Der belohnte Mut des EHC Biel

Mit welchen Coaching-Mitteln, auch furchtlosen, die Seeländer bislang die Kreise der Linie um Liga-Topskorers Kubalik bei Ambri stören.

Illustration Kornel Stadler.

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Der EHC Biel hat die ersten beiden Viertelfinal-Playoff-Spiele der Best-of-7-Serie gegen Ambri gewonnen: 3:1 zu Hause und 3:2 auswärts. Eine Serie gegen Ambri, das ist für die Bieler Coaches auch eine Herausforderung. Denn bei den Tessinern wirbelt mit Dominic Zwerger/Marco Müller/Dominik Kubalik eine der spektakulärsten Sturmlinien der Qualifikation – Kubalik war gar Liga-Topskorer und wurde von den NL-Coaches und - Captains zum MVP gewählt.

Welchen Schlachtplan also aushecken? Wie umgehen mit dem Tschechen, dem in der Regular Season in 50 Spielen 25 Tore und 32 Assists gelangen? Mit einer Spezialbewachung? Zumindest in Spiel 1 in Biel wäre das mehr oder weniger möglich gewesen. Der Vorteil des Heimteams: Die Coaches haben den letzten Wechsel bei Spielunterbrüchen, sie können also darauf reagieren, was der Gegner tut, wen er aufs Eis stellt.

Es gibt Coaches, zum Beispiel Berns Kari Jalonen, die in Heimspielen oft penibelst darauf schauen, wer beim Gegner auf dem Eis ist und entsprechend reagieren. Als beispielsweise der ZSC zuletzt auf den SCB traf, prallte die Zürcher Linie um Topskorer Hollenstein in 17 von 22 Shifts auf die Arcobello-Linie.

Nicht alle ticken gleich

Biels Antti Törmänen und sein Assistent Anders Olsson wählten gegen Ambri in Spiel 1 einen anderen Weg. Dazu zunächst einmal die nackten Zahlen. So coachten Törmänen (der Headcoach ist für die Sturm-Trios zuständig) und Olsson (der Assistent coacht die Verteidiger-Paare) bei den 20 Shifts von Kubalik bei 5-gegen-5 in Spiel 1, brachten folgende Spieler, wenn der Tscheche auf dem Eis stand:

Zuerst die Sturm-Trios:

8 Mal Linie 3 (Künzle/Diem/Riat)
7 Mal Linie 4 (Hügli/Neuenschwander/Schmutz)
4 Mal Linie 2 (Earl/Fuchs/Brunner)
1 Mal Linie 1 (Rajala/Pouliot/Pedretti)

Eine Ausgeglichenheit ist festzustellen, kein extrem forciertes Match-up zu sehen. Auffällig, wie die hinteren beiden Reihen bewusst oft gegen Ambris Top-Trio ran durften. Nur die Paradeformation um den Finnen Rajala und den Kanadier Pouliot vermied Törmänen gegen Kubalik, wann er nur konnte. Das ist ein interessanter Fakt, wie die Zahlen von Spiel 2 zeigen werden.

Doch bleiben wir noch bei Spiel 1: Hier die Verteidiger-Paare, die Biel gegen Kubalik aufs Eis schickte:

6 Mal Forster/Fey
4 Mal Salmela/Kreis
3 Mal Salmela/Sataric
3 Mal Maurer/Moser
2 Mal Forster/Sataric
1 Mal Salmela/Moser
1 Mal Moser/Sataric

Biel spielt mit 7 Verteidigern, also mit drei fixen Paaren sowie Rajan Sataric als Nummer 7 – Assistenzcoach Olsson lässt seine Leute regelmässig rotieren, darum die diversen Kombinationen. Am häufigsten prallten Forster und Salmela (je 8 Mal) auf Kubalik, gefolgt von Fey und Sataric (je 6), Moser (5), Kreis (4) und Maurer (3). Eine bemerkenswerte Ausgeglichenheit mit nur leichter Tendenz zu den beiden nominell besten Kräften. Auffällig auch der Versuch, von den drei fixen Paaren Moser/Maurer am seltensten gegen Kubalik zu bringen.

Was brachten diese Massnahmen in Spiel 1? Kurz zusammengefasst: Die praktisch totale Neutralisierung der Ambri-Paradeformation um Kubalik. Das Top-Trio der Tessiner hatte sogar mit Biels 4. Linie um Center Jan Neuenschwander alle Hände voll zu tun, was Headcoach Cereda besondere Kopfschmerzen bereitet haben dürfte.

Ein paar Beispiele von Kubaliks Shifts in Spiel 1:

Hier gewinnt Biels 4. Linie jeden Zweikampf um eine freie Scheibe, vor allem Kubalik selbst (im gelben Topskorer-Dress) hinterlässt gleich drei Mal einen zwiespältigen Eindruck, lässt die Intensität des Gegners vermissen:

Das gleiche Bild, wenn es Kubalik und Co. gegen Biels 4. Linie endlich in die offensive Zone schaffen: Biel agiert intensiver beim Kampf um freie Scheiben, der Puck ist schnell wieder draussen aus der Gefahrenzone. Ein so simpler und doch so effektiver Shift für Biels 4. Linie:

Es folgt die Kubalik-Linie gegen den «Hauptgegner» des Abends: Künzle/Diem/Riat. Die Tessiner werden ständig bedrängt, Schüsse werden geblockt (Riat), es gibt keine Sekunde Ruhe für die Ambri-Stars – symptomatisch für das ganze Spiel:

Und wenn einmal ausnahmsweise Platz bei einem Konter ist, endet es so oder ähnlich harmlos:

Nun zwei Beispiele, die eigentlich den Traum jedes Auswärts-Coaches darstellen: Kubalik und Co. kommen zum Bully in der Offensiv-Zone, der Heim-Coach bringt dennoch freiwillig seine 4. Linie. Törmänen beweist hier Mut und vor allem ultimatives Vertrauen in seine Spieler – und wird belohnt. In beiden Fällen kommt es sofort zu Konter und Torchance für Biel, aus dem Traum Ceredas wird ein Alptraum: Die 4. Linie des Gegners drückt gegen seine Paradeformation dem Spiel den Stempel auf:

Es wird ein harter Abend für Kubalik, er muss sich bis ins dritte Drittel gedulden, bis er erstmals überhaupt aufs Tor schiessen kann. Biel ist diesmal nicht gefasst, da der Tscheche sich fliegend, vom Gegner unbemerkt, einwechselt. Es ist kein eingeübter Spielzug, das Zuspiel zum Ambri-Topskorer kommt ungewollt vom Bieler Damien Brunner, der den Puck Richtung Kubalik stochert:

Kubalik kommt am Ende zu seinem Skorerpunkt, als Ambri in der Schlussminute mit sechs Feldspielern, ohne Goalie auf 1:2 verkürzt und der Tscheche den Assist liefert. Seine Bilanz ist dennoch durchzogen, bei der 1:3-Niederlage steht er auch bei allen drei Gegentoren auf dem Eis.

Ceredas Reaktion in Spiel 2

Was also tun in Spiel 2? Nun haben Ambri und Headcoach Luca Cereda den Vorteil des letzten Wechsels. Im Gegensatz zu Törmänen nimmt Cereda davon sehr aktiv Gebrauch, wie auch die nackten Zahlen von Spiel 2 zeigen.

Kubalik kommt bei 5-gegen-5 auf 21 Shifts und wird von Cereda in folgender Häufigkeit gegen die vier Bieler Sturmlinien gebracht. Man beachte den grossen Unterschied zu Spiel 1:

10 Mal Linie 4 (Hügli/Neuenschwander/Schmutz)
8 Mal Linie 1 (Rajala/Pouliot/Pedretti)
2 Mal Linie 3 (Künzle/Diem/Riat)
1 Mal Linie 2 (Kärki/Fuchs/Brunner)

Cereda konzentriert sich vor allem auf Biels 4. Linie. Von Biels Linie 3 (Künzle/Diem/Riat) hingegen hält er seine Top-Formation zwei Drittel lang komplett fern, erst im Schlussdrittel prallen diese Formationen erstmals aufeinander. Und interessant: Cereda forciert zwei Drittel lang ebenfalls das Match-up mit der ersten Bieler Linie (Rajala/Pouliot/Pedretti). Also genau jenes Duell, das Törmänen in Spiel 1 als einziges vermeiden wollte. Ob sich Cereda gegen die offensivste Bieler Linie Vorteile für seine eigene Top-Linie erhoffte?

Nun zu den Verteidiger-Paaren. Gegen diese Duos muss Kubalik in Spiel 2 bei 5-gegen-5 ran:

9 Mal Forster/Fey
3 Mal Salmela/Kreis
2 Mal Maurer/Moser
2 Mal Salmela/Sataric
1 Mal je die fünf kurzfristig zusammengewürfelten Paare Kreis/Fey, Sataric/Fey, Forster/Salmela, Sataric/Kreis und Salmela/Fey.

Bei den Verteidiger-Paaren gelingt Biel also ein kleiner «Sieg». Olsson schafft es, Maurer/Moser erneut mehr oder weniger fernzuhalten von Kubalik, wie in Spiel 1 kann er bevorzugt Forster auf den Tschechen ansetzen. Weil Olsson den letzten Wechsel diesmal nicht hat, geschieht dies regelmässig durch fliegende Wechsel, die auch Risiken bergen, vor allem im Mitteldrittel mit den längeren Wechsel-Wegen für Verteidiger, wie ein Beispiel weiter unten zeigen wird.

Am Ende spielt gegen Kubalik am häufigsten Fey (12), gefolgt von Forster (10), Salmela (7), Kreis (5), Sataric (4), Maurer (2) und Moser (2).

Wie wirkt sich das aus in Spiel 2? Einer Partie, in der Ambri grundsätzlich einen viel besseren Eindruck hinterlässt als in Spiel 1 und die Tessiner generell trotz Niederlage am Ende sogar ein Chancenplus besitzen? Was Zwerger/Müller/Kubalik angeht, geht der Teilerfolg dennoch erneut an Biel, und dies hat einen grossen Anteil an Biels (etwas glücklichem) Sieg, wie folgende Beispiele zeigen:

Bereits das allererste Aufeinandertreffen der beiden Top-Formationen nach gut 2 Minuten endet beinahe im Fiasko für die Linie Kubaliks (diesmal im blauen Dress mit der Nummer 81), als Biels Pouliot sogleich entwischt:

Auch mit Biels 4. Linie um Center Neuenschwander hat Ambris-Paradelinie wieder ihre liebe Mühe. Ein Déja-vu aus Spiel 1: Bully in der Offensiv-Zone, der Gegner erobert den Puck, und dann geht es schnell in die andere Richtung:

Das gleiche Bild in Drittel 2: Wieder können sich Neuenschwander und Co. problemlos gegen die Kubalik-Linie lösen und zum schnellen Konter ansetzen:

Kubalik muss sich ins Mitteldrittel gedulden, bis er bei 5-gegen-5 zu seinen ersten Schüssen aufs Tor kommt. Erstmals in der Serie kommt er dabei zu einer klaren Chance, ein schlechter fliegender Wechsel Biels hilft dabei. Der Schuss kommt etwas früh – ob er den Atem des heranbrausenden Beat Forsters spürt?

Doch ansonsten bleibt alles beim Alten. Hier eine symptomatische Szene, wie sehr Ambris Topformation Mühe hat und einmal mehr in einen Konter läuft. Zwerger verliert die Scheibe in der Vorwärtsbewegung, dann geht es schnell, als Toni Rajala von Marco Pedretti lanciert wird:

Was aber passiert, wenn Kubalik Platz hat, zum Beispiel im Powerplay, erfährt Biel schmerzlich beim 1:1-Ausgleichstor Fabio Hofers, das vom Tschechen und Zwerger wunderbar vorbereitet wird:

Aber Powerplay ist eben eine Spezialsituation, bei «normalem» 5-gegen-5 sieht’s anders aus. Das folgende Beispiel zeigt, wie extrem Cereda zwei Drittel lang bedacht ist, Kubaliks Linie bewusst auf zwei bestimmte gegnerische Formationen zu bringen. Es läuft bereits die 39. Minute, zum allerersten Mal treffen Kubalik und Co. nicht auf Biels Linie 1 oder 4, sondern Linie 2 um Jason Fuchs. Es endet (man ahnt's schon …) im (zwar harmlosen) Konter und einem unnötigen Foul Kubaliks an Fuchs:

In der zweiten Pause dürfte sich Cereda seine Gedanken über seine Top-Linie gemacht haben. Nichts läuft wirklich rund bei 5-gegen-5 – darum wohl mal was Neues, sagt sich Cereda. 40 Minuten lang vermied er es, Zwerger/Müller/Kubalik auf Biels 3. Linie um Center Dominik Diem zu bringen – wohl auch nach den Erfahrungen in Spiel 1. In Drittel 3 treffen Kubalik und Co. nun gleich zu Beginn zwei Mal auf Diems Formation – und siehe da: Kubalik lenkt Samuel Guerras Schuss zur 2:1-Führung ab, Forster ist zwar beim Tschechen, kann für einmal aber nicht entscheidend eingreifen. Es ist das erste und bislang letzte Erfolgserlebnis der Kubalik-Linie bei 5-gegen-5:

Es wird dennoch nicht der Abend der Ambri-Paradeformation. Im Gegenteil. Die Krönung für Biels aufsässige 4. Linie erfogt zweieinhalb Minuten vor Schluss: Michael Hügli erzielt das 3:2-Siegtor für Biel. Bei den Tessinern auf dem Eis? Genau: die Top-Linie um Kubalik, die hier wegen eines schlechten fliegenden Wechsels allerdings nicht mehr richtig eingreifen kann:

(Videos: MySports.)

Wie weiter?

Bei Ambri ist klar: Auch wenn Kubalik bei allen drei bislang geschossenen Toren in der Serie seine Hände im Spiel hatte: Bei 5-gegen-5 muss von der Paradelinie mehr kommen, sie darf dem Gegner vor allem aber nicht derart viele Konterchancen offerieren.

Da jede Partie eine neue Herausforderung darstellt, werden die Karten auch vor Spiel 3 am Donnerstag in Biel neu gemischt. Nun hat Törmänen wieder den letzten Wechsel. Wird er dies wieder weniger als Coaching-Mittel einsetzen als Cereda in Spiel 2? Oder reagiert Ambris Headcoach auswärts vermehrt mit fliegenden Wechseln, um Kubalik und Co. nach seinen Wünschen zu positionieren?

Auf jeden Fall dürften beide Coaches noch diverse Asse im Ärmel haben. Der Energie-Haushalt sollte auch noch kein Faktor sein. Sowohl Törmänen als auch Cereda haben ihre Stürmer bislang nicht wirklich forciert, setzten auch in der Abwehr keinen Spieler übertrieben lange oder häufig ein. Das Duell Biel - Ambri (respektive Biel - Kubalik) bleibt spannend, auf diversen Ebenen.

Erstellt: 13.03.2019, 16:01 Uhr

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