Der Kopf sagt Ja, das Herz nicht

Wer wird Meister? Der ZSC ist der logische Tipp. Aber Talent allein trägt ihn nicht weit.

Mit diesem Team muss Coach Marc Crawford einfach gewinnen: Der ZSC vor einem Spiel.

Mit diesem Team muss Coach Marc Crawford einfach gewinnen: Der ZSC vor einem Spiel.

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Als ich am Samstagabend im Teleclub-Studio in Volketswil sass und mir die letzte Runde der Qualifikation zu Gemüte führte, musste ich mich fragen, in welchem Land ich war. Don Cherry, der König der martialischen Eishockey-Video­serie «Rock’em Sock’em» (Schüttle sie! Schlage sie!), hätte seine wahre Freude gehabt am Schweizer Eishockey. Fäuste flogen wie bei Kneipenschlägereien, Spieler krümmten sich auf dem Eis, überall lagen Ausrüstungsteile. Es machte Spass zuzuschauen, aber es war brutal.

Was am Wochenende passierte, ist unentschuldbar. Es ist schwer zu sagen, ob die Coaches ihre Spieler angewiesen hatten, so zu spielen. Oder ob jene einfach ihre Nerven spürten, die vor dem Playoff auf magische Weise auf­tauchen. Aber ich bin noch einmal bereit, beide Augen zuzudrücken. Die Coaches wünschen sich bestimmt dieselbe Kampfeslust, wenn es morgen losgeht. Und einige Spieler definierten schon einmal den Standard fürs physische Spiel, den sie sich auch von ihren Teamkollegen wünschen.

Einweg-Ticket in die Ferien

Ich glaube allerdings nicht, dass schmutziges Spiel die Norm sein wird im Playoff. Denn seinem Gegner zu viele Powerplays zuzugestehen, ist ein Einweg-Ticket in verfrühte Sommer­ferien. Die wilden Geschehnisse sind aber ein Indikator dafür, dass die Spieler bereit sind und wir auf dem Weg zum Titel grossartige Unterhaltung sehen werden.

Viele haben mich gefragt, auf ­welches Pferd ich im Playoff setzen würde. Die sicherste Wahl muss der ZSC sein. Aber ist er auch die beste? Coach Marc Crawford hat den schwierigsten Job im diesjährigen Playoff. Denn mit einem Team, wie er es hat, muss man einfach gewinnen. Zürich erinnert mich an die Montreal Canadiens der Siebzigerjahre, die mit Guy Lafleur und Jacques Lemaire zu sechs Stanley-Cups stürmten. Sie spielten in einer eigenen Liga.

Zuerst will ich das Feuer in den Augen der Lions sehen.

Doch es gibt einen grossen Unterschied zwischen jenen Canadiens und den heutigen Lions: Die Canadiens konnten auf jede Weise spielen, die nötig war. Sie konnten einen in einer dunklen Gasse schlagen, mit den Fäusten, aber auch auf dem Eis. Bei den Lions ist das anders. Jeder ihrer Gegner weiss, dass er in der Disziplin Eishockey keine Chance hat. Also wird er versuchen, sie in einen erbitterten Kampf zu verwickeln. Und das ist für die Zürcher gefährlich. In dieser Saison fuhren sie fast immer im Auto­piloten. Nun müssen sie hochschalten.

In den letzten beiden Jahren kostete sie ihre Genügsamkeit beinahe einen Platz im Final. Es fragt sich: Können sie diesmal mehr Intensität und Emotionen entwickeln? Wie schafft es der Coach, das Team zum Playoff-Start aus seiner Komfortzone zu locken? Oder ist es dafür schon zu spät? Morgen Abend wird der SCB alles checken, was sich bewegt, um die flinken ­Zürcher zu bremsen. Doch gerade dies könnte für Crawford ein Segen sein. Als Hall-of-Famer Frank Mahovlich in den Sechzigerjahren für die Toronto Maple Leafs spielte, hiess es in der Liga: «Checke ihn nicht, sonst weckst du ihn!»

Bitte nicht wecken

Natürlich würden die Lions am liebsten nicht berührt werden. Doch genau das könnte sie aufwecken. Als ZSC-Coach würde ich es lieben, wenn Luca Cunti im ersten Einsatz an die Bande gewuchtet würde. Dann Roman Wick. Dann Auston Matthews. Robert Nilsson.Und so weiter. Jeder meiner Spieler müsste beim Bully ins Gesicht seines Gegners schauen und sich sagen: «Ich bin schneller, stärker, härter als du! Du kannst mich nicht stoppen. Ich werde durch dich hindurchgehen, wenn es nötig ist!» Diese Mentalität würde den ZSC Lions den Titel schon fast garantieren.

Den Viertelfinal werden sie auch ohne diese Attitüde überstehen. Weil sie schlicht zu talentiert sind für diesen SCB. Aber weiter werden sie nicht kommen, wenn sie sich nur auf ihr Talent verlassen. Crawford muss das realisieren und gewisse Anpassungen vornehmen. Physische Leader wie Chris Baltisberger, Fabrice Herzog und Reto Schäppi müssen viel Eiszeit bekommen, um einen neuen Standard an Intensität zu setzen. Und jeder muss dazu beitragen. Jeder muss seine Checks fertigmachen. Die SCB-Serie muss den Zürchern dazu dienen, diese Einstellung zu entwickeln.

Der HCD wird im Final warten

Das beste Eishockey wird dann gespielt, wenn es einem der Gegner schwermacht, das Talent zu nutzen. Ich will sehen, wie Luca Cunti mit seinem Speed seine Gegner über­fordert. Ich will sehen, ob Auston Matthews wirklich alles hat zum NHL-Star. Ob er seine Klasse auch ausspielen kann, wenn es ihm schwergemacht wird. Ich will sehen, dass die Zürcher wild entschlossen sind zu zeigen, dass der Titel nur über sie führen kann. Einsatz für Einsatz. Abend für Abend.

Sollten sie in den Final kommen, ich bin mir fast sicher, dass dort der HC Davos warten würde. Denn die Bündner haben ein Teamethos, das im Schweizer Eishockey seinesgleichen sucht. Schauen Sie einmal, wie verbissen Andres Ambühl, Marc Wieser oder Dario Simion um den Puck kämpfen. Sie starten, stoppen, schlagen drein, ­drücken und hacken auf ihrer unablässigen Jagd nach diesem Stück vulkanisiertem Gummi. Sie spielen nicht dreckig, sondern inspiriert. Das Davoser Tempo wird im Playoff gewaltig sein. Wer den HCD bezwingen will, muss mit seiner Intensität gleich­ziehen oder sie sogar übertreffen. Ein schwieriges Unterfangen.

Ich bin mir sicher, dass sich in den Bäuchen der ZSC Lions ein Charakterzug versteckt, der nur darauf wartet, hervorgelockt zu werden. Aber würde ich darauf wetten? Mein Kopf sagt Ja, mein Herz ist noch unschlüssig. Zuerst will ich das Feuer in den Augen der Lions sehen. Erst dann lasse ich mich überzeugen, dass sie wirklich die beste Wahl sind. Wie ich diese Zeit des Jahres liebe!

Kent Ruhnke führte Biel (1983), den ZSC (2000) und Bern (2004) zum Titel. Das Playoff begleitet er für Tagesanzeiger.ch/Newsnetmit seinen Kolumnen.

Erstellt: 01.03.2016, 19:44 Uhr

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