«Der liebe Gott sagte mir: Du schaffst es!»

Der Davoser Coach Arno Del Curto träumt auch mit 58 noch vom perfekten Eishockey.

Arno Del Curto vor seinem 19. Spengler-Cup: «Ich spüre das Alter nicht.»

Arno Del Curto vor seinem 19. Spengler-Cup: «Ich spüre das Alter nicht.» Bild: Keystone

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Im Kurort am Zauberberg herrscht die Ruhe vor dem Sturm. Nicht nur auf den Loipen, auch beim HC Davos. Arno Del Curto gibt seinen Spielern ein paar Tage frei, ehe mit dem Spengler-Cup nach Weihnachten eine der hektischsten Wochen ansteht. Für ihn ist es der 19. Spengler-Cup. Der Engadiner ist längst der dienstälteste Trainer weltweit. 1996 trat er beim HCD an und führte ihn zu fünf Meistertiteln. Doch zuletzt scheiterten die Bündner dreimal im Viertelfinal.

Mit einem verjüngten Team steht Del Curto nun auf Rang 1, doch die jüngsten Leistungen passen ihm gar nicht. Von seiner Leidenschaft hat er mit den Jahren nichts eingebüsst. Mit 58, da andere die Pension herbeisehnen, ist er immer noch auf der Suche nach dem perfekten Eishockey. Er sagt: «Ich spüre das Alter nicht. Ich habe das Gefühl, ich habe heute noch mehr Pfupf als vor 30 Jahren.» Die Festtage sind für viele eine besinnliche Zeit, für Sie sind sie wegen des Spengler-Cups besonders intensiv. Kommen Sie überhaupt dazu, traditionell Weihnachten zu feiern?

Nein. Ich weiss nach so vielen Spengler-Cups gar nicht mehr, was Weihnachten ist. Wenn ich die Lichterketten sehe, realisiere ich: Jetzt kommt Weihnachten. Aber richtig gefeiert habe ich sie lange nicht mehr. Ich versuche, kurz über die Weihnachtsgeschichte nachzudenken. Zu mehr reicht es nicht. Am 22. und 23. spielen wir noch in der Meisterschaft. Am 25. treffen die Verstärkungsspieler ein. Am 26. geht es los. Am Spengler-Cup fokussiert sich vieles auf mich. Alle wollen mit mir reden. Journalisten, Manager, Scouts, Agenten, Freunde und Bekannte von früher. Und weil ich ein so lieber Mensch bin, wimmle ich selten jemanden ab. Aber manchmal wird es mir zu viel. Dann nehme ich Schleichwege oder bleibe in der Trainerkabine.

Was bedeutete Ihnen Weihnachten als kleiner Junge?
Ich wuchs nach alter Schule auf, damals mussten wir noch richtig feiern. Wir hatten ein klares Prozedere vom Morgen bis zum Abend. Mit Kirchgängen, Weihnachtsessen, der Neugierde auf die Geschenke. Und da ich Süssigkeiten liebe, ass ich wie wild Schokolade und Zältli. Ich musste anständig gekleidet sein, durfte nicht fluchen und musste dem Plan folgen, der vorgegeben war. Ich musste parieren.

Konnten Sie, der das Image eines Rebellen hat, das als kleiner Junge gut?
Ich musste. Aber mit der Zeit begann ich auszuschweifen. Ich war ja Ministrant, und so wusste ich: Am Abend muss ich in der Kirche meinen Job erfüllen. Beim Mittagessen bin ich auch dabei. Aber am Nachmittag gehe ich mit den Kollegen Strassenhockey spielen. Das nahm ich mir heraus. Als ich vom Strassenhockey nach Hause kam, nach zwei, drei Stunden total verschwitzt, und in fünf Minuten bereit sein musste, weil die Verwandten kamen, bekam ich einiges zu hören. Aber das war mir egal.

Sind Sie religiös?
Die Überlieferungen des Christentums sind 2000 Jahre alt, die stimmen vermutlich schon. Ja, ich glaube, dass es einen Gott gibt. Es kann nicht sein, dass wir einfach so da sind. Ich glaube aber auch, dass der in den verschiedenen Religionen einfach anders auftritt. Es läuft überall aufs Gleiche hinaus. Die Religionskriege hätten wir uns also sparen können.

Sind Ihnen christliche Werte wie Nächstenliebe und Glaube wichtig?
Werte sind immer wichtig. Aber die Menschen sind geboren, um Fehler zu machen. Deshalb dürfen wir ja auch beichten. Die Menschheit hat eher die Tendenz zum Bösen. Es gibt so viele Ungerechtigkeiten in dieser Welt. Es tut mir weh zu sehen, dass Menschen in Saus und Braus leben und andere nichts haben. Und dass sich in der Schweiz, wo es den meisten so gut geht, alles um Neid, Macht und Geld dreht. Weihnachten sollte eine Zeit sein, in der man darüber nachdenken und sich für die Armen einsetzen sollte.

Tun Sie das?
Ich tue einiges für andere Menschen. Aber darüber möchte ich nicht in der Öffentlichkeit reden.

Wie wichtig sind Ihnen Werte in Ihrer täglichen Arbeit?
Wenn alle solche Werte leben würden wie Joe Marha, der ein bekennender Christ ist, wäre es für uns Coachs viel einfacher. Dass er nie zum wertvollsten Spieler unserer Liga gewählt wurde, tut mir noch heute weh. Er war einer, der sich stets fürs Team aufopferte. Aber man achtet eben mehr aufs Toreschiessen. Schein ist wichtiger als Sein. Dabei geht es im Eishockey darum, dass die fünf auf dem Eis füreinander da sind. Nur ums Tor herum muss man egoistisch sein.

Wie kann man den Gemeinsinn in einem Team fördern?
Man muss ein Klima schaffen, in dem die Spieler merken: Es ist geil, wenn wir zusammenspielen, wenn wir zusammen etwas kreieren, füreinander einstehen. Aber dass diese Botschaft bei allen ankommt, ist fast unmöglich. Denn es gibt immer solche, die unbelehrbar sind, ein zu starkes Ego haben, sich zu sehr am Geld orientieren.

Ist es schwieriger geworden?
Ja, es ist schwieriger als früher.

Wieso?
Weil wir in einer Computergesellschaft leben mit Handys, iPads, Facebook, Twitter und so weiter. Die heutigen Jungen wachsen ganz anders auf. Wenn man sich früher von der Freundin trennen wollte, musste man sich mit ihr verabreden, geschlagenen Hauptes zum Treffen gehen und es ihr erklären. Und vielleicht bekam man noch ein paar an die Ohren. Heute nimmt man das Handy in die Finger, schreibt, es sei fertig, und sieht sie vielleicht nie mehr.

Der Egoismus ist ausgeprägter?
Ich glaube schon. Und die neuen Medien haben bewirkt, dass man viel schneller vergisst. Wenn man einen schlechten Match gespielt hat, schreibt man auf dem Nachhauseweg halt auf Twitter: Sorry, ich wollte kein Eigentor schiessen. Und schon hat man das Gefühl, es sei wieder alles okay. Früher schämte man sich für einen Fehler bis zum nächsten Spiel.

Verbieten Sie Handys in der Garderobe?
Nein. Auch wenn einer einmal zu spät kommt, mache ich nicht einen Riesenaufstand. Ich will, dass meine Spieler extrem gut laufen, schiessen, zusammenspielen, ich möchte geniale Tricks sehen, Powerplays, Spielzüge, hohes Tempo, schöne Tore, 1000 Sachen. Das zu vermitteln, beschäftigt mich schon genug. Soll ich mich jetzt noch damit aufhalten, die Handys einzusammeln? Müsste ich das tun, ich würde viel verlieren von meiner Kreativität.

Sie sprechen oft davon, Perfektion anzustreben. Ist das in einem Spiel, das von Fehlern lebt, nicht illusorisch?
Bald ist Weihnachten. Da werden einem Wünsche erfüllt, nicht?

Ja.
Also. (Augenzwinkernd.) Der liebe Gott sagte mir: Du schaffst diese Perfektion noch! Deshalb probiere ich es weiter. Ich möchte mit meinem Team eine Sinfonie schreiben, führte bisher aber immer nur die Achte von Schubert auf, die Unvollendete. Doch ich mache weiter. Es kommt noch. Ich habe nicht mehr viel Zeit, aber es kommt noch!

Beim HCD oder anderswo? Ihr Vertrag läuft ja aus.
Die Chance besteht, dass ich in Davos bleibe. Aber vielleicht pausiere ich auch ein Jahr und leite nochmals meine letzten sieben, acht Jahre als Trainer ein. Das wäre auch nicht schlecht.

Haben Sie schon verhandelt?
Das interessiert mich momentan nicht. Das Wichtigste ist, dass ich mein Team auf den richtigen Weg zurückbringe. Vielleicht muss ich dafür personelle Anpassungen vornehmen. Ich spüre, es könnte etwas ganz Gutes geben. Dafür arbeite ich momentan wir ein Irrer. Aber inzwischen bin ich nun wieder täglich sauer, weil zwei, drei Dinge, die ich als Bagatellen erachte, vieles kaputtmachen. Eine negative Gruppendynamik ist schnell entstanden. Der Match gegen Fribourg war inakzeptabel. Gegen Biel: inakzeptabel. Gegen Kloten: inakzeptabel. Für solche Spiele schäme ich mich. Als ich letzte Saison merkte, dass es in die falsche Richtung geht, weil wir so viele Verletzte hatten und viele den Club wechselten, drückte ich beide Augen zu, damit es kein Theater gab. Sonst wären wir ins Playout gefallen. Aber diesmal kann ich nicht mehr alles durchgehen lassen.

Was?
Dass gewisse Spieler nur für sich schauen. Das macht das Teamspiel kaputt.

Wer?
Darauf müssen Sie selber kommen.

Trifft es Sie persönlich, wenn ein Spieler wie Gregory Hofmann schon jetzt bei Lugano unterschrieben hat?
Klar trifft mich das. Wir hätten jetzt ein Team, das wir weiterentwickeln könnten. Wenn es zusammenbleibt, wir ein paar kleine Veränderungen vornehmen, könnten wir so gut werden wie ein europäischer Spitzenclub vom Kaliber Sankt Petersburgs. Ich werfe Hofmann nicht vor, dass er in Lugano unterschrieben hat. Unser Transfersystem ist krank. Aber es ist schade, wenn immer wieder Spieler weggehen. Die tragen den Wunsch nach einer Sinfonie nicht in sich. Aber dagegen kann ich nicht ankämpfen.

Sie mussten als Spieler mit 21 wegen einer Fussverletzung aufhören. Haben Sie das Gefühl, wenn Sie als Spieler …
… wenn ich heute nochmals so jung wäre, ich würde in der NHL landen. Dafür würde ich alles tun. Ich würde stundenlang Skills trainieren, schiessen, laufen wie ein Idiot, den Körper stählen. Und die Spielintelligenz hätte ich. Aber ich begann zu spät, dann hatte ich den Unfall, und die NHL war so weit weg, sie war damals noch kein Ziel. Heute würde ich alles tun dafür. Alles. Ich hätte grosse Freude, wenn es einige meiner Spieler schaffen würden. Aber viele sind viel zu schnell zufrieden. Das ist schwer zu akzeptieren.

Sind Sie, weil Sie so früh aufhören mussten, der leidenschaftlichere Trainer geworden?
Nein. Das hat damit nichts zu tun. Ich tue alles mit Leidenschaft. Und ich lasse mich gerne inspirieren. Wenn ich einen Politiker genial reden sehe, gibt mir das Kraft. Wie Richard von Weizsäcker. Oder heute noch Helmut Schmidt, Wahnsinn! Ich schaute mir 20 Jahre lang die Bundestagsdebatten im Fernsehen an. Wegen der Rhetorik, aber auch, weil ich die grösseren Zusammenhänge verstehen wollte. Volks- und Betriebswirtschaft, die Finanzen und das Soziale. Aber es begann mit der Rhetorik. Davon konnte ich einiges aufs Eishockey anwenden. Mimik. Gestik. Ironie. Sarkasmus. Komik. Laut. Leise. Hart. Weich. Gute Worte. Schlechte. Wenn Herbert Wehner (ein SPD-Politiker) auf der Kanzel ausflippte, zuckten alle zusammen. Aber mein Liebling war Richard von Weizsäcker. Wie klar und ruhig er sprach. Bei ihm sass jedes Wort.

Finden Sie während einer Saison noch Zeit, sich anderem zu widmen als dem Eishockey?
Bis vor zehn Jahren hämmerte ich mir 24 Stunden am Tag Eishockeywissen in den Kopf. Dann sagte ich zu mir: Du kannst nicht einmal annähernd das verwirklichen, was du jetzt weisst. Jetzt musst du aufhören, dich wieder anderem widmen, mehr lesen, Musik hören. Diese Saison konnte ich bis vor kurzem ausgezeichnet abschalten. Aber seit ein, zwei Wochen denke ich wieder unaufhörlich ans Eishockey. Weil ich spüre, dass kleiner Mist alles kaputtmachen könnte.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Sicher nicht mehr im Eishockeystadion. Dann sonne ich mich auf den Malediven, lese ein gutes Buch, schaue vom Balkon dem Sonnenuntergang zu, esse fein zu Abend. Und einmal pro Woche genehmige ich mir ein gutes Glas Wein. Natürlich will ich gute Menschen um mich, mit denen ich spannende Gespräche führen kann. Und ab und zu schaue ich mir einen Fussballmatch an, wie sich zwei Weltklasseteams auf höchstem Niveau duellieren. Real Madrid gegen Arsenal, beispielsweise. Mit noch schnelleren Kombinationen, noch besserer Ballbehandlung, noch mehr Pressing, als wir das je erlebt haben. Fantastisch!

Erstellt: 22.12.2014, 08:27 Uhr

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