«Dann hätte ich gesagt: Du hast ‘nen Vogel!»

Dominic Zwerger war der überraschende «Youngster des Jahres 2018» im Schweizer Eishockey. Ambris Österreicher verfolgt seinen Weg äusserst zielstrebig.

Der «Youngster of the Year» phasenweise als Topskorer: Ambris Dominic Zwerger.

Der «Youngster of the Year» phasenweise als Topskorer: Ambris Dominic Zwerger. Bild: Alessandro Crinari/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dominic Zwerger? Der Name war vor der letzten Eishockeysaison in der Schweiz nur absoluten Szenenkennern ein Begriff. Und dann wechselt der Vorarlberger Flügelstürmer aus Dornbirn aus der kanadischen Juniorenliga WHL zu Ambri, schiesst 21 Tore und wird Ende Saison zum besten Neuling der National League gekürt.

«Ich habe mich selber überrascht», sagt der 22-jährige Zwerger. «Wenn mir einer vor einem Jahr gesagt hätte, dass ich auf 40 Skorerpunkte in 50 Qualifikationsspielen komme, dann hätte ich ihm gesagt: Du hast ‘nen Vogel!»

Eine kleine Cinderella-Story, die aber so wundersam gar nicht ist. Und die ein Kapitel beinhaltet, die ein Problem im Schweizer Eishockey aufzeigt. Doch dazu später.

Mit acht Jahren in die Schweiz

Zwergers Weg tönt durchdacht. Er ist kein Doppelbürger. Er ist Österreicher, spielt für das Austria-Team in der Nationalmannschaft, schoss an der letzten WM gegen die Schweiz einen Treffer. In der National League zählt er dennoch nicht als Ausländer, weil er seine erste Lizenz in der Schweiz löste. «Lizenzschweizer» lautet das im sperrigem Regeldeutsch.

Dominic Zwerger (Nummer 16) verfolgt an der WM 2018 den Schweizer Sven Andrighetto. (Bild: Salvatore Di Nolfi/Keystone)

Zwerger war acht, der Club in seiner Heimatstadt, der Dornbirner EC, arbeitete eng mit dem Ostschweizer Verein SC Rheintal zusammen, Zwerger liess sich beim SCR lizenzieren. Eine spätere Profikarriere in der Schweiz sei damals schon im Hinterkopf gewesen, sagt Zwerger. «Und auch das grosse Karrierenziel, die NHL», fügt er an. «An beiden Zielen arbeite ich weiter.»

Lieber Kanadas Junioren als Schweizer Männer

Zwerger profitierte von weiteren Zusammenarbeiten Rheintals. Er wechselte mit 16 Jahren zum HC Davos, schoss dort für die U17-Novizen im Schnitt einen Treffer pro Match und kam als «Underager» selbst bei den U20-Junioren im Schnitt auf fast einen Skorerpunkt pro Spiel.

Der HCD gilt nun wirklich nicht als Club, in dem junge Spieler keine Chancen erhalten. Das kümmerte Zwerger aber nicht. Und damit zurück zum wunden Punkt.

Zwerger dachte gar nicht an mögliche Profieinsätze in der Schweiz oder gar weitere Spiele im Davoser Nachwuchs. Als ein Angebot aus der höchsten kanadischen Juniorenliga kam, gab es für den mittlerweile 17-Jährigen nur noch eine Option: den Wechsel. Zwerger erinnert sich: «Das Interesse kam schon früh, Mitte der vorigen Saison. Ich sprach auch mit meiner Familie, wir sahen das als einmalige Chance für mich.»

Er habe «das Neue» kennenlernen wollen, sagt Zwerger. «Und ich konnte vor allem gegen die besten Spieler der Welt in meinem Alter spielen. Das war eine unglaubliche Erfahrung.» Fortan spielte Zwerger für die Spokane Chiefs in der Western Hockey League (WHL), eine von drei gleichwertigen Meisterschaften neben OHL (Ontario Hockey League) und QMJHL (Québéc Major Junior Hockey League), die gemeinsam die Canadian Hockey League (CHL), die höchste kanadische Juniorenliga, bilden.

Die WHL ist einerseits die berüchtigte Busliga mit bis zu rund 24 Stunden langen Reisen an ein Auswärtsspiel. Und sie gilt als jene, in der das physisch härteste Juniorenhockey gespielt wird. Und so erlebte Zwerger den Unterschied zur Schweizer Juniorenmeisterschaft: «Das Spiel war viel schneller, körperbetonter, jeder Spieler war im Kopf schon weiter voraus.»

Eine frühe Chance, in der Schweiz gegen Männer spielen zu können, blieb Zwerger so zwar verwehrt. Reue kam bei ihm aber keine auf: «Die Erfahrung in Nordamerika machte mich zu einem besseren Spieler. Das war die beste Entscheidung meines Lebens.»

Zwei Jahre Zusage in Davos – dann kam Ambri ins Spiel

Gerne hätte der HC Davos Zwerger behalten. René Müller, damals der Trainer des Stürmers, heute Chef der Davoser Juniorenabteilung, erinnert sich gut an den Österreicher: Er habe alles gehabt zum Topstürmer, nur läuferische Defizite habe es gegeben. Zwerger widerspricht dieser Einschätzung nicht: «Jeder hat Schwächen, meine war das Schlittschluhlaufen. Aber ich habe in der Zwischenzeit hart an diesem Defizit gearbeitet und werde weiter daran arbeiten.»

Freude hin oder her – Davos legte Zwerger 2013 beim Wechsel nach Nordamerika keine Steine in den Weg. Eine Bedingung gab es aber: eine Vertragsverlängerung über zwei Jahre, damit die Rechte in der Schweiz vorerst beim HCD bleiben würden. «Doch dann», sagt Zwerger, «blieb ich länger als zwei Jahre in Nordamerika.»

Wichtige Treffer im Abstiegskampf: Dominic Zwerger feiert einen Treffer im Playout gegen Kloten. (Bild: Alessandro Crinari/Keystone)

Vier Jahre wurden es für Zwerger in der WHL. Er wechselte in der letzten Saison noch zu Everett, danach wurde er zu alt für die Juniorenliga. Einen Kontakt zu Davos gab es nicht mehr, es war der HC Ambri-Piotta, der Interesse zeigte und damit einen der erstaunlichsten und besten Transfers der Saison 2017/18 tätigte.

Der Traum lebt, den Plan gibts auch

Nordamerika hat Zwerger nicht vergessen. Sein Traum von der NHL lebt noch. Er hat noch einen bis Sommer 2020 gültigen Vertrag in Ambri, ab der heute Freitag startenden Saison gilt für ihn nur eines: Bestätigen. «Ich will zeigen, dass meine letzte Saison nichts Einmaliges war.» Und wenn das gelingt, dann hat Zwerger, wie könnte es anders sein, auch schon einen Plan: «Mit NHL-Teams in Kontakt kommen!»

Erstellt: 21.09.2018, 15:57 Uhr

Artikel zum Thema

Und plötzlich ist Ambri der Favorit

Die Leventiner stehen vor ihrem siebten Playout-Final in zehn Jahren. Aber gegen Kloten trotzdem vor einer Premiere. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Blogs

Mamablog Wenn Kinder sich selbst im Weg stehen

Sweet Home Die neue Moderne

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...