Der talentierte Mr. Tangnes

Der 40-Jährige stürmte mit dem EV Zug in die Halbfinals und steht für eine neue Kultur. Nun soll der Meistertitel folgen.

Auf Anhieb erfolgreich: In der Schweiz gewinnt Dan Tangnes erstmals eine Playoff-Serie.

Auf Anhieb erfolgreich: In der Schweiz gewinnt Dan Tangnes erstmals eine Playoff-Serie. Bild: Stefano Schröter

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Ein Dutzend Kinder sitzt auf den Stufen und versperrt die Treppe, die zum Restaurant der Bossard-Arena führt. Behutsam nähert sich ein Mann im Trainingsanzug. Die Kinder rücken zur Seite und geben einen schmalen Durchgang frei. «Danke», sagt der Mann. Ein paar Minuten später sitzt Dan Tangnes an einem Tisch der «67 Sportsbar». Seine blauen Augen weiten sich, sein ganzes ­Gesicht strahlt, als er sagt: «Meine Frau hielt mich für verrückt.»

Verrückt wirkt der 40-Jährige so gar nicht. Seit ihn der EV Zug vor elf Monaten als Trainer der ersten Mannschaft holte, erscheint Tangnes eher als perfekter Schwiegersohn. Schlagzeilen produzierte er erst, als sein Team im Februar den Cup gewann. Und letzte Woche, als es Lugano ungebremst aus dem Playoff warf. «Premiere mit Pauken und Trompeten», schrieb der «Blick». «Der EVZ gibt mit seinem rasanten Stil den Takt vor», stand im «Tages-Anzeiger». «Nur der Himmel ist die Grenze», schwärmte die Onlinezeitung «Zentralplus».


«Ich kündige meinen Job und werde Vollzeittrainer», sagte Tangnes zur Frau. Sie antwortete: «Nein, das tust du nicht.» Er: «Doch, das tue ich.»

So also sieht der Mann aus, dem sie in Zug zutrauen, den zweiten Meistertitel nach 1998 zu holen: ein Norweger mit wachen, leuchtend blauen Augen, vor sich ein Mineralwasser. Kein Haar am ­falschen Ort, keine Schweissperle, nichts deutet darauf hin, dass er kurz zuvor ein Training geleitet hat, bei dem er kaum weniger ins Schwitzen kam als sein Personal.

«Die Spieler arbeiten hart», sagt seine weiche, tiefe Stimme, «doch wir müssen sicherstellen, dass sie nie glücklich sind.» Wieder weiten sich die blauen Augen. Überraschen die Falten, zu denen dieses jugendliche Gesicht schon imstande ist beim Lächeln.

Ist das wirklich derselbe Mann, der eben noch mit Kaugummi und Trillerpfeife nonstop in Bewegung war? Der Übungen sofort unterbrach, wenn sie nicht wunschgemäss ausgeführt wurden? Der Verteidiger Zgraggen um ein paar Zentimeter verschob, um die korrekte Position zu zeigen? Der «Hey, listen up!» brüllte, dass es quer durch die Arena hallte? Der immer wieder auf Einzelne einredete?

«Das ist Coaching», erklärt Tangnes. «Man kann auch sagen: Lehrer sein.»

«Wie gaats?», will Tangnes auf Schweizerdeutsch wissen

Dass Tangnes Lehrer, also Coach wurde, war alles andere als vorgezeichnet. Weniger wegen seiner Herkunft – denn in Oslo, wo er aufwuchs, lag das Stadion von Valerenga bloss fünf Minuten entfernt. Alle seine Freunde spielten Eishockey. Wer wie Tangnes das Glück hat, in der Nähe eines Eisfelds aufzuwachsen, bleibt im Land der Langläufer und Handballer keineswegs ein Exot – jedenfalls nicht, solange er Kind ist. Die Probleme fangen mit der Pubertät an.

«Hi Dan!» Während Tangnes schildert, wie er mit 15 nach Schweden ins Eishockey-Gymnasium wechselte, kommt ein Mann in Lederjacke mit EVZ-Logo an den Tisch. Ein Supporter? «Wie gaats?», will Tangnes auf Schweizerdeutsch wissen. «Alles klar», antwortet der Mann, «macht Spass.» Und weil das auch bei einem Halbfinalisten nie schaden kann, wünscht er zum Abschied noch «eine gute Saison».

Wünschen allein hilft natürlich nicht – niemand weiss das besser als Tangnes. In Norwegen galt er als Talent, erhielt Aufgebote fürs Junioren-Nationalteam. In Schweden aber, wo er in Ängelhom für die Junioren des Rögle BK spielte, ging er unter. Bei der Ankunft sprach er kein Schwedisch, danach lebte er die meiste Zeit allein, musste auf sich selbst aufpassen. Sportlich stagnierte er. «Ich bin zu früh weg», sagt er dazu heute, «meinen Karrierehöhepunkt hatte ich mit 18.»

Die weiteren Stationen spiegeln das: Als Stürmer ohne Torgefahr tingelte er durch die südschwedische Provinz: Ängelholm, Gislaved, Höganäs, dazwischen ein Jahr im heimischen Lillehammer.

«Ich bin ein Mensch, der mehr die Chancen sieht als die Risiken»Dan Tangnes

Im Alter von 25 war Schluss, scheinbar ganz, mit Eishockey. Tangnes übernahm eine Vollzeitstelle bei einer Baufirma in Ängelholm, stieg zum Projektmanager auf. Dabei besuchte er Führungsseminare, beschäftigte sich mit Sozialpsychologie. Und erkannte: «Ich hatte so viele schlechte Coachs!» Es erwachte der Wunsch, neue Ideen ins Hockey zu bringen. Und so begann er, nebenbei als Juniorentrainer bei Rögle arbeiten.

Seine Frau, eine Schwedin, wurde schwanger. Die beiden begannen, ein Haus zu bauen. Dann sagt er zu ihr: «Ich kündige meinen Job und werde Vollzeittrainer». Sie sagte: «Nein, das tust du nicht.» Er sagte: «Doch, das tue ich.»

Tangnes’ blaue Augen weiten sich. «Ich nahm eine grosse Lohneinbusse in Kauf», erinnert er sich. Es war der Moment, als seine Frau ihn für verrückt erklärte.

Erster Trainerjob, Aufstieg und Entlassung – in 14 Monaten

Dann ging es los mit der Achterbahnfahrt. Wie Tangnes beim zweitklassigen Rögle erst als Nothelfer einsprang, den Club sensationell zum Aufstieg führte – und dann alles schnell wieder zusammenbrach. 14 Monate nach seinem Trainerdebüt hatte er schon einen Aufstieg und eine Entlassung erlebt. «Ich war überhaupt nicht bereit», musste er zum zweiten Mal im Leben erkennen. Doch er nutzte die ungewollte Freizeit, holte nach, was er bei der Fahrt nach oben nie hatte tun können: den Job Profitrainer richtig kennen lernen.

Einmal flog er nach Kalifornien, um die San Jose Sharks bei der Arbeit zu beobachten. Einmal sprach er mit einem Unternehmer, der ihm sagte: «Ich wünschte, ich hätte mit 32 eine solche Erfahrung gemacht – dafür würde ich Millionen zahlen. Saug alles auf, sie macht dich stärker.» Tangnes traf jede Menge Leute, machte sich jede Menge Notizen. Und war bereit, als mit Linköping der nächste Club Interesse zeigte. Erst als Assistenzcoach, nach einer Saison als Chef. Es war seine letzte Station vor dem EV Zug.

Es falle ihm schwer, grusslos an Leuten vorbeizugehen.

Der Abgang in Linköping verlief nicht ohne Nebengeräusche – sein Vertrag wäre noch zwei Jahre gültig gewesen. Doch womöglich liegt genau darin das grösste Talent von Dan Tangnes: sich selbst zu hinterfragen und immer wieder neu zu erfinden. «Ich bin ein Mensch, der mehr die Chancen sieht als die Risiken», sagt er sowohl über seinen Umzug als Teenager nach Schweden wie über den Wechsel in die Schweiz.

So hat er einerseits neue Ideen in den EVZ gebracht – den zweiten Assistenztrainer etwa, den sie dort bisher nicht hatten. Und hat andererseits hiesige Eigenheiten in seine Arbeit fliessen lassen. In Schweden sind die Hierarchien flacher, werden Entscheide eher gemeinsam gefällt. Dort, so Tangnes, würde man Spieler erst fragen: Wie geht es dir? Was hältst du davon? «Aber wenn man das in der Schweiz täte, käme als Antwort ­zurück: Du bist der Coach, das ist dein Job.»

Ein bisschen Kulturwandel steht also für alle auf dem Programm. Für den EVZ, der wieder eine meisterliche Organisation werden will. Für die Spieler, die so engen Kontakt mit ihren Lehrern – Pardon, Coachs – haben wie nie zuvor. Und nicht zuletzt für den Trainer. Das Stigma, nie eine Playoff-Serie gewonnen zu haben, schaffte er vor einer Woche schon aus der Welt. Seine achtjährige Tochter besucht längst eine ganz normale Schule, damit sie sich schneller integriert. Seine Frau hält ihn nicht mehr für verrückt, sondern nimmt Deutschstunden. Und Tangnes selbst grüsst zum ungefähr 17. Mal an diesem Mittag einen Passanten.

Es falle ihm schwer, grusslos an Leuten vorbeizugehen, erklärt er fast entschuldigend: «Man versucht immer, Augenkontakt herzustellen und Hoi zu sagen.» Und wieder überraschen die tiefen Falten. Und wieder leuchtet es blau.

Erstellt: 23.03.2019, 23:24 Uhr

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