Der bunte Hund der weltbesten Hockeyliga

Patrik Laine ist mit 20 bereits bester Torschütze der NHL. Er steht auch als Beispiel für Finnlands Ausbildung, in der sich junge Eishockeyspieler entfalten dürfen.

Patrik Laine, der etwas andere Star der Winnipeg Jets.

Patrik Laine, der etwas andere Star der Winnipeg Jets. Bild: Jussi Nukari/Keystone

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Was ist der Unterschied zwischen einem Rockstar und einem Eishockeystar? Der Rockstar wirft den Fernseher durchs geschlossene Fenster des Hotelzimmers auf die Strasse; der Eishockeystar lässt sich vom Hotelmanagement ein zweites TV-Gerät bringen.

Das tönt zwar nach einem Witz, kommt aber zumindest im Falle von Winnipeg-Stürmer Patrik Laine der Wahrheit sehr nahe. Und ist nur eine von ein paar irren Storys des Finnen, der zwar erst 20 Jahre alt, aber mit 21 Treffern der derzeit beste Torschütze der NHL ist.

Zwei sind besser als einer

Doch warum benötigt er zwei Fernseher? Weil Laine auf Roadtrips mit Nikolaj Ehlers, seinem dänischen Team- und Zimmerkollegen mit Schweizer Vergangenheit, Computerspiele zockt. Und er es nicht mag, auf einem geteilten Bildschirm zu spielen, diese Shooter-Games, bei denen es darum geht, sich auf einem riesigen Areal gegenseitig auf­zuspüren und, na ja, niederzuschiessen.

Denn Ehlers betrüge und schiele auf Laines Hälfte des Bildschirms, um seinen Standort auszumachen. Wobei das eigentlich egal sei, sagt Laine: «Denn ich siege trotzdem. Es gibt keinen passionierteren Gamer als mich.»

Übrigens: Als bei einem Gastspiel Winnipegs auf Manhattan bei den New York Rangers im Hotel kein zweiter Fernseher zur Verfügung gestellt werden konnte, fackelte Laine nicht lange – das kennt man von ihm ja auf dem Eis, wenn es um Schiessen geht. Also kaufte er sich ein TV in einem Elektronik-Shop – das Ding liess er nach der Abreise im Zimmer.

Was wirklich wichtig ist …

Das tönt wie ein völlig skurriles Neben-Kapitel in Laines Leben, für den Finnen persönlich ist es aber ein wichtiges. Zumindest erhält den Eindruck, wer seine Episode im «Players Tribune» liest. Das amerikanische Online-Magazin lässt von Ghostwritern Sportlerporträts in der Ich-Form schreiben, mit intimen Einblicken, über persönliche Schicksalsschläge zum Beispiel.

Bei Laine ist alles ein wenig anders, das zeigt sich schon beim Titel («Winnipeg ist gut!»). Und auch sofort danach: Es werden das Gamen generell sowie Kollege Ehlers «Zerstörung» beim Geballere hervorgehoben. Und schnelles W-Lan: «Das ist vielleicht das Wichtigste überhaupt.» Seinen Tagesablauf beschreibt er mit «Aufstehen-Frühstück-Training-Playstation».

Ein bisschen Spass darf sein – Milde auch

Ja, da darf man kurz den Kopf schütteln. Lachen sowieso. Aber zu viel Wirbel soll deswegen nun auch nicht gemacht werden. Der Flügel ist jung und im Eishockey so gut, weil er ist, wie er ist. Und er tut einer immer sterileren NHL mit PR-geschulten Spielern gut mit seinen lustigen, oft auch seltsamen Interviews.

Patrik Laines Skype-Interview mit dem kanadischen TV-Sender CBC vor dem NHL-Draft 2016.

Zum Beispiel zum in seinem Namen geschriebenen Artikel im «Players Tribune»: Nein, er habe es weder selber geschrieben («Ich schreibe nie, ausser wenn ich Autogramme gebe») noch das Werk des Ghostwriters gegengelesen oder den Text überhaupt irgendwann gelesen.

Trainer betonen immer öfter, wie wichtig es ist, auf Spieler der neuen Generation individuell einzugehen. Sie einzubinden in Entscheide, ihnen nicht bloss vorzuschreiben, was zu tun ist, weil sie sonst nicht funktionieren. Laine steht dafür als Beispiel, das allerdings ein wenig extrem ist.

Das erfuhr auch jener finnische Nachwuchscoach, der ihn vor vier Jahren an einem Länderturnier in der Schlussminute nicht mehr einsetzte und sogleich einen Mittelfinger vor dem Auge und ein paar Drohungen im Ohr hatte.

Der Verband schickte Laine heim nach Tampere zu seinem Club Tappara mit der Bitte, nicht mehr wiederzukommen. Das eigenwillige Riesentalent hatte seinen ersten Skandal.

Die fünf Tore in einem Spiel

Einer, der sich an diese Episode gut erinnert, ist Mikko Leinonen. Der Finne spricht tief und leise, als er sich am Telefon meldet. Eine lästige Erkältung, entschuldigt sich der 63-Jährige aus Tampere. Damit sich seine Stimme aufhellt, braucht es nur zwei Worte: Patrik Laine.

Ein Lächeln huschte ihm auch kürzlich, am 25. November, übers Gesicht, als er nach dem Aufstehen hörte, dass Laine fünf Tore in einem NHL-Spiel geschossen hatte. «Mein erster Gedanke war: So etwas kann nur er!»

Die 5 Tore Patrik Laines in St. Louis.

Leinonen ist seit 1993 mit kurzem Unterbruch Ende der 90er-Jahre General Manager Tapparas, er hat Spieler kommen und gehen sehen beim finnischen Rekordchampion.

Aber wer der Beste in 25 Jahren war, das kann er, ohne nachzudenken, sagen: «Es sind zwei: Laine und Aleksander Barkov.» Barkov ist zwei Jahre älter, spielt ebenfalls in der NHL, bei Florida, und ist ein guter Kollege Laines.

Training auf einem Bein

Für Marko Ojanen ist Laine nichts weniger als der Eishockeyspieler mit dem besten Schuss der Welt. Der 45-Jährige ist ­Assistenzcoach bei Tappara, er lernte Laine kennen, als dieser 16 war, und staunte: «Sein Schuss war bereits gut. Er muss sehr, sehr früh und sehr, sehr oft geübt haben. Arbeiten mussten wir nur noch am Defensivspiel sowie an physischen und mentalen Aspekten.»

Da habe es einiges zu tun gegeben, sagt Ojanen: «Und es brauchte die Einsicht Laines.» Ein Schlüsselmoment sei die U-18-WM 2015 in der Schweiz gewesen. «Danach wusste er, dass auch andere Dinge als der Schuss trainiert werden müssen, um der Weltbeste werden zu können.»

Dieser unglaubliche Schuss: Weggefährten erzählen gerne die Episode, als Laine trotz Knieverletzung und Krücken stundenlang an seinem Slapshot feilte – auf einem Bein.

Der Mentaltrainer: Die Zusammenarbeit wurde vor allem nach dem «Skandal» notwendig. «Sie war eine sehr harte Zeit für ihn», erinnert sich Ojanen.

Aber sie trug schnell Früchte. Laine war 2015/2016, als er Tappara als 17- Jähriger zum Titel führte und alle wichtigen Auszeichnungen der Liga gewann, bereits jene Frohnatur, für die er nun in der NHL berühmt ist.

Nie wäre es ihnen bei Tappara in den Sinn gekommen, Laines Art und Charakter ändern, ihn bremsen zu wollen. «Das wäre dumm und kontraproduktiv gewesen», sagt Ojanen. «Wir wollten, dass er ist, wie er ist.»

Eine goldene Generation

Das kommt nicht von ungefähr. Im Eishockey Finnlands wurde 2009 nach mageren Jahren die Ausbildung grundsätzlich hinterfragt und verändert. Eine der neuen Devisen lautet, in der Entwicklung des Spielers mehr auf das Individuum einzugehen, Stärken zu fördern statt Schwächen auszumerzen.

Nicht nur das Kollektiv wird beschwört, weil so vorher zwar viele gute, aber ähnliche und in keinem Bereich wirklich herausragende Spieler produziert worden waren.

Natürlich hilft da eine goldene Generation, und das Resultat lässt sich sehen. Die NHL wird von finnischen Jungstars geprägt, nicht wenige sind eigenwillige Typen. Laine ist bester Torschütze, Colorados Mikko Rantanen Topskorer, Carolinas Sebastian Aho der Stürmer mit der vielleicht grössten Spielintelligenz.

Leinonen will Laine aber auf eine separate Bühne stellen: «Er ging seinen eigenen Weg. Ich sage immer, er sei amerikanischer als jeder Amerikaner und Kanadier. Er weiss, was er will, es kümmert ihn nicht, was andere über ihn denken. Der durchschnittliche Finne tickt anders.»

Die Schweizer Finnen und Laine

Patrik Laine ist auch für die Finnen in der Schweiz eine besondere Figur. Einige nennen ihn «Pattä», jeder schmunzelt, wenn er seinen Namen hört.

Und alle haben eine eigene Laine-Story parat: Biels Trainer Antti Törmänen spielte im Sommer ein Tennis-Doppel gegen Laine/Barkov und verlor («Aber nur 4:6, und mein Partner war alt»), Davos-Stürmer Perttu Lindgren kennt einen guten Kollegen Laines, der aber nicht über ihn reden wolle.

Aki Näykki, Goalie-Trainer in Bern, erinnert sich an die Saison 2015/16, als er bei Vaasa arbeitete und seine Torhüter von Teenager Laine im Powerplay Tapparas ein ums andere Mal «abgeschossen» wurden.

In jenem Überzahlspiel auch dabei: Henrik Haapala (24), heute Stürmer in Lugano und ein Kollege Laines, der im selben Vorort Tamperes wohnt; die beiden sehen sich jeweils im Sommer. Und er bestätigt: «Patrik ist genau so, wie er sich gibt; das ist alles echt, keine Show. Bei ihm ist wirklich alles so locker.»

«Er kennt eben keinen Druck»

Für die Kritiken zu Beginn der aktuellen Saison, als Laine in den ersten zwölf Spielen nur dreimal traf, habe er nur ein Lachen übrig gehabt, sagt Haapala: «Alle sagten, er sei nun unter Druck, weil sein Vertrag im Sommer auslaufe, er werde darum schlecht spielen. Dann traf er elfmal in vier Partien und ist nun die Nummer 1. Er kennt eben keinen Druck.»

Aber etwas gebe es, da müsse er widersprechen, sagt Haapala – und lacht. Weil er das aus eigener Erfahrung wisse: «Das mit dem Gamen, dass er der Beste sei, das ist gelogen. Er ist nicht gut, er ist sogar richtig schlecht …» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.12.2018, 08:21 Uhr

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