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Crawford: «Ich vermisse die Bäckerei in Winkel»

ZSC-Meistertrainer Marc Crawford denkt auch als Coach in Ottawa gerne an seine Zürcher Zeit zurück.

Ex-ZSC-Headcoach Marc Crawford.
Ex-ZSC-Headcoach Marc Crawford.
Peter Schneider, Keystone

Marc Crawford ist ein alter Hase im Eishockey-Business. Erfolgreich war der Kanadier vor allem als Trainer. Er wurde 1996 mit der legendären Star-Truppe der Colorado Avalanche Stanley-Cup-Champion. Sein Weg führte ihn via Vancouver, Los Angeles und Dallas 2012 nach Zürich, wo er vier Saisons die ZSC Lions coachte und 2014 Schweizer Meister wurde.

Marc Crawford, Champion mit den ZSC Lions 2014, bei der Meisterfeier im Hallenstadion … (Bild: Ennio Leanza/Keystone)
Marc Crawford, Champion mit den ZSC Lions 2014, bei der Meisterfeier im Hallenstadion … (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

Der 57-Jährige aus Ontario ging danach zurück in seine Heimat, wo er nun in der dritten Saison bei den Ottawa Senators als Assistent von Headcoach Guy Boucher (ex-Bern) amtet. Redaktion Tamedia traf Crawford am Freitagmittag in Denver, wo er am Abend mit Ottawa auf Colorado, sein altes Team, traf. Ob in der Eishalle, oder später in der Hotel-Lobby, es war schnell ersichtlich: Die «Denverites» haben ihren Meister-Coach Crawford auch über 20 Jahre danach nicht vergessen.

… und beim Feiern auf dem Eis am Schluefweg in Kloten nach dem Meister-Spiel mit Ehefrau Helene. (Bild Ennio Leanza/Keystone)
… und beim Feiern auf dem Eis am Schluefweg in Kloten nach dem Meister-Spiel mit Ehefrau Helene. (Bild Ennio Leanza/Keystone)

Denken Sie noch oft an Zürich?

Ja, ich verfolge die Resultate, generell von der ganzen National League. Ich habe immer noch Kontakt mit Edgar Salis, dem damaligen Sportchef, und diversen anderen Leuten im ZSC.

Was vermissen Sie am Leben in Zürich?

Den konstanten Spielplan. Du wusstest, dass du Freitag und Samstag spielst, zudem einmal unter der Woche, fast nie am Sonntag. Und das Leben als Gast generell. Wir reisten während meiner Zeit wahrscheinlich mehr herum als die meisten Schweizer: Wir fuhren ins Appenzell, nach Luzern oder nach Deutschland. Es war grossartig, wie viel in der Nähe von Zürich es zu sehen gab. Und was ich auch sehr vermisse: Die Bäckerei in Winkel, wo wir lebten. Ich sprach mit den Verkäuferinnen fast jeden Tag, dort habe ich mein «Schweizerdeutsch» (sagt es auf Deutsch, die Red.) am meisten geübt.

Wir sind gerade im Pepsi Center, wo Ihre Mannschaft Ottawa am Abend gegen Colorado spielen wird – das Team, das Sie 1996 zum Stanley Cup coachten. Ist Denver immer noch eine besondere Reise für Sie?

Ja, und ich war zwei Jahre nicht mehr hier, da letzte Saison unsere beiden Spiele gegen Colorado in Schweden stattfanden. Es gibt immer noch Leute, die hier auch über 20 Jahre später noch im Club arbeiten. Und wir haben hier immer noch sehr viele Freunde. Da wir schon am Donnerstag anreisten, waren wir gestern mit den Leuten beim Abendessen, die damals unsere Nachbarn waren.

Lange ists her: Marc Crawford, der erst 35-jährige Headcoach der Colorado Avalanche, küsst 1996 den soeben gewonnenen Stanley Cup. (Bild: Hans Deryk/Keystone)
Lange ists her: Marc Crawford, der erst 35-jährige Headcoach der Colorado Avalanche, küsst 1996 den soeben gewonnenen Stanley Cup. (Bild: Hans Deryk/Keystone)

Sprechen wir übers Coaching: In vielen Interviews in Zürich sprachen Sie von der «Y-Generation», die «Why-Generation», den Millennials, also der Generation, die alles hinterfragt und das Leben des Coaches entsprechend veränderte. Gilt das für den Coach auch in der NHL? Erklären Sie hier nun auch mehr als früher?

Absolut. Wir erleben nun die erste Generation, die das Leben ohne Internet gar nicht kannte. Aus der verbalen Kommunikation der vorherigen Generation wurde nun «Texting», also das Schreiben. Genau herauszufinden, wie die jungen Spieler heute miteinander kommunizieren ist ein grosser Teil des Coachings geworden und auch der Arbeit, den Sport zu verbessern. Ich habe mir in den letzten beiden Jahren sehr viel Mühe gegeben, mich darüber zu informieren: Nicht nur über die Millennials, sondern auch die noch neuere Generation Z. Die Generation, die in vielen Bereichen mehr weiss als ihre Eltern – früher war das genau umgekehrt. Aber du kannst als Coach auch mit ihnen erfolgreich sein, der Schlüssel ist die Art der Kommunikation. Das war immer schon so.

Was das Eisockey angeht, scheinen die jungen Spieler aber dafür immer schneller bereit zu sein, selbst für das NHL-Level. Oder ist das nur eine zufällige Momentaufnahme?

Nein, das stimmt.

Wo sehen Sie die Gründe?

Das Spiel ist nicht mehr so physisch wie früher. Einschüchterung spielt auch nicht mehr die gleich grosse Rolle. Zu meiner Zeit als Spieler, aber auch lange Zeit als Coach, wurden Gegner in verletzlichen Positionen nicht verschont. Du machtest den Check so oder so fertig. Spiel und Regeln haben aber so sehr geändert, dass du eine grössere Verantwortung hast, respektvoller mit Gegnern umzugehen. Das ist gut für den Sport. Aber es hat ihn auch extrem verändert. Das Tempo ist nun so hoch wie noch nie. Früher verlangsamtest du im Zweifelsfall, weil du nicht sicher warst, ob du gecheckt oder gar verletzt würdest. Diese Angst ist heute gewichen.

Aber trotzdem: Ist das alles? Nehmen wir als Beispiel einen Ihrer Spieler: Maxime Lajoie, 20-jähriger Verteidiger, vor erst zwei Jahren bloss in der fünften Runde gedraftet, bislang wohl nur absoluten Insidern bekannt. Und jetzt ist er nicht bloss Stammspieler der Senators, sondern hat schon sieben Skorerpunkte, davon vier Tore, in neun Spielen gesammelt. Das ist doch keine normale Story und war früher fast undenkbar. Wie ist so eine Entwicklung möglich?

Wir wussten, dass er ein guter Spieler ist, er hat aber auch uns angenehm überrascht. Aber seine Story funktioniert nur deshalb so, weil bei ihm Spielverständnis und Spielintelligenz extrem ausgeprägt sind. Zwei Faktoren, die in der NHL noch wichtiger geworden sind als früher.

Wenn man vor einem Monat die Saison-Vorschauen las und die Rede von Ihren Ottawa Senators war …

Oh, Boy … (lacht)

… dann haben praktisch alle Ihr Team auf den 31. und letzten Platz gesetzt – inklusive Befürchtungen, dass das die schlechteste NHL-Mannschaft aller Zeiten werden könnte. Wie bereitet man ein Team vor, wenn die Erwartungen derart tief sind?

Als Coach bleibt deine Arbeit in der Vorbereitung eigentlich gleich: Du willst das Beste aus deinem Team herausholen. Wir verwendeten alles, was wir nur konnten, als Motivation…

… also auch die «Wir-gegen-die Welt»-Einstellung?

Ja, klar. Die Spieler sollen den Leuten beweisen, dass sie mehr Respekt verdienen. Das war ein grosser Teil der Motivation. Und der andere war, und darum geht es am Ende ja immer: Du misst dich immer mit dir selber. Wie sehr verbesserst du dich? Wie sehr verbessern wir uns als Team? Wenn wir diese Fragen positiv beantworten können, wird sich das auch bei den Resultaten zeigen.

Der Sommer in Ottawa war fast schon eine Art Soap Opera, es gab Abgänge von wichtigen Spielern und Schlagzeilen über alles Mögliche – ausser Eishockey (siehe auch Text weiter unten): Wie behielten Sie den Fokus auf den Sport?

Indem wir auch erkannten: Wo es Wechsel gibt, ist auch eine Chance. Die Hierarchie in unserer Mannschaft veränderte sich dramatisch. Es war interessant zu sehen, wie Spieler aus den hinteren Reihen plötzlich Aufgaben als Leader und generell mehr Verantwortung übernahmen und dabei erkannten: Hey, ich kann mehr sein. Es war schön zu sehen, wie fast jeder seinen kleinen Teil für sich herausnahm. Es ist doch hin und wieder so: Hast du grosse Persönlichkeiten im Team, bleibt nur wenig Raum für andere Spieler, sich auszudrücken. Und jetzt haben wir nun genau diesen Spielern die Möglichkeit dazu gegeben.

Sie sind in Ottawa Guy Bouchers Assistenzcoach. Vermissen Sie es nicht die Arbeit als Headcoach?

Ja, das tu ich. Und ich weiss, dass ich sie wieder einmal machen will. Hier oder in einer anderen Liga. Aber ich geniesse auch diesen Job hier. Ich mag es, im Eishockeybusiness oder generell rund um Hockey-Leute zu sein. Ich hatte diverse Jobs in der Eishockeywelt, und jeder einzelne war gut. Es waren viele, inklusive Ihr Job, auf der Seite der Medien. So lange du mit Enthusiasmus dabei bist, hast du in unserer Branche immer eine Chance, erfolgreich zu sein. Und ich habe immer noch sehr viel Enthusiasmus, darüber bin ich happy.

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Die Sommer-Soap in der kanadischen Hauptstadt

Warum die Ottawa Senators plötzlich als potenziell schlechtestes NHL-Team aller Zeiten gehandelt wurden.

2017 fehlte den Ottawa Senators ein Tor, um den Stanley-Cup-Final zu erreichen, sie verloren Spiel 7 des Halbfinals in Pittsburgh mit 2:3 nach Verlängerung. Und nun dieser dramatische Verfall. Die «Kurzversion» der Story ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Zu den Abgängen von Leistungsträgern nach Tauschgeschäften, die sich nicht als optimal entpuppten für die Mannschaft aus Kanadas Kapitale, kamen seltsame Schlagzeilen letzten Sommer dazu.

Zum Beispiel diese hier: Captain und Superstar Erik Karlsson und vor allem seine Ehefrau Melinda beschuldigten Monika Caryk, Freundin von Teamkollege Mike Hoffman, des üblen Cyber-Mobbings.

So soll sich Caryk unter falschem Namen und mit diversen Social-Media-Accounts lustig gemacht haben über das traurige Erlebnis der Karlssons letztes Jahr: das tot geborene Söhnchen Axel Michael. Caryk habe in den anonymen Posts die Schuld daran Melinda Karlsson gegeben, da sie während der Schwangerschaft sich «permanent Schmerzmittel eingeschmissen» haben soll. Die beiden Parteien streiten sich seither vor Gericht.

Die Senators sprachen offiziell von einer «kaputten Garderobe», als Folge dealten sie sowohl Stürmer Hoffman, einen ihren besten Skorer, aber auch Karlsson, den wohl aktuell besten Offensivverteidiger der Welt, zu anderen Teams – für vergleichbar wenig Gegenwert.

Als reichten diese bizarren Sommer-Headlines nicht, kam noch diese nicht minder bizarre dazu: Assistenz-General-Manager Randy Lee, seit 1995 bei den Ottawa Senators in diversen Funktionen tätig, wurde gefeuert, nachdem ihn in Buffalo ein Fahrer eines Hotel-Shuttlebusses angezeigt hatte. Offenbar hatte Lee diesem nicht nur sexuelle Avancen gemacht, sondern ihn auch noch «unangemessen» berührt.

Zusammengefasst: Nehme ein sportlich bereits schwer angeschlagenes Team mit einem auf dem Papier unterdurchschnittlich besetzten Kader, das durch interne Querelen noch weiter geschwächt wurde. Addiere zudem Gerüchte über weitere abwanderungswillige Leistungsträger (Matt Duchene und Mark Stone) mit auslaufenden Verträgen im Sommer 2019. Mixe noch die Troubles in der Teppichetage hinzu. Dieser schlechte Mix ergab die einheitlichen Prognosen: Ottawa würde mit Abstand das schlechteste Team der Saison werden.

Das Erstaunliche dabei: Die Senators sind mit vier Siegen und neun Punkten aus den ersten acht Spielen ganz respektabel in die Saison gestartet … (kk)

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