Der geschichtsträchtige Moment und ein paar Dissonanzen

Das erste Gastspiel Arno Del Curtos als ZSC-Trainer vor mehr als einem Vierteljahrhundert fiel in die bisher letzte Chaosphase des Stadtclubs, erinnert sich Werner Schweizer.

Das waren noch Zeiten: Wladimir Krutow (l.) unterhält sich mit Arno Del Curto.

Das waren noch Zeiten: Wladimir Krutow (l.) unterhält sich mit Arno Del Curto.

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Die alte Halle in Oerlikon steht still. Wladimir Krutow setzt langsam zum entscheidenden Penalty für den ZSC an. Fast möchte man den müden «Tank» schieben. Er lässt den Puck ins Tor gleiten, dreht ab, vermag den Stock kaum mehr zu seiner typischen Jubelpose zu heben. Luganos Goalie Christophe Wahl ist offenbar angesichts des Nimbus des sowjetischen Altmeisters wie paralysiert. Die Qual des Wahl löste auf den Rängen eine Euphorie aus, wie sie die Halle noch nicht erlebt hatte. Der ZSC hat seine erste Playoff-Serie gewonnen und erst noch gegen das Grande Lugano von John Slettvoll.

Das erste Spiel von Del Curto im Hallenstadion. Video: Tamedia

Die Anhänger überfluten das Eis, stossen Krutow zu Ehrenrunden herum. Man hat den besten linken Flügel der Welt ein Jahrzehnt lang bewundert, jetzt steht er da, atemlos, kraftlos, wortlos. Die Freiheiten des Westens, die er nach der Kasernierung in Moskau genoss, haben seinen Körper praktisch ruiniert. Geblieben sind sein Talent und seine genialen Hände. Krutow in einer Profiliga ist nur noch im Sonderfall ZSC möglich. Es ist eine Mischung aus Verehrung und Mitleid, die ihn in Zürich hält und trägt. Für Arno Del Curto endet das erste Kapitel als ZSC-Trainer, das am 12. November 1991 begann, mit einem historischen Erfolg. Er verlässt die Halle, fährt zum Bellevue, weg vom grossen Trubel. Der Besuch im Commercio nach dem Spiel ist zum Ritual geworden.

Zufällig trifft er Kent Nilsson. Der «Magic Man» ist mit Kloten schon Tage vorher ausgeschieden und nun auf der Suche nach dem Nachtleben.

Logischer Aufstieg: Küsnacht, Herisau, dann der ZSC

Der Alltag nach der Ablösung von Pavel Wohl im Herbst forderte von Del Curto alles ab. Er sah sich Spielern gegenüber, die den Wechsel offen kritisierten. Der milde Prager Professor liess Larifari in den Trainings zu. Der neue Mann zeigte ungleich mehr Engagement und Enthusiasmus. Beim Erstligisten Küsnacht und dann eine Stufe höher in Herisau waren Ansätze seines anvisierten Tempospiels sichtbar. Spötter nannten den Bewunderer des sowjetischen Lauf- und Passspiels Del Curtow. Er war ausserdem konfrontiert mit der Abhängigkeit des Clubs von Hallenstadion-Direktor Sepp Voegeli, dem fehlenden Unterbau im ZSC, der finanziellen Gratwanderung. Und dem Moskauer Problemfall.

Wladimir Krutow, einst der weltbeste linke Flügel, pflügt sich mit Sergej Prijachin durch die ZSC-Fans. (Bild: Mogilny)

Krutow präsentierte sich im Herbst in lamentabler körperlicher Verfassung, nicht viel besser als in seiner ersten Saison. Del Curto verordnete ihm und Sergej Prijachin Lauftraining auf der Finnenbahn beim Zoo. Um das Duo zu kontrollieren, lief er selber mit – wie auch Prijachins Gattin Larissa.

Der vollamtliche Betreuer hatte Krutow zu wecken und pünktlich im Training abzuliefern. Am Abend sollte er als Begleiter Eskapaden verhindern. Als Klagen über eine Alkoholfahne des Russen im Hallenstadion auftauchten, erwarb Del Curto einen Promillezähler, brachte ihn aber nie zur Anwendung. Daneben suchte er das Gespräch, liess sich von Krutow Trainingsformen von ZSKA Moskau erklären. Der einstige Lieblingsschüler von Wiktor Tichonow fand, die ZSC-Verteidiger seien alle viel zu offensiv eingestellt. Es entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis.

Mit Superstars gespickte NLA

Doch die Zeit der Nostalgie, die Zeit Krutows in Zürich lief ab. Del Curto, der sich nun auch um die sportlichen Belange des ZSC kümmern musste, sah sich nach zwei ausländischen Topstürmern um und fand das kanadische Duo Sherven/Derkatch, das in Rosenheim die deutsche Liga rockte. Die Nationalliga A war in diesen Jahren gespickt mit Superstars. Der SCB als dominierende Macht hatte Rexi Ruotsalainen und Alan Haworth aus der NHL, Fribourg bot den Russenzauber mit Bykow/Chomutow, Kloten fuhr auf der schwedischen Schiene mit Eldebrink, Nilsson oder Johansson Richtung Titelserie.

Krutow (l.) und Prijachin sitzen nebeneinander auf der Spielerbank der Zürcher. (Bild: Mogilny)

Doch auch mit Kanada-Power und Schweizer Zuzügen wie Jungstar Michel Zeiter oder Luganos Meister Andy Ton kam der ZSC nicht in die vordere Hälfte der Tabelle. Del Curto sortierte Dale Derkatch, der das Tor nicht mehr traf, nach 13 Spielen wieder aus. Die Konkurrenz war dem ZSC in jeder Beziehung einen Schritt voraus.

Forderung nach besseren Ausländern

Vor der dritten Saison Del Curtos wurden die Liquiditätsprobleme des Clubs offensichtlich. Der Trainer wartete auf einen Vertrag, seine Vertrauten zogen sich zurück. Eine Gruppe von ZSC-Gönnern bastelte an einem Machtwechsel. Del Curto, der bei den jungen Spielern schon damals einen hervorragenden Ruf genoss, lockte Claudio Micheli, Edgar Salis oder Vjeran Ivankovic ins Hallenstadion. Dazu setzte er erneut auf russische Stürmer – Prijachin und Wladimir Jeremin. Das passte einigen arrivierten Spielern gar nicht, sie wurden vorstellig und forderten bessere Ausländer. Andere Zeichen machten deutlich, dass der ZSC vier Jahre nach dem Aufstieg vor einer ungewissen Zukunft stand. Als bei Jeremin einmal mehr keine Lohnzahlung auf dem Konto war, half ihm der Trainer persönlich aus. Ende Oktober entliess ihn der ZSC nach ein paar Niederlagen.

Die Zuschauer feierten danach den Engadiner, den ersten Trainer, der ihre Sprache gesprochen hatte. Nun ist er wieder da.

Erstellt: 20.01.2019, 07:57 Uhr

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