Wild 3:1. Toronto Maple Leafs - New York Rangers 3:4 n.P. Ottawa Senators - Pittsburgh Penguins 8:4. Philadelphia Flyers - Montreal Canadiens (ohne Weber und Diaz/beide verletzt) 4:1. Tampa Bay Lightning - New York Islanders (mit Streit/Assist und Niederreiter) 4:3. Detroit Red Wings - Carolina Hurricanes 5:4. Nashville Predators (ohne Josi/verletzt) - Winnipeg Jets 3:1. Los Angeles Kings - Boston Bruins 2:4. Colorado Avalanche - Vancouver Canucks 2:3 n.V. San Jose Sharks - Phoenix Coyotes 4:3 n.P.

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