Das unausgesprochene ZSC-Mantra

Die Probleme des Meisters beginnen in der Garderobe, die eine Komfortzone geworden ist.

Kaum Feuer in den Augen: ZSC-Spieler nach der dritten Niederlage in Folge. Foto: Marcel Bieri (Keystone)

Kaum Feuer in den Augen: ZSC-Spieler nach der dritten Niederlage in Folge. Foto: Marcel Bieri (Keystone)

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Als ich letzte Woche aus Davos heimfuhr, dämmerte es mir, dass es wieder Zeit ist für meine alljährliche Kolumne zum Thema: Was ist los mit den ZSC Lions? Und so stattete ich ihnen am Freitag beim Heimspiel gegen den SC Bern einen Besuch ab. Das Warm-up verbrachte ich unten am Eis und studierte die Gesichter der Spieler. Oft kannst du durch die Augen eines Spielers in seine Seele blicken. Ehrlich gesagt, sah ich nicht viel Feuer in diesen Augen. Es schien, als sei es für sie einfach ein weiterer Tag im Büro. Ich schaute zu den Bernern rüber, und da prügelten sich Scherwey und Krueger in einer Ecke freundschaftlich – wie Kinder auf dem Pausenplatz. Sie waren angeregter, schienen mehr Spass zu haben.

Nicht den zusätzlichen Meter gewonnen

Ich bin überzeugt, dass grosse Teams in der Kabine entstehen. Zuallererst brauchst du Charakterstärke und Leadership. Die Spieler müssen sich nicht lieben, aber sie müssen miteinander auskommen und sich respektieren – und auch das Spiel. Ich habe Gerüchte gehört, dass einige ZSC-Cracks nicht so happy sind, wenn Junge zu viel Ambition zeigen, den Status quo durcheinanderbringen. Die Routiniers wollen die Komfortzone, die die Kabine geworden ist, verteidigen. «Keine Sorge, Boys, wir können schon zulegen, wenn es zählt», lautet das unausgesprochene Mantra. Aber zeigt man so Respekt für das Spiel, und – noch wichtiger – für die Fans?

Im Spiel schaute ich genau auf die Bank, und die war immer wieder in Unordnung. Einmal war Schäppi nicht bereit für den Wechsel, dann sprang Pettersson über die Bande statt Chris Baltisberger. Die Zürcher gewannen nicht den so wichtigen zusätzlichen Meter, indem sie schon über die Bande sprangen, als ihr Mann den Wechsel anzeigte. Sie waren oft nicht bereit. Und es fehlte der Lärm, den eine gute Bank ausmacht: keine Aufmunterung, keine Anerkennung für einen guten Shift, kein Trash Talk.

Weniger Struktur und mehr Inspiration?

Es dauerte über ein Drittel, bis die Zürcher im Spiel ankamen. Erst nachdem sie in der 5-Minuten-Strafe gegen Noreau drei Tore erhalten hatten, versuchten sie zu reagieren. Aber man kann Leistung nicht per Knopfdruck einstellen. Und jede Zürcher Aggression wurde von den Bernern lautstark übertroffen. Chris Baltisberger und Hollenstein versuchten, ihr Team anzuheizen, doch die Berner Bären waren bissiger, liessen die Zürcher nicht mehr ins Spiel kommen.

Und jetzt zur alljährlichen Coachingdiskussion. Um fair zu sein gegenüber Serge Aubin: Rom wurde auch nicht in einem Tag erschaffen. Ich weiss noch, wie ich mich nervte, als Chris McSorley nach meinem dritten Spiel als SCB-Coach sagte: «Es war heute schwierig für meine Spieler, weil wir nicht erkennen konnten, welches System der SCB spielte. Oder ob er überhaupt eines spielte.» Zum Glück habe ich anders als McSorley ein paar Meisterpokale in meinem Trophäenkabinett.

Die Jungen könnten sich anstecken lassen

Was Aubin betrifft: Er ist nun schon etwas länger hier und muss langsam einen Weg finden, die Spieler auf seine Seite zu bringen. Offenbar passt es ihnen nicht, dass man ihnen sagt, was sie zu tun haben. Seit Jahren sind nun sie es, die entscheiden, wann sie bereit sind, so richtig Eishockey zu spielen. Aubin ist wie Berns Kari Jalonen ein Coach, der viel Wert auf Struktur legt, der von den Spielern erwartet, dass sie in seinem klar definierten Spielsystem funktionieren. Doch das kann auf Kosten der Inspiration gehen. Ist es das, was die Lions brauchen: weniger Struktur und mehr Inspiration? Können sie im Playoff ihre Leistung wieder abrufen?

Aubin wird wohl warten müssen, bis sich die Spieler entschieden haben, ob sie so richtig für ihn spielen oder nicht. Diese Situation ist uns wohlbekannt. Denken wir an Bob Hartley, die Schweden, an Hans Kossmann, Harold Kreis… ja an fast jeden Coach, der in Zürich seine schwersten Zeiten durchmachte. Für mich ist klar: Es ist kein Charakterproblem – jedenfalls nicht auf dem Eis. Ein Team, das wie der ZSC gegen Lugano in der Höhle des Drachens Meister wird, nachdem es zu Hause den Meisterpuck verspielt hat, hat Charakter.

Das chronische Zürcher Problem beginnt in der Garderobe. Und ich befürchte, dass sich die Jungen anstecken lassen. Wenn Raphael Prassl im dritten Abschnitt einen fürchterlichen Pass im Powerplay spielt und ausgebuht wird, seien Sie nicht überrascht. Er versucht nur, seinen Weg zu finden – doch niemand zeigt ihn ihm. Sein Job im Team ist es, sich einzufügen, nicht besser zu werden.

Erstellt: 02.12.2018, 23:41 Uhr

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