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Der HCD torpediert sich selbst

Erst behandelt die sportliche Führung das Heimturnier wie jeden anderen Wettkampf. Dann attackiert der Coach das Publikum. Davos hat ein hausgemachtes Problem.

Abschied mit betretenen Mienen: Die Davoser Félicien Du Bois, Yannick Frehner und Enzo Corvi (vorne von links). Fotos: Duchene/Ehrenzeller (Keystone)
Abschied mit betretenen Mienen: Die Davoser Félicien Du Bois, Yannick Frehner und Enzo Corvi (vorne von links). Fotos: Duchene/Ehrenzeller (Keystone)

Nur einmal sprang beim Out des HCD der Funken über. Am Sonntag gegen Turku, als eine Bandentür per Schweissbrenner repariert werden musste. Kurz darauf schossen die Finnen das Führungstor, dann das 3:1. Und um halb sechs war das Fiasko perfekt. Der HCD hatte hoch gepokert und alles verloren: das Spiel, jede Menge Goodwill, ein Stück Glaubwürdigkeit. Und ziemlich sicher einiges an Geld.

Als hätte es das noch gebraucht, beklagte danach der Coach die fehlende Unterstützung von den Rängen. Es war der Tiefpunkt einer 24-stündigen Selbstzerstörung, die vor allem etwas zeigte: eine an Naivität grenzende Fehleinschätzung der Davoser Sportabteilung.

Ohne den Spengler-Cup wäre der HCD auf höchstem Niveau schlicht nicht überlebensfähig.

Chefcoach Christian Wohlwend und Sportchef Raeto Raffainer sind neu in ihren Positionen. Beide kamen im Sommer, beide kamen aus einem Nationalmannschaftsprogramm, für dessen Erfolg sie massgeblich verantwortlich waren: Raffainer als Direktor an der Spitze, Wohlwend als Trainer der U-20. Beide haben bewiesen, dass sie Erfolg nicht nur mit allen Mitteln anstreben, sondern auch erreichen können. Zuletzt in der Meisterschaft, wo der HCD mit klarer Handschrift überzeugt. Sie arbeiten seit Jahren zusammen, denken ähnlich, sind gute Freunde.

Das ist der Cocktail, der dem HCD gestern um die Ohren flog.

Denn Wohlwend und Raffainer machten den Fehler, auch am Heimturnier auf ihr Erfolgs­rezept zu vertrauen. Und zwar radikal: Weil die direkte Halb­finalqualifikation vor dem Samstagsmatch gegen das Team Canada höchst unwahrscheinlich war, fällten sie eine sportlich motivierte Entscheidung. Und schonten ein halbes Dutzend Ausländer in der Hoffnung, im entscheidenden Turku-Match dann umso stärker zu sein. Das Publikum, das beim vermeintlichen Schlagerspiel HCD gegen Team Canada bis zu 180 Franken pro Sitz bezahlt hatte, fand in dieser Rechnung keinen Platz.

Grandioses Scheitern

Die Clubführung wurde über diese Pläne im Vorfeld informiert. Auch wenn sie ihr kaum gefallen haben dürften: Stoppen wollte oder konnte sie das Duo, das bisher so gute Arbeit leistete, nicht. Dabei müssten im Club eigentlich alle wissen, dass beim Spengler-Cup nicht der Sport im Zentrum steht. Sondern die Unterhaltung, die einmalige Stimmung, die Show. Und ganz am Ende: das Geld. Ohne den Spengler-Cup wäre der HCD auf höchstem Niveau schlicht nicht überlebensfähig.

Womöglich liess sich die ­Führung auch anstecken vom sportlichen Ehrgeiz der ­Neuen: Ihr Kalkül hätte ja auch aufgehen können.

Doch es scheiterte grandios. Gegen die Kanadier, als der HCD frühzeitig die weisse Fahne hisste, mit nur drei Sturmlinien antrat, 1:5 unterging und damit viele unzufriedene Zuschauer ­hinterliess. Und am Sonntag, als die Finnen – auch sie mit zwei Spielen an zwei Tagen in den Beinen – das Heimteam aus dem Turnier warfen.

Fehlende Unterstützung

So weit, so nachvollziehbar. Ein «Learning» nannte Raffainer nach dem Out dieses Wochenende. Kaum vorstellbar, dass er sich seine sportliche Radikalität auch am Spengler-Cup 2020 bewahrt.

Nur hat der HCD noch ein akuteres Problem. Denn Trainer Wohlwend thematisierte nach seiner debakulösen Spengler-Cup-Premiere noch das Publikum. Nicht, weil er es am Vortag um ein packendes Spiel gebracht hatte. Sondern weil es ihm an Unterstützung fehlte.

«Haben Sie die Ambri-Fans erlebt?», fragte der 42-Jährige in die Journalistenrunde, «die waren etwa doppelt oder dreifach so laut wie unsere Fans. Aber vielleicht waren unsere Fans ja auch gar nicht da.» Auf den Einwand, das Publikum am Spengler-Cup sei doch ein anderes als in der Meisterschaft, legte Wohlwend nach. «Das mag sein. Aber dann sind es nicht unsere Fans. Dann sind es einfach Schweizer Eishockeyfans.»

«Einfach Schweizer Eishockeyfans?» Wohlwend dürfte diese Worte längst bereuen. Doch falls die sportliche Führung den Spengler-Cup auch künftig als sportliche Zweiklassengesellschaft begreift anstatt als Unterhaltungsprodukt, kann es sich die Clubführung nicht leisten, weiter nur zuzuschauen.

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