Del Curtos ultimativer Test

Der Mann ist eine lebende Legende im Schweizer Eishockey. Schafft er es auch, die verhätschelten ZSC Lions aus der Komfortzone zu stossen? Er braucht die Peitsche, aber auch Geduld.

So war das erste ZSC-Training unter Arno Del Curto. Video: Aline Bavier und Fabian Sanginés
Video: Freshfocus/Daniela Frutiger

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Als ich am Dienstag die Zeitung durchblätterte, blickte mir ein bekanntes Gesicht entgegen. Aber etwas war anders bei diesem Mann. Er trug ein schön gebügeltes weisses Hemd und einen Veston, und sein Haar war gekämmt – er sah so anders aus als der emotionsgeladene, zerzauste Mann, der jeweils an der Bande herumtigert und tobt. Arno Del Curto ist also der neue Coach der ZSC Lions. Aber welchen Arno werden wir heute bei seinem Einstand in Langnau sehen?

Seine Rückkehr zum ZSC nach einem Vierteljahrhundert muss die aufregendste Neuigkeit im Schweizer Eishockey seit Jahren sein. Und so viele offene Fragen sind damit verbunden. Schafft die lebende Legende den Sprung vom Kurort in die grosse Stadt? Wird er von den Spielern akzeptiert? Kann er sein System anpassen? Oder wohl eher: Wie gut können die ZSC-Cracks sein System spielen? Schafft er es mit seiner feurigen Art, die verhätschelten Zürcher aus ihrer Komfortzone zu stossen? Findet er hier einen Feldmarschall wie Reto von Arx oder Josef Marha, der die ­emotionale Temperatur in der Garderobe kontrolliert und dafür sorgt, dass sich diese aufs Eis überträgt?

Der ZSC-Trainerjob ist vielleicht der härteste und gefährlichste im Eishockey. Das weiss ich aus Erfahrung. Ich habe nicht genug Finger an meinen Händen, um all die Coachs der Lions zu zählen, seit ich sie 2000 nach 39 Jahren wieder zum Titel führte. Aber welchen Effekt hat diese konstante Unruhe auf die Spieler? Was für eine Botschaft wird dadurch an diese Gruppe talentierter Spieler gesendet, die selber zu entscheiden scheinen, wann, ob und für wen sie ihre Leistung bringen? Es ist hier nicht so, dass der Coach die Spieler beurteilt, sondern umgekehrt.

Findet er hier einen Feldmarschall wie Reto von Arx, der die Temperatur in der Kabine kontrolliert?

Del Curto hat rund drei Monate Zeit, um aus den Champions wieder Meister zu machen. Ich wäre gerne eine Fliege in der ZSC-Kabine, um zu sehen, wie die Spieler reagieren, wenn er Spieler oder das ganze Team hart drannimmt. Er will Tempo und Power, und er wird nicht Ruhe geben, bis er es bekommen hat. Diesmal gibt es keinen Ausweg für die Spieler. Entweder bringen sie es zustande, oder ihr Leben wird unangenehm werden. Aber vielleicht ist es ja gerade das, was sie brauchen.

Serge Aubin schaffte es nicht, sie um sich zu scharen. Ich sprach kürzlich mit einem Kommandant der Schweizer Armee über Leadership. «Wenn es nicht läuft im Kampf, werden dich die Generäle über dir nicht beschützen», sagte er. «Wer dann?», fragte ich. «Die Leute, die für dich kämpfen. Die in den Schützengräben mit den Gewehren. Aber sie werden dir nur folgen, wenn du sie gut und mit dem gebührenden Respekt behandelst.» Vielleicht erfüllte Aubin diese Kriterien nicht, und Del Curto sollte diese Botschaft ernst nehmen. Bei seinem kurzfristigen Mandat braucht er keine Unterstützung von oben. Das Management ist «All In» gegangen, wie man im Texas Hold’Em sagt. Aber die grosse Frage ist: Sind es die Spieler auch?

Technisch gesehen ist Del Curtos 22 Jahre altes 2-3-System mit dem Center, der zurücksteht, etwas antiquiert. Und es wird für die Zücher nicht ganz einfach sein, es zu spielen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Maxim Noreau oder Kevin Klein gewillt sind, den Puck immer schnell zu spielen, statt ihn zu führen wie bisher. Es wird ein Kulturwandel sein für die Lions.

Viel Tempo und überraschte Spieler: Der erste Trainingstag mit Arno Del Curto beim ZSC. Video: Aline Bavier und Fabian Sanginés

Was Del Curto sehr gut macht, ist es, die Eiszeit zu verteilen und den Jungen eine Chance zu geben. Angesichts der Grösse, der schlittschuhläuferischen Fähigkeiten und der Breite dieses Teams kann das nur positiv sein. Die Lions können sein donnerndes Eishockey spielen. Die grösste Herausforderung wird für sie sein, nicht immer wieder in alte Gewohnheiten zu verfallen.

In der Vergangenheit mussten erfolgreiche ZSC-Coachs geduldig sein. Im Jahr 2000 spürte ich, dass das Team zusammenkommt, lange bevor die Presse und die Fans auf die Welle aufsprangen. Letzte Saison passierte unter Hans Kossmann nichts vor dem Playoff. Das Gleiche bei Harold Kreis 2008 und Bob Hartley 2012. Arno sollte sich dieser Geschichte bewusst sein. Wenn er zu früh und zu oft die Peitsche schwingt, könnte er seine Chancen untergraben.


Video: Das sagt Arno Del Curtos Sohn

«Ein geiles Gefühl»: Sohn Yannick zum überraschenden Trainerwechsel. Video: Aline Bavier, Fabian Sanginés


Ich habe mit vielen Leuten in der Hockeyszene geredet, und die meisten glauben nicht, dass dieses Experiment funktionieren wird. Ich hoffe es. Für Coach und Motivator Arno Del Curto ist dies der ultimative Test. Ich persönlich habe mit meinen Teams einige erbitterte Schlachten gegen ihn ausgefochten. Ich erlebte, wie seine Spieler meinen die Schulter auskugelten oder den Arm brachen. Absichtlich? Wer weiss das schon.

Aber man muss den unerbittlichen Siegeswillen dieses Mannes bewundern. Er wird den ZSC-Spielern etwas bringen, was sie noch nie zuvor erlebt haben. Ich hoffe, sein neuer, properer Look färbt nicht auf seinen Coachingstil ab. Denn Arno ohne seine verrutschte Brille wäre einfach nicht Arno.

Erstellt: 18.01.2019, 13:10 Uhr

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