Crawford sollte die Augen schliessen

Der ZSC muss heute Abend im siebten Viertelfinal gegen den HC Davos seinem Talent freien Lauf lassen.

Hochspannung im Playoff: ZSC-Trainer Marc Crawford (M.) soll seine Spieler gegen den HC Davos einfach spielen lassen.

Hochspannung im Playoff: ZSC-Trainer Marc Crawford (M.) soll seine Spieler gegen den HC Davos einfach spielen lassen. Bild: Keystone

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Seit ich mit den ZSC Lions am 1. April 2000 den Meistertitel gewann, hatte ich das Privileg, Hunderte von Vorträgen bei Firmen, Clubs und Organisationen in der ganzen Welt halten zu dürfen. Oft zeige ich einen kurzen Clip aus der Finalserie zwischen dem SC Bern und dem HC Lugano aus dem Jahr 2004, die, wie nun in diesem Jahr alle Playoff-Viertelfinals, in einem finalen Spiel entschieden wurde. Mein SCB führte 30 Sekunden vor Schluss 3:2, doch dann glich Luganos Mike Maneluk mit einem wuchtigen Direktschuss aus. In diesem Clip sieht man, wie meine Spieler in diesem Moment erschüttert sind, wie sie ihre Köpfe senken und ungläubig schütteln. Meine Frage an meine Zuhörer ist immer dieselbe: Was würden Sie diesen Spielern in der Pause vor der Overtime mit auf den Weg geben?

Alle acht Coachs sehen sich vor den entscheidenden siebten Spielen mit einer ähnlichen Aufgabe konfrontiert. Ich bin überzeugt, dass sie in dieser Situation nichts sagen können, das einen entscheidenden Einfluss auf den Ausgang der Serie hat – ausser sie sagen das Falsche! Den meisten Teilnehmern an meinen Seminaren und Diskussionen leuchtet das grundsätzlich ein. Nun ist nicht mehr die Zeit für Taktik und grosse Reden. Wenn es einen Zeitpunkt gibt für den Trainer, auf die Seite zu stehen, dann jetzt. Es ist nun an den Spielern, zusammenzurücken. Sie wissen inzwischen, was zu tun ist, und nur sie können es tun.

Davos’ Arno Del Curto, Fribourgs Hans Kossmann und Servettes Chris McSorley sehen sich mit ihren Teams in die schwierigsten Positionen manövriert. Nachdem sie zwei oder sogar drei Matchpucks verspielt haben, haben sie das Momentum (oder die Hockeygötter) gegen sich. Ihre Körpersprache und nonverbale Kommunikation wird der Schlüssel sein, um das Schicksal nochmals auf ihre Seite zu zwingen. Panik macht alles nur noch schlimmer. Ein bisschen Humor könnte helfen, um den Spielern wieder etwas Lockerheit zu verschaffen, sodass sie diese Aufgabe mit einem frischen Fokus angehen können. Wer nun mit einem langen Gesicht und schlechter Laune in die Garderobe kommt, zerstört die Hoffnung auf einen guten Ausgang.

Mein Auftritt vor der SVP

Ich kann mich gut erinnern, wie ich vor einer Gruppe von SVPlern sprach und etwas brauchte, um die Zuhörer dazu zu bringen, mir ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Plötzlich hatte ich einen spontanen Einfall. «Ich fühle mich sehr wohl, heute bei euch zu sein, denn ich gehörte als Spieler ja selbst einmal zum rechten Flügel», witzelte ich. Alle brachen in Gelächter aus, das Eis war gebrochen, und wir hatten eine angeregte Diskussion. Das Wichtigste, das die Coachs nun ihren Spielern vermitteln sollten, ist: Ein solches siebtes Spiel soll ihnen auch Spass machen – trotz allem, was auf dem Spiel steht.

Arno Del Curto ist ja ein passionierter Pokerspieler (Texas Hold’em), und ich bin überzeugt, dass er heute «all in» spielt. Er wird seine Pferde galoppieren lassen wie am Donnerstag im dritten Abschnitt, als die Zürcher kaum mehr aus der eigenen Zone fanden. Natürlich half es nicht, dass sich die ZSC Lions nach dem 3:1 darauf konzentrierten, ihren Vorsprung zu verwalten, und aufhörten, forezuchecken. Wenn die Zürcher den Gegner früh unter Druck setzen, so wie sie das in den vergangenen Spielen meist taten, sind sie das klar bessere Team. Sie haben drei ausgezeichnete Offensivlinien – aber diesen Vorteil können sie nicht ausspielen, wenn sie in ihrer eigenen Zone eingeschnürt werden.

Ein desorganisierter SCB

Die Zürcher Verteidiger haben Mühe, wenn sich die kräftigen Davoser Stürmer in ihrem Drittel festsetzen, deshalb lautet mein Ratschlag: Vermeidet, dort zu spielen! Bekämpft Feuer mit Feuer! Lasst ein offenes Spiel zu, lasst das Talent diese Serie entscheiden! Denn in dieser Beziehung sind die Lions im Vorteil. Coaches lieben Kontrolle. Doch für einmal sollte Marc Crawford einfach seine Augen schliessen und seine Spieler spielen lassen. Sie haben ja bewiesen, dass sie dann am besten sind.

Als aufmerksamer Beobachter dieses Playoffs frage ich mich, ob die Liga wirklich so ausgeglichen ist wie noch nie oder ob es die Topteams derzeit einfach nicht schaffen, ihr bestes Eishockey zu spielen. Die Berner machen, wenn sie unter Druck gesetzt werden, einen desorganisierten Eindruck und dürfen sich glücklich schätzen, überhaupt noch dabei zu sein. Fribourg liess plötzlich locker, nachdem es gegen Biel 3:0 in Führung gegangen war – und es ist immer schwierig, einen Ballon nochmals aufzublasen, nachdem ihm die Luft entwichen ist. Nicht überrascht bin ich, dass Zug und Lugano über sieben Partien gehen und die ZSC Lions von Davos aufs Äusserste gefordert werden.

Heimvorteil ist kein Faktor

So stellt man sich in einer idealen Welt das Playoff vor: Wir haben vier siebte Spiele, und jedes Team, das heute auswärts antritt, hat schon mindestens einmal auf fremdem Eis gewonnen. Deshalb sehe ich keinen Heimvorteil. Natürlich fühlt es sich angenehmer an, zu Hause vor seinem Publikum zu spielen. Doch wenn sich in einem Team Behaglichkeit breitmacht, ist das eher ein Nachteil. Man darf nicht in seiner Komfortzone spielen, wenn man solch grosse Spiele gewinnen will.

Nun aber zurück zu meiner eingangs gestellten Frage: Was sagt man zu einem Team, das bereits eine Hand am Meisterpokal hatte und sich nun mit einer Overtime konfrontiert sieht? Nicht viel. Die Körpersprache ist es, die zu den Spielern spricht. Was tat ich damals? Ich nahm meinen Assistenten mit in die Toilette, wir richteten unsere Krawatten und glätteten unsere Anzüge. Ich sagte zu ihm: «Wir werden nicht viel sagen. Aber wir werden zuversichtlich wirken und dies mit unseren Augen ausdrücken.» Ich ging zurück in die Kabine und sagte: «Boys, ihr spielt grossartig! Geht einfach raus und macht weiter so!»

Es waren keine spektakulären Worte, aber offenbar tat ich genau das Richtige. Denn wir dominierten die Verlängerung und gewannen dank Marc Webers Tor. Entscheidend war, dass ich in jenem Moment nichts Falsches sagte. Das war vielleicht der Schlüssel zum Meistertitel.

Erstellt: 16.03.2013, 13:48 Uhr

Meistermacher und TA-Kolumnist: Kent Ruhnke coachte Biel (1983), die ZSC Lions (2000) und den SC Bern (2004) zum Titel. (Bild: Keystone )

Blick in die Statistik: (Bild: Grafik TA)

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