Zum Hauptinhalt springen

Der Dynamo des Schweizer Eishockeys

Mit seiner Leidenschaft befeuerte Arno Del Curto nicht nur den HCD, sondern trug wesentlich zur nationalen Entwicklung bei.

Leidenschaftlich und manchmal gar furios hinter der Bande: Arno Del Curto (62). Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)
Leidenschaftlich und manchmal gar furios hinter der Bande: Arno Del Curto (62). Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Einige Tage, nachdem Arno Del Curto mit seinem HCD den fünften von sechs Meistertiteln gewonnen hatte, trafen wir uns im April 2011 in Uster beim umgebauten Bauernhof eines Freundes zum Interview. Es war ein sonniger Tag, und Del Curto strahlte eine tiefe Zufriedenheit aus. Damals antwortete er auf die Frage, was er in einem Wort sei für die Spieler: «Ein Freund.» Nicht auf dem Eis natürlich, da kenne er nichts. Aber daneben. «Wenn es vorbei ist und sie gut trainiert haben, bin ich so lieb, habe ich so eine Freude und lasse sie das auch spüren.» Und er sagte auch: «Harmonie ist das Wichtigste.»

Die letzten Wochen, ja Monate müssen den Engadiner aufgefressen haben. Denn so weit entfernt von der Harmonie, die ihm so wichtig ist, war der HCD mit ihm noch nie. Man verstrickte sich in Grabenkämpfe, hinter vorgehaltener Hand wurde gelästert, Del Curto witterte eine Verschwörung und spürte, dass er das Team nicht mehr richtig erreichte. Und er musste mitansehen, wie es auf dem Eis Mal für Mal auseinanderfiel. Als es am Sonntag im Hallenstadion wieder einmal ein Erfolgserlebnis feierte, es schlug die ZSC Lions 5:1, nahm er das regungslos hin. Er hatte bereits den Gedanken gefasst, dass dies sein letzter Match an der HCD-Bande sein würde.

Trainer nützen sich ab, werden irgendwann müde und ziehen weiter. Das gehört zum Geschäft. Aber Del Curto war und ist anders. Im Jahr, in dem er beim HC Davos ­antrat, sorgte das geklonte Schaf «Dolly» für Grundsatzdiskussionen. Oliver Bierhoff schoss Deutschland mit dem ersten ­Golden Goal zum EM-Titel. Nokia gab bei den Mobiltelefonen noch den Takt an. Man schrieb 1996.

Wie Alex Ferguson

Die aktuelle Saison war Del Curtos 23. mit den Bündnern. Man darf ihn durchaus mit Alex Ferguson vergleichen, der Manchester United von 1986 bis 2013 trainierte und zu einer Macht im englischen Fussball machte. Die 27 Jahre Fergusons, die HCD-Präsident Gaudenz Domenig einmal scherzhaft zur Marke erhob, die Del Curto noch übertreffen müsse, schaffte er zwar nicht ganz. Doch wie Ferguson war er in seinem Sport eine Figur, deren Einfluss weit über den eigenen Club hinausging. Er war der Dynamo, der das Schweizer Eishockey antrieb. Mit seinem Tempostil, seiner Leidenschaft, seiner Akribie und seinem Feuer im Training. Er warf die Jungen ins kalte Wasser, machte nicht nur seine Spieler besser, sondern auch die Liga.

Nur einmal mussten die Bündner unter ihm um die Playoff-Qualifikation bangen: Im Winter 1999/2000, als Del Curto zwischen dem Spital in St. Moritz und Davos pendelte, weil sein krebskranker Vater im Sterben lag. Die Spieler nützten ihre plötzlichen Freiheiten aus, doch als es Ernst galt, rauften sie sich dann doch zusammen und spielten für ihren Coach. Und nachdem die Bündner 2002 erstmals mit Del Curto Meister geworden waren, blickten sie nicht mehr zurück. Von 2005 bis 2011 holten sie jedes zweite Jahr den Titel – in den ungeraden Jahren war ­ihnen nicht beizukommen.

Der Spengler-Cup ohne Arno Del Curto ist wie Weihnachten ohne Baum.

Auf die Frage, ob er nie satt werde, pflegte Del Curto zu antworten, er strebe das perfekte Spiel, die vollendete Sinfonie an – und davon sei er noch weit entfernt. Die Arbeit gehe ihm also nicht aus. Seine Eishockey-Philosophie entwickelte er nach 1993, nachdem er beim ZSC entlassen worden war. Er tauchte in fremde Hockeykulturen ein, war fasziniert von der Technik der Russen und der Härte und dem Siegeswillen der Kanadier, bewunderte Wiktor Tichonow und Scotty Bowman und heckte seinen eigenen Stil aus. Nächtelang brütete er über Spielsystemen, Trainingsmethoden, Führungsphilosophien, Teamdynamiken. Und um sich zu inspirieren, orientierte er sich an den Besten, am Basketballer Michael Jordan oder an den NHL-Teams.

Symbiotische Beziehung zur Mannschaft

In einer Zeit, als man das NHL-Playoff noch nicht am Computer oder dank Schweizer TV-Anbietern schauen konnte, fuhr er spätabends mit dem Auto nach Zürich, wo ein Journalist «Skysports» via England abonniert hatte und die Spiele gezeigt wurden. In der Nacht fuhr er wieder zurück nach Davos. Und als die NHL 2004/05 wegen des Lockouts pausierte, zögerte er nicht und engagierte Joe Thornton, Rick Nash und Niklas Hagman. «Big Joe» Thornton, einer der profiliertesten NHL-Cracks, trainierte seitdem stets zur Saisonvorbereitung bei Del Curto in ­Davos. Das sagt einiges aus.

Dass der 62-Jährige so lange am gleichen Ort so erfolgreich sein konnte, hat nicht nur mit seiner Passion für diesen Sport zu tun, sondern auch mit seinem Umgang mit den Spielern. So fordernd er war, er sah sie nicht als Schachfiguren, sondern interessierte sich für die Menschen, half ihnen auch, wenn sie einmal Probleme abseits des Rinks hatten. Das ­Zusammensein mit den Spielern halte ihn jung, sagte er einmal. Durch sie schnappe er die Trends auf, bei der Mode, der Musik, beim Essen und beim neusten Slang.

Seine symbiotische Beziehung zur Mannschaft ging so weit, dass die Verträge gewisser Schlüsselspieler daran geknüpft waren, dass er der Trainer ist. Und man sprach wie bei einer Glaubensgemeinschaft von den «Zeugen Del Curtos».

Alles Werben war umsonst

Ein Abgang war für ihn daher in all den Jahren nie ernsthaft ein Thema, obschon sich Topclubs wie der ZSC, SCB und Lugano um ihn bemühten. Und Ex-Verbandspräsident Philippe Gaydoul gelang es nicht, ihn davon zu überzeugen, Nationaltrainer zu werden. Nun ist es Patrick Fischer, Del Curtos früherer Captain, der stark von ihm geprägt ist.

Die Leistungen des HCD ­waren stets ein Seismograf für Del Curtos Stimmung. Auch in diesem Winter. Er wirkte schon frustriert, bevor die Saison begann. «Es war das Jahr zu viel», sagte er nun nach seinem Rücktritt, ohne konkret auf die Probleme einzugehen. Bald steht der Spengler-Cup an. Der erste seit 1995 ohne Del Curto. Das ist wie Weihnachten ohne Weihnachtsbaum. Er wird fehlen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch