Der neue HC Davos entsteht

Während Arno Del Curto den ZSC wachrüttelt, arbeitet sein Nachfolger in Davos an neuen Strukturen im HCD.

Illustration Kornel Stadler

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Kann eine Mannschaft, die nur eines der letzten sechs Spiele gewann, trotzdem auf dem richtigen Weg sein? So grotesk das tönen mag, aber in diesem Fall lautet die Antwort: Ja.

Es dürfte für den neuen Davoser Trainer Harijs Witolinsch letzten Sonntag im Hallenstadion trotz allem auch eine kleine Erlösung gewesen sein. Es tut gut, die Bestätigung auch einmal schwarz auf weiss in Form eines Sieges zu sehen. Auch wenn der Blick auf die Tabelle derzeit wohl nicht so häufig erfolgen dürfte, wie das ansonsten üblich ist im Trainer-Metier.

Man muss es nüchtern betrachten: Die Punkte sind sekundär, der HC Davos wird das Playoff verpassen, er wird auch Rang 10 nicht mehr erreichen, auch wenn 19 Punkte Rückstand in 23 Spielen theoretisch wettzumachen sind. Und auch wenn Witolinsch so nicht reden wird, weiss auch er, dass er bereits jetzt, Mitte Januar, mitten in der Vorbereitung der Playout-Serie gegen die Rapperswil-Jona Lakers steckt. So tief ist der Rekordchampion, vor gut drei Jahren noch Meister, gefallen.

Den Ernst der Lage endlich erkannt?

Wie die letzten drei Spiele es aber deutlich zeigten: Sieht man über die immer noch kursierende Verspieltheit im Abschluss einiger weniger routinierter Stürmer hinweg, scheint es, als sei in Davos der Ernst der Lage endlich erkannt – bloss davon gesprochen wurde ja lange genug …

Was hat geändert in den letzten knapp zwei Monaten?

- Die Mannschaft spielt nicht nur solider in der Defensive, sie tut dies immer konstanter, das Spiel in Zug, das nur mit viel Glück bloss 3:5 (statt 1:10) verloren ging, war kein Rückfall in die Unordnung zu Saisonbeginn, sondern ein Ausrutscher. Und, oh Wunder: Spielt die Mannschaft disziplinierter, strukturierter, sehen plötzlich auch die Goalies besser aus. Dieser Trend setzte nicht erst unter Witolinsch, sondern bereits unter Interims-Coach Michel Riesen ein.

- Sven Jungs Tor aus dem Slot in Zürich am Sonntag war ein gutes Beispiel, Julian Payr gelang schon zwei Mal ähnliches: Witolinsch erlaubt den Verteidigern, auch den jungen, offensive Freiheiten. Das ist taktisch nichts revolutionäres, aber dennoch was Neues in Davos.

- Mit dem letzte Woche verpflichteten Tomas Kundratek hat die Abwehr eine echte Aufwertung erfahren. Der Tscheche gehört auf Anhieb zu den besten Verteidigern der Liga – kein offensiver Blender, aber ein Abwehrchef, wie ihn jeder Trainer sich wünscht. Und einer, der endlich ein wenig «Dreck», Biss, Boshaftigkeit in diese Mannschaft bringt. Das war dringend notwendig. Sobald der derzeit verletzte Magnus Nygren zurückkehrt, wird Witolinsch mit dem Schweden, Kundratek und Félicien Du Bois erstmals drei routiniertere Abwehrspieler einsetzen, ihre Einsätze aufteilen können. Es braucht auch hier keinen Propheten, um vorherzusehen: Der ganze Rest an jüngeren, jungen und ganz jungen Verteidigern, wird ruhiger, weniger fehlerhaft agieren. Witolinsch muss bloss der Versuchung widerstehen, Kundratek nicht zu sehr zu forcieren. Er wird ihn im Abstiegskampf noch dringend benötigen.

René Müllers stille Arbeit

Der Kundratek-Transfer ist ein weiteres stilles Ausrufezeichen von René Müller. Der tüchtige Sportchef ad interim (Oder wird er es gar definitiv?) hat bislang sehr viel aus einer schwierigen Situation gemacht und verhindert, dass die Mannschaft im Hinblick auf die nächste Saison komplett auseinanderfällt. Dass das bislang kaum irgendwo Beachtung fand, liegt auch daran, dass Müller gegen aussen nicht ein nach Aufmerksamkeit heischender Lautsprecher ist.

Diese nächste Saison, die der HCD natürlich weiterhin in der National League zu bestreiten hofft. Und diese nächste Saison, bei der zwangsläufig die Frage aufkommt, warum der HC Davos viel besser sein soll als in der aktuellen. Es werden schliesslich mehrheitlich die selben Spieler sein wie aktuell.

Was man kaum glaubt …

Auch darum ist der Club drauf und dran, neue Strukturen zu schaffen. Auch Witolinsch steckt da mittendrin. Denn es haben sich auch neben dem Eis diverse Dinge geändert seit Mitte Dezember: Das Konditionstraining wurde inklusive Personal umgestellt. In Davos wird gemunkelt, dass letzten Sommer in diesem Bereich Versäumnisse erfolgt sind.

Es finden häufiger spezifische Goalie-Trainings mit entsprechendem Personal statt. Das dürfte allen zugute kommen.

Und last but not least: Man glaubt fast nicht, dass das vorher tatsächlich anders war: Der HCD hat endlich wieder einen Video-Coach, der während des Spiels dem Cheftrainer sofort mögliche Situationen für eine Coach’s Challenge (Offside, Torhüterbehinderung etc) mitteilen kann – so wie das bei jedem anderen NL-Club Standard ist.

Del Curto sah das hier richtig

Was auch noch erwähnt sein soll: Diese letzten drei Spiele, die für etwas Optimismus sorgen dürfen im Landwassertal, sie wurden allesamt mit dem in der Theorie «schwächsten», weil jüngsten und unerfahrensten Lineup absolviert. Nie fehlten zuvor so viele (acht an der Zahl) eigentliche Leistungsträger wegen Verletzungen oder Sperren.

Es ist in Davos eines der wenigen positiven Fakten einer bislang völlig verkorksten Saison. Viele junge Spieler finden sich unerwartet früh in so guten Rollen wieder, wie das nirgendwo anders der Fall wäre. Die Mehrheit wird davon profitieren, wenn nicht in dieser, dann in der nächsten Saison. Ein Beispiel? Eine der besten Davoser Sturmlinien in den letzten drei Spielen bestand aus drei «No Names»: Chris Egli, Marc Aeschlimann, Tino Kessler.

Und da kommt tatsächlich wieder Arno Del Curto, mittlerweile auf neuer Mission beim ZSC, ins Spiel. In einem früheren Interview mit dieser Zeitung sagte er, damals noch HCD-Trainer, einen Satz, den er aber gleich wieder zurückgenommen haben wollte: «Eigentlich läuft es dann am besten, wenn du so viele Junge wie nur möglich einsetzt.»

Ob Witolinsch zuletzt auch zu dieser Erkenntnis kam? Falls ja, dürfte er aber auch folgenden Schluss gezogen und dasselbe Dilemma gesehen haben wie sein Vorgänger. Denn Del Curto sagte damals auch: «Es könnte aber dann auch sein, dass dir vorne womöglich die Tore fehlen.» Davos schoss in diesen drei Spielen nur gerade fünf Tore.

Erstellt: 17.01.2019, 20:40 Uhr

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