Der Erbe Del Curtos

Der Nationalteamdirektor geht als Sportchef zum abstiegsgefährdeten HC Davos. Für Swiss Ice Hockey bedeutet der Abgang von Raeto Raffainer einen schweren Verlust – zumal er wohl nicht allein geht.

Richtungswechsel: Raeto Raffainers Tage beim Nationalteam sind gezählt.

Richtungswechsel: Raeto Raffainers Tage beim Nationalteam sind gezählt. Bild: Andy Müller (Freshfocus)

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Für die einen geht es um «eine anerkannte Schweizer Hockeypersönlichkeit», die man als Sportchef verpflichtet habe. So schrieb das der HC Davos gestern in einer Medienmitteilung. Für die anderen dagegen ist Raeto Raffainers Abgang «ein Riesenverlust». So sagt das Michael Rindlisbacher, der Präsident von Swiss Ice Hockey (SIHF). Ein Jahr vor der Heim-Weltmeisterschaft verliert der Verband jenen Mann, der massgeblich jene Strukturen aufbaute, die 2018 im Kopenhagener WM-Silber gipfelten.

«Ich kann Davos nur gratulieren», so Rindlisbacher. Er habe alles versucht, Raffainer zu halten. Aber es sei «eine Herzensangelegenheit» gewesen.

So klare Worte lässt sich der 37-Jährige selbst nicht entlocken. Vor allem, weil er ja weiterhin Angestellter der SIHF ist. Bis Ende August läuft sein Vertrag noch, einen weiteren Monat würde er dem Verband aus Loyalität zur Verfügung stehen. Liebesschwüre nach Davos sind das Letzte, was er da brauchen kann.

Spätestens am 1. Oktober wäre demnach Arbeitsbeginn im Landwassertal. Dabei wissen alle Parteien, dass dieser Zeitplan utopisch ist. Wie utopisch, dürfte sich schon am Mittwoch bei der Ligaversammlung im bernischen Ittigen zeigen.

«Egal, in welcher Liga»

Doch erst zu Davos. Das En­gagement Raffainers ist genau jenes Lebenszeichen, das der Traditionsclub dringend brauchte. Exakt zwei Tage nachdem er erstmals seit 1993 endgültig das Playoff verpasst hat, zeigt der HCD, wie er in die Zukunft will: mit einem jungen Manager, der bewiesen hat, dass er Strukturen aufbauen und bewirtschaften kann. Davos, wo in zwei Jahrzehnten professionelle Entscheidungswege durch das Wort von Trainer, Sportchef und Erfolgsgarant Arno Del Curto ersetzt wurden, hat genau das nötig.

Einst zog der Engadiner Raffainer nach Davos, besuchte dort das Sportgymnasium, debütierte unter Del Curto in der höchsten Liga, wechselte dann ins Unterland. Nun kehrt er zurück. Mit 37 und als Hoffnungsträger eines Clubs, der in zwei Jahren seinen 100. Geburtstag feiert. Und zwar so oder so mit Raffainer – denn Abstiegsgefahr besteht nach wie vor. «Ich habe mich entschieden für den HCD», bekräftigt der künftige Sportchef, «egal, in welcher Liga.» Bis dann werden seine Aufgaben wie bisher von René Müller erledigt.

«Ein Riesenverlust»

Für die SIHF aber ist der Abgang Raffainers mehr als «ein Riesenverlust». Sie steht unter Spardruck, sucht noch immer einen Geschäftsführer und musste nach dem Abgang von CEO Florian Kohler auch das Präsidium des WM-Organisationskomitees neu besetzen.

«Ich kann nur sagen: Ich werde mit vollem Einsatz in diese WM gehen»Raeto Raffainer

Diese Positionen mögen nicht alle miteinander verbunden sein. Doch ein Jahr vor der Heim-WM zeugen sie von Unruhe im Schweizer Eishockey. Und die wird kaum kleiner: U-20-Nationalcoach Christian Wohlwend passt perfekt zum Ideal des jungen, mutigen Schweizer Trainers, das Raffainer stets propagierte. Wohlwend, auch er Engadiner, war schon im Dezember im Gespräch als Del-Curto-Nachfolger. Sein Vertrag beim Verband enthält eine Ausstiegsklausel – es wäre keine Überraschung, würde er seinem Intimus nach Davos folgen.

Nachfolge ist Chefsache

Die Beteiligten betonen lieber anderes. Raffainer erklärt, wie für die WM 2020 organisatorisch alles «picobello vorbereitet» sei: Logistik, Hotels, Testgegner, Trainings. Und die laufende Saison samt U-18-WM, Frauen-WM und Männer-WM in der Slowakei, wo es um die direkte Olympiaqualifikation geht, will er sowieso zu Ende bringen: «Ich kann nur sagen: Ich werde mit vollem Einsatz in diese WM gehen.»

Rindlisbacher hat die Raffainer-Nachfolge zur Chefsache erklärt. Er führt eine Liste, die Ende Monat im Nationalteamkomitee vorgelegt wird mit dem Ziel, bis Ende März einen Entscheid zu haben. Danach soll Raffainer den Neuen einarbeiten – und mit Davos nichts zu tun haben. «Bis zu seinem Abgang wird er zu hundert Prozent für uns und nur für uns tätig sein», glaubt der Präsident. «In diesem Punkt bin ich nicht kompromissbereit.»

Was aber geschieht, wenn der HCD bald Junioren von Konkurrenten holt? So, wie das vor 23 Jahren der damalige U-20-Nationaltrainer Del Curto tat? Stört es die Konkurrenz dann wirklich nicht, wenn der Nationalteamdirektor auch künftiger Davos-Sportchef ist? Die Diskussionen, die es bei den Clubs dazu am Mittwoch in Ittigen gibt, dürften erst der Anfang sein.

Erstellt: 11.02.2019, 21:37 Uhr

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