Del Curto: «Es hat zu viele, die zu verspielt sind»

Der Trainer des HC Davos erklärt seinen Wunsch nach mehr Zielstrebigkeit – und warum schiessen allein dennoch nichts nützt.

22. Saison an der Bande des HC Davos: Arno Del Curto.

22. Saison an der Bande des HC Davos: Arno Del Curto. Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

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Arno Del Curto, Sie haben in Ihrem Büro gerade vor dem Interview eifrig mit Fussball-Trainer Heiko Vogel auf der Taktiktafel herumgezeichnet und diskutiert. Ging es für Sie darum, neue taktische Ideen fürs Eishockey zu finden?
Nein, nein. Heiko macht eine Stage in Davos, wir beide schauen gerne über den Tellerrand hinaus. Ich interessiere mich für alle Systeme im Fussball. Mir macht das Spass, wenn mir das erklärt wird. Er wollte nun schauen, wie es im Eishockey läuft. Zudem war er bei Bayern München lange in der Nachwuchsarbeit tätig. Auch über dieses Thema können wir uns austauschen.

In einem Interview mit einer Westschweizer Zeitung sagten Sie kürzlich, in zwei, drei Jahren wieder an der Spitze stehen zu wollen.
Logisch wäre ich dann gerne mit dem HCD an der Spitze. Falls ich dann überhaupt noch dabei bin. (lacht)

Wo steht der HC Davos denn heute?
Wir fallen zwischen Extremen hin und her. Mal im Hoch, mal im Tief. Wir ­haben keine Konstanz. Du spürst, dass einige Zutaten noch fehlen.

Trotzdem gelang Davos auch bei der letzten Niederlage in Bern beim 2:3 ein gutes Spiel.
Es war hervorragend. Der Unterschied ist: Wir spielten an der Grenze. Bern hingegen bringt solche Spiele siegreich zu Ende.

Ihre neuen Ausländer sind für ­Davoser Verhältnisse untypisch. Hier Offensivverteidiger Magnus Nygren, da der kleine Flügelstürmer Broc Little. Beide hatten zu Beginn Mühe, zumindest Nygren läuft es aber immer besser . . .
In unserem schnellen Umschaltspiel sieht man Nygren an, dass er von Fär­jestad kam, wo lange ein traditionelles Eishockey gespielt wurde. Vergessen Sie nicht: Auch ein Perttu Lindgren brauchte ein Jahr, bis er bei uns angekommen war.

Extrem ist der Wechsel von Daniel Rahimi zu Nygren. Fehlt in Davos nun nicht genau der Defensivverteidiger à la Rahimi?
Nicht nur bei uns! Er wird immer noch unterschätzt. In jedem Team sollte es zwei, drei «Rahimi-Typen» haben. Du kannst ja mit insgesamt acht Verteidigern spielen und sie entsprechend einsetzen.

Mit Beat Forster verliess ein weiterer physisch starker Routinier Davos. An der Anzahl Gegentore machen sich die beiden Abgänge noch nicht bemerkbar.
Dort nicht, aber sonst klar schon. Es ist doch logisch, dass ein junger Verteidiger einen Forster nicht einfach so ersetzen kann. Wir merken es zum Beispiel im Boxplay und in der fehlenden Ruhe in der Abwehr. Forster in Bombenform ist immer noch ein Schweizer Spitzenverteidiger.

Flügelstürmer Little aber scheint trotz anständiger Punkteausbeute noch nicht im HCD-System integriert zu sein.
Das merkt er auch selbst und verstrickt sich darum oft in Einzelaktionen. Das ist normal bei einem Goalgetter. Hin und wieder blitzen aber sensationelle Sachen auf. Er braucht Zeit, er wird sie bekommen. Und es fehlt ihm mit dem verletzten Lindgren der vorgesehene Center. Bei uns herrscht wegen den vielen Ausfällen im Sturm ein Wirrwarr, jeder spielt mal mit jedem.

Sie holten Little aus ähnlichen Gründen wie der ZSC Fredrik ­Pettersson. Frei nach dem Motto «Stürmer, die herumpassen, haben wir genug, einer soll schiessen.»
Ja.

Geklappt hat es im Gegensatz zu Pettersson, der in Zürich wie von Sinnen Puck um Puck aufs Tor feuert, nicht. ­«Angesteckt» wurde auch keiner: Bei den Torschüssen figuriert Little ligaweit gerade noch in den Top 20, der erste Schweizer HCD-Stürmer schafft es knapp in die Top 50.
Das ist generell ein Schweizer Problem, über das man stundenlang philosophieren könnte. Nehmen wir nur ein kleines Beispiel: Wenn du bei uns deine Tore nicht schiesst, behältst du trotzdem deinen Platz, weil keiner dahinter wartet, der ihn will. Weil wir zu wenige Spieler haben, um Druck ausüben zu können. Es gibt kein Wundermittel dagegen, darüber reden ist einfach, bringt aber nichts. Als Trainer kannst du nur hartnäckig dranbleiben und Verbesserung anstreben.

Aber eben: Davos fällt da noch ab.
Weil das Team aus zu vielen zusammengestellt ist, die zu verspielt sind: Ambühl, Corvi, Kousal, Lindgren, Dino Wieser – alle verspielt. Hin und wieder fängt auch Marc Wieser damit an. Ich versuche das seit Jahren zu ändern, schaffe es aber nicht. Das ist mein Fehler, das gebe ich zu, auch wenn es für mich nicht einfach ist, damit umzugehen. Aber in Davos können wir auch nicht einen Spieler nach dem anderen verpflichten, um das zu ändern. Wir müssen das mit unseren eigenen Leuten und den Jungen, die nachrücken, schaffen. Und wir legen den Fokus in Davos auf andere Dinge.

Das ist ein Fehler?
Vielleicht. Aber ich glaube nicht. Wir konzentrieren uns aufs Schlittschuh­laufen, auf Skills, Spielzüge, Tempo und darauf, dass der Puck stets in Bewegung ist. Wir könnten uns bei den Jungen nur darauf fokussieren: immer schiessen, immer aufs Tor gehen. Dann aber machst du den Spieler gesamthaft nicht besser. Weil er sich zum Beispiel läuferisch nicht ­entwickelt.

Kann es sein, dass bei spielerischem Talent automatisch die Zielstrebigkeit im Abschluss leidet? Dass beides zusammen kaum möglich ist?
Das stimmt. Aber trotzdem: Wenn in unserem System es für die Spieler schon in jungen Jahren so wäre, dass sie für ihren Job im Eishockey kämpfen müssten, weil sie wüssten, dass es sonst schwierig wäre, gute Jobs zu finden und dass sie aus diesem Grund hofften, ins Ausland in noch bessere Ligen wechseln zu können, weil ihnen ansonsten drohte, im Abseits zu landen, dann wäre es einfacher, Talent und Zielstrebigkeit zu vereinen.

Der ZSC-Schwede Pettersson sagt, dass er mit der ­Mentalität, stets zu schiessen, auch schon wenig Freunde in Teams hatte.
Ich habe kürzlich über ein ähnliches Thema mit meinen Spielern geredet. Wie wir bei uns einander nicht wirklich gerne kritisieren. Ich weiss nicht, wie das für Pettersson ist, wenn Mitspieler finden, er schiesse zu oft – aber das geht mich eigentlich auch nichts an.

Er sagt ja offen, dass ihm das egal sei. Und dass er gleichzeitig einen extrem begabten Mitspieler und Passeur wie Robert Nilsson nicht in Ruhe lasse, ihn gar nerve und auffordere, ­ebenfalls mehr zu schiessen.
Ich habe von der Denkweise her viele Spielertypen wie Nilsson. Aber das darf ja kein Problem sein, damit musst du umgehen können und Lösungen finden.

Erstellt: 02.10.2017, 10:55 Uhr

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